Rechtsanwalt Turgay Schmidt führt den FC Gießen seit Oktober 2020 als Notvorstand.
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Rechtsanwalt Turgay Schmidt führt den FC Gießen seit Oktober 2020 als Notvorstand.

FC Gießen

FC Gießen: Schulden von 2,18 Millionen Euro auf 270 000 Euro gesenkt

  • Sven Nordmann
    VonSven Nordmann
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In der nächsten historischen Pressekonferenz erklärt der Notvorstand des FC Gießen, Turgay Schmidt, wie hoch der Schuldenstand ist und wie die Zukunftsplanung aussieht.

  • Notvorstand Schmidt: „Schulden des FC Gießen von 2,18 Millionen Euro auf 270 000 Euro gesenkt“
  • Monatliche Kosten des Fußball-Regionalligisten liegen laut dem Rechtsanwalt derzeit bei rund 55 000 Euro
  • Zukunftspläne rund um Aufsichtsrat und Co. vorgestellt

+++ Dieser Artikel wird kontinuierlich aktualisiert +++

Der FC Gießen hat seine nächste historische Pressekonferenz hinter sich. Notvorstand Turgay Schmidt fährt weiter klare Kante und ging am Donnerstagnachmittag im VIP-Zelt des Gießener Waldstadions in einer seltenen Form der Transparenz auf die Schuldenlast und die aktuelle Kostenlage des FC Gießen ein.

Schmidt stellte klar: „Der FC Gießen wird nur eine Chance haben, wenn er transparent ist. Als ich den Verein im Oktober 2020 als Notvorstand übernommen habe, hieß es: Der Verein ist pleite und finanziell nicht zu retten. Der FC Gießen war überschuldet und hatte im November 2020 einen Schuldenstand von ungefähr 2,18 Millionen Euro. Der FC Gießen wurde von Pfändungen überrannt, konnte nicht einmal Rechnungen in Höhe von 200 Euro bezahlen.“

85 Prozent der Verbindlichkeiten sind weg.

Notvorstand Turgay Schmidt

Der Notvorstand erklärte am Donnerstag: „Wir haben es geschafft, den Schuldenstand bis zum 15. April 2021 auf 270 000 Euro zu reduzieren. 85 Prozent der Verbindlichkeiten sind weg. Der Verein steht so gut wie dar wie noch nie.“

Beim Restanteil dieser Schulden gäbe es laut dem Notvorstand einen „kleinen Anteil von rund 80 000 Euro von privaten Gläubigern - knapp 200 000 Euro stammen von Forderungen von öffentlichen Gläubigern wie BG-Beiträgen, Krankenkasse und Finanzamt.“ Der Schuldenstand von einst über zwei Millionen Euro sei laut Schmidt „seit Januar 2020 bekannt“ gewesen und hätte sich im Laufe des Jahres beispielsweise durch das Missachten der Berufsgenossenschaft um eine sechsstellige Summe erhöht: „Die GmbH und der Verein wären im November 2020 tot gewesen.“

FC Gießen: Momentane monatliche Belastung von „rund 55 000 Euro“

Schmidt ging auch auf die aktuell laufenden Kosten der Mannschaft ein: „Vom Dezember 2020 bis April 2021 hat der Verein Lohnkosten, Sozialversicherungsbeiträge und Steuern in Höhe von 270 000 Euro gezahlt. Das war eine Mammutaufgabe. Darin enthalten sind auch die Neuzugänge. Wir reden von einer momentanen Belastung von rund 55 000 Euro pro Monat. Diese Zahlungen sind geleistet worden - im Gegensatz zum Jahr 2020.“

Im VIP-Zelt des Gießener Waldstadions sprach der Notvorstand des FC Gießen am Donnerstag weit über eine Stunde lang.

Der Rechtsanwalt sparte nicht mit Lob an seiner Arbeit und der seines Teams in den letzten Monaten: „Ich werde Ihnen sagen, wie wir das gemacht haben.“ Schmidt stellte klar, dass es in den vergangenen Monaten um eine strikte Kostenreduzierung ging (dazu zählt auch der 15-prozentige Gehaltsverzicht der Mannschaft), Sponsoren und staatliche Hilfen geholfen hätten - und harte Verhandlungen mit den Gläubigern notwendig waren. „Die Spieler sind absolut gebrannte Kinder - es war mir ein großes Anliegen, diese Regionalliga-Mannschaft wirtschaftlich bis zum Juni zu führen. Heute kann ich fest sagen, dass bis zum Juni die Finanzierung besteht. Das sieht sehr, sehr gut aus.“

Ich sagte: Nehmen Sie die Summe x oder gar nichts. Die Erfolgsquote war fast 100 Prozent.

Notvorstand Turgay Schmidt

Zu seinen vielen Verhandlungen mit den Gläubigern sagte Schmidt: „Die Gläubiger sind mit Anwalt und Steuerberater bei mir aufgetaucht - in den Verhandlungen konnte ich dank meiner rechtlichen Expertise viel Geld abbauen, Forderungen vernichten und Vergleiche schließen. Ich sagte: Nehmen Sie die Summe x oder gar nichts. Die Erfolgsquote war fast 100 Prozent. Die Gläubiger mussten das Insolvenzrisiko einkalkulieren und haben damit dem Verein geholfen, zu überleben.“ Der FC Gießen erwarte laut Schmidt noch staatliche Corona-Hilfen in Höhe von „90 bis 100 000 Euro.“

Spieler sitzen auf der Tribüne und verdienen eine vierstellige Summe.

Notvorstand Turgay Schmidt

In der bemerkenswerten Pressekonferenz ging der Notvorstand auch auf die Kostenstruktur und die zukünftige Kaderplanung des Fußball-Regionalligisten ein: „Die Leute müssen wissen, was hier passiert beim FC Gießen. Wir haben einen wahnsinnig hohen Kostenfaktor im Spielerkader. Spieler sitzen auf der Tribüne und verdienen eine vierstellige Summe. Egal ob der Spieler im Kader ist oder auf der Tribüne sitzt, die Spieler verdienen teilweise das Gleiche.“

FC Gießen: Mehr leistungsorientierte Bezahlung angekündigt

Der Notvorstand deutete eine andere Herangehensweise an: „Ganz viele dieser Verträge laufen aus. Deswegen sind wir jetzt gerade in Vertragsverhandlungen für die neue Saison. Wir brauchen einen Sockelbetrag und Punktprämien in den Spielerverträgen. Wir wollen Spieler holen, die uns sportlich massiv voranbringen.“ Derzeit besitzen sechs Akteure einen gültigen Kontrakt für die Spielzeit 2021/22: Hendrik Starostzik, Marco Boras, Michael Fink, Nikola Trkulja, Ali Ibrahimaj und Nejmeddin Daghfous.

Schmidt kündigte dabei an: „Es gibt bereits einen finanziellen Grundstock für die neue Saison und Sponsorenverträge, die sich automatisch verlängert haben. Wir werden darauf achten, dass in den Spielerverträgen ein Belohnungseffekt da ist, aber der Grundbetrag vernünftig ist.“ Überraschend und zunächst schwer vorstellbar daher kam seine Aussage: „Die Mannschaft wird ein finanzielles Volumen haben, das so in der Regionalliga nicht zu finden sein wird - im unteren Bereich.“

Der Notvorstand erklärte in Bezug auf die finanzielle Situation: „Ich werde die Entschuldung des Vereins vorantreiben. Ein solches Niveau von 270 000 Euro Schulden, die abgebaut werden, ist für einen Regionalligisten vollkommen okay. Mit den öffentlichen Gläubigern wurden Ratenzahlungen vereinbart. Die Mannschaft wird bezahlt, die Forderungen werden Stück für Stück bezahlt.“

Der FC Gießen sollte eine solide geführte Firma sein.

Notvorstand Turgay Schmidt

Auch im weiteren Verlauf mangelte es nicht an kantigen Sprüchen: „Keiner“, so Schmidt, „konnte damit rechnen, dass der Verein überlebt. Der FC Gießen wird von mir auf eine wirtschaftliche Basis geführt werden, wo es wieder Spaß macht, hochklassigen Fußball zu sehen und man sich keine Gedanken machen muss, ob die Tore wieder geschlossen werden. Der FC Gießen sollte eine solide geführte Firma sein.“

Zur näheren Zukunft sagte Schmidt, der den Verein seit dem Oktober 2020 führt: „Ich war vor einer Woche bei Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz. Die Stadt Gießen ist für den FC Gießen der wichtigste Partner. Wir sind in permanentem Austausch, was die Infrastruktur betrifft. Es gibt Planungen für ein Flutlicht, eine Bewässerungsanlage, den Kabinenumbau.“

Darüber hinaus gäbe es Gespräche über eine Übernahme des Gebäudes am Waldstadion, das zuletzt von DLRG und Tanzclub Rot-Weiß genutzt wurde: „Der Verein braucht eine Heimstätte, wo die Fans eine Bratwurst und Pommes essen und ihren Schoppen trinken können.“

FC Gießen: Plan von „Kontroll- und Beratungsgremium“

Der FC Gießen entwickle laut Schmidt „aktuell eine Strahlkraft - das kann sich nur fortsetzen, wenn die ortsansässigen Firmen ihre Zurückhaltung ablegen und erkennen: Der FC Gießen ist ein Pfund. Hier können wir etwas Besonderes für Mittelhessen kreieren. Es ist klar, dass viele Unternehmen vor der wirtschaftlichen Lage des Vereins zurückgeschreckt sind. In ein Fass ohne Boden möchte keiner investieren. In ein Fass mit Struktur kann man investieren.“

Der Verein solle ein Kontroll- und Beratungsgremium erhalten - neben einem Vorstand soll ein Aufsichtsrat installiert werden: „Mit Menschen, die hier in der Region Gießen eine Reputation haben und die dem Verein auf die Finger schauen. Damit der FC Gießen sportlich, kulturell und zwischenmenschlich zu etwas Besonderem wird.“

Kompetenzteam des FC Gießen mit Bürgermeistern, Memmarbachi und Boras

Ende April 2021 hatte Notvorstand Turgay Schmidt sein „Kompetenzteam“ um die amtierenden Bürgermeister Stefan Bechthold (Fernwald), Andreas Ruck (Pohlheim) und den Sportlichen Leiter Christian Memmarbachi sowie u.a. Dr. Günther Moll und den Vater von Spieler Marco Boras, Vjekoslav Boras, vorgestellt. Lesen Sie mehr dazu.

Sportlich steht der FC Gießen nach dem Regionalliga-Beschluss von nur zwei Absteigern in der laufenden Saison 2020/21 (+++ mehr zum Beschluss der Regionalliga Südwest GbR+++) vor dem Klassenverbleib und kann diesen am Samstag mit einem Heimsieg gegen den SSV Ulm (14 Uhr) sechs Spieltage vor Saisonende auch rein rechnerisch klar machen.

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