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Bild mit Symbolcharakter: Franz Gerber mit dem Gießener Schlammbeiser. Der neue Sportliche Leiter des FC Gießen wünscht sich von der Mannschaft vollen Einsatz und sagt: "Wir müssen unsere Spieler auch außerhalb des Feldes zur Bevölkerung bringen."

FC Gießen

Franz Gerber: "Der FC Gießen muss in die Stadt und nahbar sein"

Der neue Sportliche Leiter von Fußball-Regionalligist FC Gießen, Franz Gerber, erklärt im Interview erste Ideen, wie er den Verein in seiner Entwicklung verändern möchte.

Menschlich und ehrgeizig - mit diesen beiden Komponenten will Franz Gerber, der neue Sportliche Chef des FC Gießen, den Verein Stück für Stück zu einem "Spitzenclub in der Fußball-Regionalliga machen". Zwei Söhne und vier Enkelkinder hat der 65-Jährige. "Der Älteste ist 13 Jahre und hat nachgefragt, warum ich von München nach Gießen gezogen bin. Er weiß, dass der Opa Fußball-Manager ist."

Als früherer Bundesligaprofi (93 Erstligaeinsätze, 213 Zweitligapartien) ist Gerber früh zum "Globetrotter" geworden. "Ich habe meine Heimat Eching in der Nähe von München mit 18 Jahren für den Fußball verlassen und bin seitdem nie wirklich zurückgekehrt."

Nach seiner aktiven Karriere fungierte Gerber als Manager, unter anderem bei Hannover 96, seinen letzten Job im Fußball hatte er von 2010 bis 2013 beim SSV Jahn Regensburg als Geschäftsführer in der zweiten Liga. Nachdem er dort entlassen wurde, widmete sich Gerber dem Baugeschäft.

"Ich habe in meinem Leben schon viel Ungewöhnliches gemacht und die Chance gesehen, aus einem alten Hotel in der Nähe vom Wörthersee Eigentumswohnungen zu bauen. Weil ich Laie darin war, hat es Zeit gedauert, bis man sich reinfuchst, man muss vieles hinterfragen, doppelt überprüfen. Dadurch wurde ich über vier Jahre beansprucht. Wenn du im Fußball präsent bleiben willst, musst du die Kontakte pflegen, in den Stadien vertreten sein. Das habe ich nicht getan, weil ich zeitlich ausgelastet war."

Ganz verlor Gerber den Fußball aber nicht aus dem Blick, sollte im Sommer und Winter 2017 neuer Geschäftsführer von 1860 München werden, letztlich zerschlug sich der Plan doch. Ende Juni nun wurde das Bauprojekt in Österreich abgeschlossen, Gerber verspürte schon im Frühjahr wieder Lust auf Fußball, er warf seinen Hut in den Ring. "Die Kontakte haben geruht, sind aber schnell wieder aufgefrischt." Gerber bekam von vier Regionalligisten Angebote und schlug beim FC Gießen zu - nun arbeitet der 65-Jährige, mit einem Dreijahresvertrag ausgestattet und aktuell im Parkhotel Sletz wohnhaft, daran, den FC weiterzuentwickeln. Im ersten Jahr aber geht’s nur um den Klassenerhalt.

Herr Gerber, gleich zu Beginn ein Thema, das alle FC-Fans in den letzten Tagen beschäftigte: Die Ticketpreise für die Regionalliga-Saison im Waldstadion wurden nach einer ersten deutlichen Erhöhung nun wieder reduziert, Stehplatztickets kosten künftig statt sieben zehn Euro, eine entsprechende Dauerkarte statt 90 nun 140 Euro. Ihre Meinung?

Franz Gerber:Das ist die einzig richtige Entscheidung. Dass die Preise von der Hessen- in die Regionalliga erhöht werden, kann denke ich jeder nachvollziehen. Und wir wollen alle, dass das Waldstadion komfortabler wird. Der Aufwand, das Stadion in den jetzigen Zustand zu bringen, war schon enorm. Aber insgesamt muss man bei diesem Thema sensibel sein. Zehn Euro für einen Stehplatz sind denke ich okay. Wir wollen die Menschen in Gießen ja mitnehmen. Das ist das Wichtigste überhaupt.

Gerber: "Wir müssen noch an Qualität zulegen"

Sie leben seit zweieinhalb Wochen in Gießen. Was haben Sie beim FC nach der ersten Einarbeitung vorgefunden?

Gerber:Wir haben eine willige Mannschaft, die menschlich gut zusammenpasst. Mit den Verpflichtungen von Sascha Heil und Sammy Kittel haben wir gefühlt eine halbe Stadtauswahl (neun Spieler besitzen einen heimischen Bezug, Anm. d. Red). Aber wir müssen für die Regionalliga Südwest noch an Qualität zulegen. Auf der einen oder anderen Position fehlt uns wirklich Qualität. Wir haben viele junge Spieler, von denen kann man nicht direkt erwarten, dass sie uns die Klasse halten.

Und Ihre Eindrücke von der Vereinsstruktur und der täglichen Arbeit?

Gerber:Ob es ein Andreas Heller in der Geschäftsstelle ist, ein Dirk Schäfer für das Marketing oder die 450-Euro-Kräfte sind, alle arbeiten sehr engagiert, sind aber auch sehr gut ausgelastet. Es wäre gut, wenn man noch jemanden hinzubekommt, der Dinge abnimmt und die Abläufe verbessert, damit nicht jeder immer am Limit arbeiten muss. Wir sind in der Regionalliga jetzt im Profibereich, da wäre es wünschenswert, wenn Dinge nicht 14 Tage liegen bleiben. Zum Beispiel, dass man sich um externe Neuzugänge besser kümmern kann, sei es bei der Wohnungssuche oder der Integration.

Sie hatten vor allem in Hannover und Regensburg als Geschäftsführer gute Zeiten - gibt es Aspekte, die für den Erfolg im Fußball elementare Voraussetzung sind?

Gerber:Eigentlich reduziert es sich darauf, dass du eine gute Mannschaft und für diese dann ein intaktes Umfeld brauchst. Man muss sich wohlfühlen können, die Mannschaft muss merken, dass man sich bemüht. Die Verantwortlichen müssen Know-how haben. Das Gefühl für Strömungen ist ganz, ganz wichtig. Deshalb will ich dreimal in der Woche beim Training dabei und im Dialog mit dem Trainer sein.

Welche Dinge können Sie in Gießen auf den Weg bringen?

Gerber:Bisher wurde sehr gut gearbeitet. Der FC Gießen steht aber erst am Anfang. Auf allen Feldern, sei es Stadion, Marketing, Fans, ist noch genügend Platz für Entwicklung. Es wäre nicht fair, neu hierher zu kommen und nach einem Aufstieg gleich zig Verbesserungsfelder zu nennen. Klar ist aber, dass wir am Scouting arbeiten müssen. Denn eigentlich musst du dein Team schon im Mai bis auf ein, zwei Positionen fertig haben.

Gerber: "Wir müssen alle Kräfte bündeln, um in der Liga zu bleiben"  

Deshalb kann diese Saison nur als Übergangsjahr gelten, oder?

Gerber:Richtig. Wir müssen es als Überbrückung sehen und alle Kräfte bündeln, um in der Liga zu bleiben. Dann kann man Defizite ausgleichen. Wenn wir gute Leistungen bringen, weißt du in Gießen: Das Zuschauerinteresse ist da. Dann hast du einen viel besseren Zutritt zu Firmen, die ihre Region unterstützen möchten.

Dazu braucht es eine Mannschaft, die Spaß bereitet.

Gerber:Der Zuschauer muss sehen, dass unsere Spieler machen, tun, alles versuchen, auf dem Platz, aber auch außerhalb des Feldes. Wir müssen unsere Spieler auch außerhalb des Spielfeldes zur Bevölkerung bringen. Wir müssen in die Stadt und nahbar sein. Hinter jedem Fußballer steckt ein Mensch. Du musst eine gewisse Verbindung zu den Fans und der Region herstellen. Dann verzeiht man auch mehr. Mir schwebt auch vor, dass ein Spieler zweimal im Monat bei der Jugendmannschaft mitmacht. Der Spieler sieht, dass mehr dahinter steckt, als dass er nur 90 Minuten spielen muss. Die Jugendlichen sehen dich als Vorbild, haben eine andere Motivation. Man darf solche Dinge nicht unterschätzen, das ist alles ein Kreislauf. Ich möchte, dass der FC Gießen nahbar und menschlich rüberkommt.

Die Stürmersuche ist im Gange - warum ist es so schwierig, einen passenden Angreifer zu finden?

Gerber:Es gibt wenig wirklich gute Stürmer - die paar gehen dorthin, wo sie am meisten Geld verdienen. Wir brauchen jemanden, der Torgefahr und etwas Instinktives mitbringt. Diese Spieler gibt es auch in niedrigeren Klassen oder der Jugend - aber dafür muss man scouten.

Mit welcher Regionalliga-Saison rechnen Sie? Geht es nur um den Klassenerhalt?

Gerber:So wie es momentan aussieht, heißt es vom ersten Spieltag an: Abstiegskampf. Jedem, der ins Stadion kommt, sollte bewusst sein: Ich sehe ein spannendes Spiel, hoffentlich oft mit einem guten Ausgang für uns, sodass es reicht. Ich bin überzeugt vom Klassenverbleib.

Gerber: "Der Fußballplatz ist das, was für viele das Theater ist"

Trainer Daniyel Cimen hat bislang sehr gute Arbeit in Gießen abgeliefert. Hat er dadurch einen Vertrauensvorschuss oder geht alles bei null los?

Gerber:Er hat gezeigt, dass er ein guter Trainer ist und hat hier eine hohe Akzeptanz. Die gute Bewertung der Aufstiegssaison nimmt er mit. Ich bin überzeugt davon, dass er in der Regionalliga gute Arbeit für uns leistet.

Wer entscheidet in Sachen Transfers?

Gerber:Beide, Trainer und ich, müssen zustimmen. Dann muss es noch finanziell machbar sein. Wobei man einem Trainer zugestehen muss, dass er zwei Freischüsse hat.

Wenn Sie sich Ihre Zeit in Gießen vorstellen und einige Jahre vergangen sind - was soll beim FC Gießen dann stehen?

Gerber:Mit dem einhergehenden Erfolg möchte man mit einem komfortableren Waldstadion etwas für die Fans, für die Bevölkerung tun - es ist einfach ein Kulturgut. Die Fußballinteressierten können sagen: Alle 14 Tage ist hier ein Event. Das erhöht die Lebensqualität. Der Fußballplatz ist das, was für viele das Theater ist. Im Theater befinden sich weniger Massen als im Stadion - dafür oder für Museen wird von der Politik aber oft mehr gemacht als für den Leistungssport. Für unsere Ziele wäre es schöner, wenn mehr als 650 Zuschauer bei Regen überdacht wären. Wir müssen zudem die Frauen mehr im Blick haben, ein noch schöneres Ambiente, ein Familienereignis schaffen. Daran müssen Verein, Wirtschaft und Stadt arbeiten. Dann profitiert jeder. Sportlich wünsche ich mir, dass der Verein mindestens noch in der Regionalliga spielt - sonst hat man Fehler gemacht. Und dass der FC Gießen weiter ist als jetzt und so aufgestellt ist, dass man in der Spitzengruppe der Regionalliga angreifen kann. Das muss das Ziel sein.

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