Blick aus dem Scheibenhaus, in dem Ryunosuke Takehara wohnt, ins Waldstadion. FOTO: SNO
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Blick aus dem Scheibenhaus, in dem Ryunosuke Takehara wohnt, ins Waldstadion. FOTO: SNO

FC Gießen

FC Gießen: Takehara hat im Waldstadion ein Zuhause gefunden

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Wie der 20-jährige japanische Flügelspieler, Ryunosuke Takehara, zum FC Gießen kam und derzeit alle begeistert.

Gießens flinker, neuer Japaner, der "Musterschüler" von Trainer Daniyel Cimen, wohnt im Waldstadion. In einer renovierten Wohnung im Scheibenhaus haust der 20-jährige Ryunosuke Takehara und blickt vom Fenster aus direkt auf das Zuhause des FC Gießen. Der Flügelspieler des heimischen Fußball-Regionalligisten hat an der Grünberger Straße auch sportlich seine Heimat gefunden.

"Er verkörpert das Unbeschwerte bei uns", sagt FC-Trainer Daniyel Cimen. "Dass er sich so schnell an das Tempo gewöhnt, liegt an seiner Laufstärke und seinem Willen. Er hat in Elversberg an die 50 Sprints gemacht. Ryunosuke ist in einer enormen athletischen Verfassung."

Bescheiden und ehrgeizig - mit diesen Eigenschaften lässt sich "Take" gut beschreiben. Seit März 2019 ist der Japaner in Deutschland, spielte zunächst drei Monate in der Bezirksliga für die TuS Gückingen, ehe es in die Verbandsliga nach Waldbrunn ging. Dort brachte er es auf elf Torbeteiligungen bei 21 Einsätzen. Im Sommer dieses Jahres folgte dann das Probetraining beim FC Gießen.

"Als ich dorthin kam, konnte mir der Trainer nicht sagen, ob ich zur ersten oder zweiten Mannschaft gehören werde", erinnert sich Ryunosuke Takehara. "Natürlich bin ich deshalb etwas überrascht, dass ich bisher so viel spielen konnte. Ich freue mich."

In den Vorbereitungsspielen überzeugte Takehara das Gießener Publikum durch seine unkonventionelle Spielweise, lief beim Saisonauftakt in Elversberg von Beginn an auf.

Man versteht diesen ehrgeizigen Japaner vor allem nach diesen Sätzen: "Ich bin froh, dass ich hier bin, aber ich kann noch nicht sagen, dass es richtig war. Mein Ziel ist es erst einmal, Stammspieler in der Regionalliga zu werden und dann höher zu kommen, in die 3. oder 2. Liga."

Viele Spieler hätten große Ziele, sagt Takayuki Omi. "Aber er macht auch etwas dafür, er ist fleißig und motiviert." Der 37-jährige Omi hat seinen jungen Schützling nach Deutschland vermittelt. Omi lotst seit 2013 jährlich um die 20 japanischen Spieler nach Deutschland, unterstützt wird er dabei vom 38-jährigen Trainer Marco Reifenscheidt (SF Eisbachtal).

"Ich möchte, dass die talentierten Jungs hierher kommen, die Sprache lernen und nach dem Fußball etwas Vernünftiges machen", sagt Omi, der zugleich die fernöstliche Social-Media-Abteilung bei Bundesligist Eintracht Frankfurt leitet und zugleich eine Fußballschule für 70 Kinder in Frankfurt organisiert.

Auf der Homepage seines Unternehmens "World Football Connection" finden sich fünf Säulen: Fußball, zweite Laufbahn, Sprache, Leben, Voraussetzungen. "Ich kenne viele Profispieler in Japan. Die fragen sich erst nach der Karriere, wie es weitergeht. Sie haben nichts gelernt. Was machen sie dann?"

In Deutschland hat Takehara, dessen Hauptwohnsitz nach wie vor Limburg ist, ein Sprachkursvisum erhalten, das bis zum Ende der nun angelaufenen Regionalliga-Saison gültig ist. Reifenscheidt und Omi haben danach die Option "working holiday" für ein weiteres Jahr Aufenthalt im Blick.

20 Stunden Sprachunterricht soll der Japaner jede Woche erhalten. Beim Gespräch im Waldstadion versteht er bereits viel, erklärt sich vorsorglich aber noch in seiner Heimatsprache.

Seine Disziplin kommt auch bei der Antwort auf die Frage nach seinem Zeitvertreib fernab von Fußball und Sprachschule zum Vorschein: "Hausaufgaben machen", sagt Takehara, der in Yokohama mit zwei Geschwistern aufgewachsen ist und mit fünf Jahren anfing, Fußball zu spielen.

Schon immer rannte er die Linien rauf und runter, "ich will laufen, ob nach vorne odder nach hinten, das ist egal. Hauptsache es hilft der Mannschaft." Trainer Cimen sagt über die Rückennummer 15: "Er ist ein Musterschüler, er ist präsent, er marschiert." Verbesserungspotenzial habe er im technischen Bereich: "Beim ersten Ballkontakt, beim Finden von Lösungen auf engem Raum."

Der 1,71 Meter große Fußballer ging in Japan bis zum 18. Lebensjahr zur Schule, studierte ein Semester an der dortigen Universität und suchte dann die große Chance über den Sport und das Ausland. Diese Chance ist in Gießen, in der Regionalliga, nun gekommen. "Wenn man ein Ziel hat", sagt Ryunosuke Takehara, "muss man 100 Prozent Gas geben."

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