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FC Gießen

Jake Hirst: Tennis, Fernstudium - und warten

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Die Fußballer des FC Gießen halten sich weiterhin individuell auf freiwilliger Basis fit. Der Bad Nauheimer Jake Hirst weiß sich zu helfen und spricht über die turbulente Saison des Regionalligisten.

Immerhin: Die Tennisplätze haben seit dem vergangenen Samstag für Einzelduelle wieder geöffnet - Jake Hirst, der sportlich vielseitig Begabte freut sich darüber: "Ich werde in den nächsten Tagen sicher auf dem Tennisplatz vertreten sein. Das hält fit."

Ansonsten ist Hirst, der am 5. Mai 24 Jahre alt wurde, nicht zum Feiern zumute. "Es ist eine frustrierende Situation", sagt der Stürmer des FC Gießen. Lediglich der Fußball hat nachwievor keine Entscheidung über Saisonabbruch- oder spätere Fortsetzung getroffen. Am Zustand, sich nur individuell fit zu halten, ändert sich vorerst nichts: Der heimische Fußball-Regionalligist hat erklärt, trotz der Lockerungen weiterhin auf 100 Prozent Kurzarbeit und die Freiwilligkeit der Spieler, einzeln zu trainieren, zu setzen.

"Das Maßnahmenpaket von letztem Donnerstag hat für uns keine Auswirkungen", sagt der kommissarische Geschäftsführer des FC Gießen, Markus Haupt. Am Dienstag folgt die nächste Videokonferenz der Regionalliga Südwest. Nur wenn klar sein sollte, dass die vierte Liga in absehbarer Zukunft wieder spielen will, werden die FC-Akteure auf den Trainingsplatz gebeten. Im Interview erklärt der Bad Nauheimer, wie er seinen Tag ohne Fußball verbringt, welche Gedanken sich die Spieler derzeit machen und wie er die turbulenten Monate im Herbst 2019 rund um den FC wahrgenommen hat.

Herr Hirst, seit dem 16. März halten sich die Spieler des FC Gießen durch die 100-prozentige Kurzarbeit freiwillig fit, es gibt keine Trainingsvorgaben mehr - hat sich dadurch etwas geändert?

Das war eher ein formaler Übergang. Man hält sich ja nicht für den Trainer fit, sondern für sich selbst. Vor der Kurzarbeit waren wir in drei Laufgruppen eingeteilt, haben Aufgaben und Zeiten vorgegeben bekommen. Da musste man täglich Präventions- und Stabilisationsübungen machen, Laufeinheiten bestanden aus Sprints, Intervallläufen. Das wurde kontrolliert, nun macht jeder sein eigenes Ding. Ich gehe davon aus, dass die Jungs ihr Programm durchziehen.

Fällt das nach rund zwei Monaten Ungewissheit über Saisonabbruch- oder fortsetzung allmählich schwer?

Nein, weil ich generell kein Typ bin, der vor der PlayStation sitzt, sondern mich körperlich immer gerne betätige. Ich brauche den Sport.

Seit Samstag haben die Tennisplätze in Hessen wieder geöffnet.

Da werde in den nächsten Tagen sicher vertreten sein. Das hält fit. Ich helfe meinem Vater (David, Anm. d. Red.) darüberhinaus auch bei organisatorischen Dingen rund um die Tennisschule.

Viele Fußballvereine bedroht die derzeitige Lage existenziell - welche Gedanken machen Sie sich als ambitionierter Fußballspieler in diesen Zeiten?

Fußball ist ein Tagesgeschäft - jetzt gilt das noch krasser als sonst. Zu planen, ist momentan schwer. Man macht sich seine Gedanken, muss aber abwarten, was passiert. Mein Vertrag (der zum 30. Juni ausläuft) verlängert sich beim Klassenerhalt der Regionalliga Südwest. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass wir über den Sommer hinaus in der Regionalliga vertreten sind - entweder durch eine Saisonaufschiebung oder einen Abbruch ohne Absteiger. Das wäre meiner Meinung nach sowieso am fairsten. Es sind theoretisch noch elf Spiele auszutragen, das ist genug Zeit, sich rauszukämpfen. Es wäre unfair, Vereine aufgrund dieser Situation frühzeitig absteigen zu lassen. Zumal wir vor der Corona-Krise beispielsweise sehr gut drauf waren.

Vor dem Wechsel aus der Kreisoberliga zu den Offenbacher Kickers war der Weg als Tennislehrer eine Option für Sie - wo sehen Sie ihre nähere Zukunft?

Ich bin überaus flexibel, das hängt immer von den Möglichkeiten ab. Derzeit liegt mein Augenmerk auf dem Fußball, aber wie es sich in Gießen entwickelt, weiß derzeit ja keiner.

Wie verbringen Sie derzeit ihren Tag?

Es gibt drei Hauptposten: Sich fit halten, meinem Vater in der Tennisschule helfen und das Fernstudium BWL, das ich im letzten Jahr angefangen habe. Da investiere ich nun täglich mehrere Stunden.

Wie bewerten Sie ihre bisherige Halbsaison beim FC Gießen? Rein von der Statistik her sind fünf Tore bei 17 Einsätzen ja kein schlechter Wert.

Es war durchwachsen. Der Start war sehr gut, dann kam eine schwierige Phase. Im Winter habe ich mir viel vorgenommen, habe gegen Koblenz dann getroffen - und dann kam Corona.

Generell ist die Saison 2019/20 für den FC Gießen eine äußerst turbulente.

Das kann man so sagen. Was sich im Hintergrund alles abgespielt hat, haben wir Spieler auch nicht immer mitbekommen. Wir haben versucht, unseren Teil so gut es geht zu erfüllen. Wir haben uns gesagt: Wir spielen für uns und halten zusammen, egal, was passiert.

Der Fußballer geht wegen der Liebe zum Sport auf den Platz und nicht für das Geld - würden Romantiker angesichts der seit Herbst 2019 immer wieder verzögerten Gehaltszahlungen beim FC Gießen einwerfen.

Klar, wir spielen Fußball, weil wir es lieben. Aber für viele aus der Mannschaft ist das Gehalt die einzige Einnahmequelle. Auch wir müssen schauen, wo wir finanziell bleiben - und wenn du teilweise auf zwei Monatsgehälter wartest, wird es einfach sehr eng. Wenn du dir Gedanken machen musst, wie du die nächste Miete zahlst, ist das nicht unbedingt leicht für den Kopf.

Als Sie von Offenbach nach Gießen kamen, wurde Ihnen eine andere Situation offeriert als sie dann vorherrschte. Sind Sie von manchem Verantwortlichen in offizieller Funktion enttäuscht?

Dazu möchte ich mich nicht äußern. Wir Spieler haben uns auf unsere Leistung konzentriert und sollten das auch in Zukunft tun. Klar ist aber, dass verspätete Gehaltszahlungen kein Dauerzustand sein dürfen. Das wissen die jetzt handelnden Personen aber auch.

Abschließend: Am Dienstag tagt die Regionalliga erneut. Worauf stellen Sie sich ein, rechnen Sie mit einem vorzeitigen Ende des Spielbetriebs?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Klar ist für mich aber: Die jeweilige Bundes- bzw. Landesregierung will ihre Bürger schützen. Wenn Fußballspielen wieder im Wettkampfmodus erlaubt sein wird, dann mache ich mir keinen Kopf um eine mögliche Ansteckung.

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