Sportlich hält die Jugend des FC Gießen auch mit den Großen in Hessen mit, hier ein Laufduell aus der Vorsaison mit Eintracht Frankfurt. Trikotsponsor Bauhaus hat sich beim FC Gießen aus der Jugend mittlerweile zurückgezogen., ist nur noch für die Senioren als Bronzepartner aktiv.
+
Sportlich hält die Jugend des FC Gießen auch mit den Großen in Hessen mit, hier ein Laufduell aus der Vorsaison mit Eintracht Frankfurt. Trikotsponsor Bauhaus hat sich beim FC Gießen aus der Jugend mittlerweile zurückgezogen., ist nur noch für die Senioren als Bronzepartner aktiv.

FC Gießen

Die Jugendarbeit des FC Gießen unter der Lupe

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
    schließen

Sportlich leistet der FC Gießen im Jugendfußball außergewöhnlich gute Arbeit - die Übernahme der Talente in den Seniorenbereich hakt aber genauso wie die Bezahlung der Jugendtrainer.

  • Der FC Gießen bildet Jahr für Jahr große heimische Fußball-Talente aus
  • Organisatorisch hakt es: Die Bezahlung der Jugendtrainer findet seit Monaten nicht statt
  • So will Vorstand Turgay Schmidt der Jugendarbeit wieder Struktur verleihen

Die zwei Gesichter des Jugendfußballs beim FC Gießen, die sportlich gute Arbeit und das Vernachlässigen von Vereinsseite aus, sie zeigen sich perfekt im Sommer 2020. Mit den 19-jährigen Paul Fiedler, Justin Schweitzer, Nick Gebauer und Marcus Purdak wird ein befreundetes Quartett bestens ausgebildet - und nach der A-Jugend ziehen gelassen.

Vier leistungsstarke junge Fußballer, aus Dorlar, Atzbach und Kinzenbach spielten bis zuletzt in der Jugend des FCG, wären gerne geblieben - und laufen nun gesammelt für den SC Waldgirmes II in der Verbandsliga auf.

FC Gießen: Mit den talentierten A-Jugendlichen wurde nicht gesprochen

»Mit mir wurde gesprochen, mit allen anderen fand keine Kommunikation statt. Man hat sie nicht gefragt«, erklärt Verteidiger Fiedler, seit der C-Jugend Kapitän. »Es war eine schöne Zeit in Gießen, ich hatte meine Freunde dort, habe die sportliche Qualität geschätzt. Ich bin dadurch weiter gekommen, als ich mich sonst hätte entwickeln können. Ich wäre gerne geblieben. Aber ich spiele sehr gerne mit meinen Freunden - und in Waldgirmes hat man mit uns gesprochen. Dort ist der Sprung zur ersten Mannschaft realistischer.«

Der A-Jugend-Kapitän Paul Fiedler (r.) hat den FC Gießen im Sommer verlassen.

Während talentierte A-Jugendliche also nicht kontaktiert und ziehen gelassen wurden, füllte der FC Gießen seine Reserve in der Verbandsliga folglich mit einem Facebook-Aufruf und damit häufig einhergehenden zu zahlenden Ausbildungsentschädigungen an andere Vereine. »Sorry, das kann ich beim besten Willen nicht verstehen, das ist mir zu hoch. Wir bilden für andere Vereine aus«, sagt ein Vereinsmitglied.

Der kleinste G-Jugend-Spieler im FC-Gießen-Trikot ist genauso wichtig wie der Regionalligaspieler

Vorstand Turgay Schmidt

»Es lag daran«, sagt der Sportliche Leiter der Jugend, Martin Selmo, »dass sich vom Verein keiner um die zweite Mannschaft gekümmert hat. Das war sehr schade und soll künftig besser laufen.«

Neben Fiedler, Schweitzer, Gebauer und Purdak beweisen sich noch drei weitere Ex-A-Jugendliche in Verbands- bzw. Hessenliga: Keyshawn Cosby, 18, bei TuBa Pohlheim, Sebastian Greb, 18, beim FC Cleeberg und Nils Schäfer, 18, beim FSV Fernwald. Vorstand Turgay Schmidt, der nach dem Rückzug des gesamten bisherigen Vorstands seit Oktober die Verantwortung trägt, will das ändern - die PS der Jugendabteilung soll auf die Straße gebracht werden. »Der Unterbau ist die Basis für erfolgreiche Vereinsarbeit«, sagt der 55-jährige Rechtsanwalt. »Der kleinste G-Jugend-Spieler im FC-Gießen-Trikot ist genauso wichtig wie der Regionalligaspieler.«

FC Gießen in der Jugend: Gute Arbeit, schlechter Ruf?

So wurde mit dem neuen Coach der zweiten Mannschaft, Benjamin Höfer, bereits ein »Bindeglied« zwischen Jugend und Reserve geschaffen. Die sportliche Arbeit in der Jugendabteilung soll künftig mehr Früchte im Seniorenbereich tragen. Damit ist es nicht mehr heißt: Gute Arbeit, schlechter Ruf.

»Man sieht oft das Negative, die Turbulenzen im Verein, die alles andere überdecken«, sagt Selmo. »Dabei vergisst man, dass wir sportlich viel erreicht haben und gut da stehen.«

Martin Selmo ist seit 2018 Sportlicher Jugendleiter beim FC Gießen.

Hessenweit besetzt der FC Gießen in der Jugend derzeit die höchsten Spielklassen - in A-, B- und C-Jugend sind die Rot-Weißen in der Hessenliga vertreten. »Bei den B- und C-Junioren sieht es gut aus, dass wir die Klasse halten«, meint Selmo. In der A-Jugend steht der FC derzeit auf dem letzten Tabellenplatz. Für Selmo steht fest: »Trotz der Umstände haben wir es im Training und im Spiel, gut hinbekommen.«

Die Umstände sind es, die U 17-Trainer Eduardo Dursun zu folgender Aussage verleiten: »Es wird schlechter dargestellt als es ist - das Finanzielle steht in der Außenwahrnehmung im Vordergrund, sollte für uns aber nicht entscheidend sein.« In dieser Saison haben die Jugendtrainer des FC Gießen noch kein Geld erhalten, nicht einmal Aufwandsentschädigungen wurden bisher gezahlt - ein Problem, das schon in der vergangenen Spielzeit aufgetreten ist.

Turgay Schmidt ist sich der Sachlage bewusst: »Der Verein steht in der Pflicht, seine Jugendtrainer zu bezahlen. Vieles, was in anderen Vereinen normal ist, muss hier erst wieder in ordentliche Bahnen gelenkt werden.«

Wir haben November - und alle Jugendtrainer sind noch da“

Sportlicher Jugendleiter Martin Selmo

Sportlicher Leiter Selmo sagt dazu: »Turgay Schmidt ist da nun dran. Wir haben November - und alle Jugendtrainer sind noch da. Ich denke, das zeigt, dass wir eine gute Gemeinschaft haben. Wir verstehen uns gut, helfen uns bei der Spieleraquise.« Dursun erklärt: »Die Anreize sind da, wir lieben den Fußball und geben alles für die Jungs. Das erkennen auch die Eltern an.«

Traditionell wurde beim Vorgänger des FC, dem VfB 1900 Gießen, Wert auf die Jugendarbeit gelegt - viele Ehrenamtliche halten die Fahnen seit jeher hoch. »Wir als Trainerkollektiv stützen das Ganze mit der großen Hilfe Einzelner und der Eltern«, sagt Selmo. Sinnbildlich dafür stehen Betreuer wie Sascha Becker oder der aktuell wieder engagierte Rainer Zimmermann.

Der DFB-Stützpunkt in Grünberg profitiert vom FC Gießen

Der Einsatz macht sich bezahlt, wie auch DFB-Stützpunkttrainer Daniyel Bulut erklärt: »Wir Stützpunkttrainer profitieren sowohl von der TSG Wieseck als auch vom FC Gießen sehr. Dort wird gute Arbeit gemacht. Es gibt im Stützpunkt in Grünberg auch Spieler von anderen Vereinen aus dem Gießener Landkreis, aber in der Breite sind Wieseck und Gießen am besten aufgestellt.«

U17-Trainer Eduardo Dursun sagt: „Wir geben alles für die Jungs.“

Das Konkurrieren mit der TSG Wieseck ist nicht neu - die Blau-Weißen können auf gefestigte Strukturen und einen besseren Ruf außerhalb von Mittelhessen bauen. Der FC Gießen wiederum wirbt mit der »Größe des Vereins und einer Perspektive« (Dursun) - also dem Zugpferd Regionalliga-Mannschaft und der Verbandsliga-Reserve als Übernahmeplattform.

»Die muss dann allerdings auch genutzt werden. Es fehlt an Vorbildern, die es geschafft haben«, sagt ein ehemaliger Jugendtrainer des FC.

Kaum Eigengewächse im Seniorenbereich des FC Gießen

Im aktuellen Regionalliga-Kader steht mit dem 20-jährigen Verteidiger Felix Lau nur ein Akteur, der aus der eigenen Jugend stammt. Er wurde in der bisherigen Viertliga-Spielzeit noch nicht eingesetzt, trainiert aber mit dem Team. Der derzeit mit einem Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzte 21-jährige Samuel Sesay durchlief die komplette Jugendabteilung. Obwohl er vom Leistungspotenzial auf Regionalliganiveau lag, gab sich der Verein bei einer vertraglichen Bindung kaum Mühe - Sesay zog es im Sommer zum FSV Fernwald.

Turgay Schmidt hat das erkannt, setzte nicht ohne Grund bei der Terminierung der ersten Treffen nach Amtsübernahme eine Prioritätenliste: Erst Jugend, dann zweite Mannschaft, dann »FCG Offensive GmbH«. Seine Handlungsfelder: Zurechtrücken der finanziellen Situation samt Bezahlung der Trainer, klare Koordinierung der Trainingszeiten, die auch coronabedingt durcheinander gerieten. Rund 220 Kinder und zwölf Jugendmannschaften teilen sich die Anlage an der Neumühle mit Verbandsligist TuBa Pohlheim, der zweiten Mannschaft und den Alten Herren.

FC Gießen: Vorstand Turgay Schmidt will nun Gespräche suchen

Nach dem Rückzug des langjährigen Hauptsponsors Bauhaus, dessen Kontrakt auslief, und dem Vorstandschaos muss die Jugendarbeit organisatorisch auf neue Füße gestellt werden. Das Kreieren eines Förderkreises blieb bis jetzt eine lose Idee. »Wichtig ist, dass mit mir nun ein Ansprechpartner da ist«, sagt Schmidt.

Die »FCG Offensive GmbH« mit Geschäftsführer Markus Haupt wollte das für die Jugend nie sein, sieht sich ausschließlich für das Regionalliga-Team verantwortlich - was viele im und um den Verein bis heute verwundert.

Der Rechtsanwalt will mit den Verantwortlichen nun Gespräche suchen - um talentierte A-Jugendliche nicht erneut tatenlos ziehen zu lassen. Luis Böttcher und Jakob Reinhard wären in naher Zukunft Kandidaten. »Solche Spieler sollten wir halten«, sagt Selmo - damit das gute Gesicht der Gießener Jugendarbeit zum Vorschein kommt.

Nachhaltige Vereinsarbeit

Ein Kommentar von Sven Nordmann

Langfristig denken – in diesem Punkt ist der Vorstand Turgay Schmidt dem zurückgetretenen Vorstand und den Gesellschaftern des FC Gießen um einiges voraus. Wichtiger als der Klassenerhalt in der Regionalliga ist es, dem Verein wieder eine gesunde Basis zu verleihen – und nicht nur die erste Mannschaft strahlen zu sehen, während andere im Verein mit den Umständen hadern.

Der FC leistet in der Jugend gute Arbeit – es ist Aufgabe aller, dass das in der Außenwahrnehmung ankommt. Gelingt das, wird das Engagement belohnt und der gesamte Verein aufblühen – davon profitiert früher oder später auch die erste Mannschaft.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare