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Helo Schlothauer bei seiner Arbeit mit der GoPro-Kamera im Waldstadion.

FC Gießen

Helo Schlothauer: Der Halbzeitjoker des FC Gießen

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Helo Schlothauer arbeitet seit dieser Saison als Videoanalyst und Scout für den FC Gießen. Seine Aufnahmen werden in der Halbzeitpause in der Kabine des Fußball-Viertligisten gezeigt.

Nach 35 gespielten Minuten macht sich Helo Schlothauer, der Videoanalyst und Scout des FC Gießen, regelmäßig auf zur Trainerbank. Im Gepäck hat er seine GoPro-Kamera, mit der er die erste Halbzeit des Fußball-Regionalligisten aufgenommen hat.

An der Trainerbank wird der 27-Jährige schon erwartet von Coach Daniyel Cimen und seinen Assistenten. »Wir besprechen dann kurz, was uns bislang nicht gefallen hat, welche Szenen wir in der Halbzeitpause gerne zeigen würden«, sagt Cheftrainer Cimen.

In den Minuten bis zum Pausenpfiff arbeitet Helo Schlothauer dann besonders intensiv: Der Analyst schneidet die aufgenommenen Sequenzen so zusammen, dass der Mannschaft in der Kabine »maximal zwei, drei Szenen« gezeigt werden können.

»Ich habe immer einen Block dabei und die Uhr laufen. Oft schreibe ich mir selbst auf, ob mir etwas auffällt: Ob wir hier oder dort besser anlaufen könnten oder wir besonders aufpassen müssen«, schildert der Fußballliebhaber.

Cimen wiederum erklärt: »Es geht uns darum, den Jungs in der Kabine etwas visualieren zu können, um es lebendiger als an der Taktiktafel vorführen zu können. Das kann sich auf Standardsituationen beziehen, auf Freiräume, die wir besser bespielen können, auf das Pressingverhalten.«

Schlothauer überträgt die kurz zuvor mit dem Trainerteam angesehenen Szenen via Speicherchip auf den Laptop, schließt diesen mit dem HDMI-Kabel an den Fernseher in der Kabine an und lässt dann die gewünschten Sequenzen abspielen.

»Das ist unheimlich hilfreich«, meint Cimen. »Ich war als Spieler immer schon ein Fan von Visualisierungen. Auf dem Platz hast du oft eine andere Wahrnehmung.«

Und Schlothauer ergänzt: »Wenn ein Trainer an der Taktiktafel herumschiebt, kann der Spieler sagen: Ich stand aber ganz wo anders! Im Video ist es klar beweisbar.«

Der 27-jährige Mittelhesse ist seit dieser Regionalligasaison 2020/21 im Nebenjob als Analyst und Scout beim FC Gießen angestellt.

Neben der Vorarbeit für die Kabinenansprache kümmert er sich um die Gegnervorbereitung und ist im Spielerscouting für den Viertligisten tätig.

Helo Schlothauer schaut sich in aller Regel bis zu fünf Partien des kommenden Kontrahenten zuvor komplett an und seziert die gegnerische Spielweise. Vor dem Abschlusstraining und direkt vor dem Spiel werden dann einzelne Szenen gezeigt. Die Präsentation besteht meistens aus vier PowerPoint-Folien.

Auf einer Folie geht der Analyst auf den Spielaufbau des Gegners ein und bietet dem Cheftrainer Videoclips zur Untermalung an. Auf einer weiteren Folie wird auf die Arbeit gegen den Ball des Gegners hingewiesen, auf den Abschlussfolien geht es um Informationen wie: »Auf wen müssen wir besonders aufpassen? Wann schießt der Gegner seine Tore? Wer ist bei Standards gefährlich?«

Der in Weilburg lebende Student der Sportwissenschaften an der Philipps-Universität in Marburg hat Daniyel Cimen überzeugt. »Die Zusammenarbeit ist geprägt von Vertrauen«, sagt Schlothauer, der 2018 als Analyst im Jugendbereich der TSG Wieseck begann, Praktika in der Scoutingabteilung des MSV Duisburg und von Werder Bremen absolvierte und in der Saison 2018/19 für Regionalligist Eintracht Stadtallendorf Analysen betrieb und diese damals vor der Mannschaft vorstellte.

Während Halbzeitanalysen via Video in der Regionalliga Südwest Seltenheitswert haben, ist Schlothauers Scouting verhältnismäßig üblich.

Immer wieder macht er Gebrauch von den Aufnahmen der Liga, fügt seiner Word-Liste neue, interessante Kandidaten für den FC Gießen hinzu. Daniyel Cimen sagt: »Er hat ein gutes Auge.«

Bezogen auf die Halbzeitanalysen meint der Coach: »Ich bin immer offen für Verbesserungen. Wir leben in einer digitalen Zeit.«

Der heimische Fußball-Viertligist nutzt seit Anfang 2021 auch die App »Hudl«, mit deren Hilfe Videoanalysen vorgenommen werden können.

Für einen dreistelligen Betrag pro Jahr kann der Verein Spiele in die Software laden. Sequenzen können ausgeschnitten, Pfeile, Kreise und Kommentare hinzugefügt und an einzelne Spieler oder die gesamte Mannschaft verschickt werden. Cimen: »Du musst dich immer über Neuigkeiten informieren. Es gibt auch Softwares, die für uns nicht bezahlbar sind.«

Bezahlt machen soll sich das Engagement von Helo Schlothauer jedenfalls auch in Zukunft. Mit 30 Punkten zur Halbzeitpause stünde der FC Gießen derzeit auf einem Abstiegsplatz - gesammelt wurden insgesamt aber 33 Zähler, dank derer aktuell Platz 13 zu Buche steht. Genau jene »Prozente« also, die Daniyel Cimen »herauskitzeln« möchte und die am Ende über Abstieg oder Klassenverbleib entscheiden können.

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