Häufig im Strafraum, selten am jubeln: Der FC Gießen vergibt in der bisherigen Regionalliga-Saison zu viele Hochkaräter an Torchancen. FOTO: FRIEDRICH
+
Häufig im Strafraum, selten am jubeln: Der FC Gießen vergibt in der bisherigen Regionalliga-Saison zu viele Hochkaräter an Torchancen. FOTO: FRIEDRICH

FC Gießen

FC Gießen: So läuft die Aufarbeitung

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
    schließen

Vorstand Turgay Schmidt hat "ausnahmslos alle Verträge angefordert" - wir ziehen in fünf Fragen sportlich und strukturell eine Zwischenbilanz beim Fußball-Regionalligisten FC Gießen.

Der FC Gießen wartet in Quarantäne weiter auf eine Entscheidung, ob die Fußball-Regionalliga Südwest aussetzt oder weiterspielt - wir ziehen nach elf Spieltagen eine erste Zwischenbilanz - auf und abseits des Spielfeldes.

Wie geht es weiter in der Regionalliga Südwest?

Auch bis zum Dienstagabend drang keine Entscheidung der Regionalliga Südwest GbR, die sich mit den Ministerien der betroffenen Bundesländer austauscht, durch: Spielpause mindestens im November oder Fortsetzung am Wochenende? Der FCG hat am Dienstag die Anordnung vom Gesundheitsamt erhalten, bis zum Sonntag in Quarantäne zu verweilen – die Partie beim SC Freiburg II also fällt garantiert aus.

Weil Leistung und Ertrag nicht im Einklang sind. Gießens Torhüter Frederic Löhe sagt: "Nach elf Spieltagen stehst du zurecht da unten." Er weiß aber auch: Der FC Gießen hätte bei besserer Chancenverwertung fünf, sechs Punkte mehr haben können. Löhe: "Es ist gut, die Chancen zu haben. Die Frage ist dann: Will ich das Tor zu 100 Prozent und knalle den Ball im Zweifel mit dem Torhüter ins Netz?"

Die Rot-Weißen besitzen ein besseres Torverhältnis (10:16) als der FK Pirmasens (9:18), haben aber sieben Zähler weniger. "Die Art und Weise ist zufriedenstellend, die Ergebnisse sind es nicht", meint Trainer Daniyel Cimen. Der Ex-Profi, der bereits seit 98 Pflichtspielen auf der Vereins-Trainerbank sitzt, setzt auf kurzpassfreudige Akteure im Mittelfeld und ein gepflegtes Kombinationsspiel, bei dem die Effektivität bislang auf der Strecke bleibt.

Noch nicht einmal in elf Partien spielte Gießen zu null. "Das nervt mich richtig", meint Löhe. Nachdem die anfängliche Flut an Gegentoren nach Standardsituationen gestoppt wurde, sagt Löhe: "Jeder muss verinnerlichen, dass wir einen Punkt sicher haben, wenn wir kein Gegentor kassieren." Ein weiterer Faktor: Niemand musste bislang öfter auswärts ran als Gießen (sieben Mal).

Wie groß ist die Hoffnung auf eine Besserung der Lage?

"Der Funke", sagt Löhe, "ist in dieser Saison immer da. Das war in der letzten Spielzeit nicht so. Ich glaube an das Team." Trotz sechs Absteigern beträgt der Abstand "nur" fünf Punkte, bei noch 31 (!) ausstehenden Spielen. Eine große Frage wird sein: Hält der aktuell gute Teamgeist an, wie widerstandsfähig ist der FC, der 17 Neuzugänge bekam, wie groß ist der Wille, auch angesichts der Turbulenzen im Verein, den Klassenerhalt zu schaffen?

Wie ist es um die Verletzten bestellt?

"Für die Verletzten", weiß Löhe, "ist die Zwangspause jetzt goldwert." Der aus Marburg stammende Innenverteidiger Hendrik Starostzik befindet sich im Aufbau, der zentrale Verteidiger Jure Colak, Außenverteidiger Landu Mateus und Kreativspieler Dren Hodja würden bei Stattfinden wieder ins Training einsteigen. Abwarten heißt es bei den Offensivakteuren Milad Salem und Jann Bangert. Neuzugang Niclas Mohr, außen eingeplant, fällt mit Muskelfaserriss mehrere Wochen aus.

Wie läuft die Aufarbeitung von Vorstand Turgay Schmidt?

Rechtsanwalt Schmidt, der den FC nach dem Rückzug des Vorstandes alleine führt, stellt fest, dass der Gesamtverein in Schieflage geraten ist, Jugend und zweite Mannschaft künftig erheblich mehr Wertschätzung in Form von Beachtung und Bezahlung erfahren sollen.

"Wir stehen am Anfang, es ist verästelt und kompliziert. Ich habe ausnahmslos alle Dokumente und Verträge angefordert, u.a. Spielerverträge, Sponsorenverträge, jene mit den Kommunen. Das allein wird einen erheblichen Zeitaufwand benötigen."

Aus Gesellschafterkreisen der "Offensive GmbH" heißt es angesichts der schwelenden Altlasten und eines zuletzt gepfändeten Vereinskontos seit Langem, dass der Weg eines Insolvenzverfahrens geprüft werden solle - insbesondere jetzt.

Bei Eröffnung eines Verfahrens würden einem coronabedingten Maßnahmenpaket des DFB zufolge nur drei statt wie üblich neun Punkten abgezogen werden. Was nach der potenziellen Entschuldung bliebe, ist ein Rufschaden, wie ihn Kickers Offenbach oder Hessen Kassel erlebten.

Das Ende des FCG müsste eine Insolvenz nicht bedeuten - aus Sicht der Gesellschafter könnte es das lange herbeigesehnte (finanziell) reinigende Gewitter darstellen, nach dem die von Jörg Fischer & Co. geschaffene Basis im Waldstadion mit neuem Leben gefüllt werden könnte.

Vorstand Schmidt gleichwohl steht dem skeptisch gegenüber, will Gespräche abwarten, betont, dass das Wohl des Gesamtvereins an erster Stelle stehe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare