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Nachdenkliche Miene nicht nur bei Gießens Towarttrainer Jörg Kässmann (2. v. r.).

FC Gießen

Ernüchterung statt Erlösung beim FC Gießen

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Der FC Gießen hat vier Punkte in sechs Spielen in der Regionalliga Südwest geholt. Nach dem 0:3 gegen den FSV Frankfurt bleibt die Erkenntnis: So kann es nicht weitergehen.

FC-Keeper Frederic Löhe redete nicht lange um den Brei. "Es tut mir leid für die Fans und die Mannschaft. Aber so ein Fehler darf mir nicht passieren!" Recht hatte er: In der siebten Minute versuchte Löhe, nach einem Rückpass von Cem Kara das Pressing der Frankfurter mit einem Innenseitpass spielerisch zu lösen. Doch der Ball kam beim Adressaten nicht an - und so entwickelte sich ohne Not das 0:1. Mirco Born hätte selbst freistehend einschieben können, er bediente aber lieber seinen Stürmer Muhamed Alawie, der nur noch die Innenseite hinhalten musste. Der FC Gießen war geschockt - wie die erwartungsfrohen Zuschauer auch.

"Ein Sieg wäre für uns und die Fans eine große Erlösung", sprach FC-Teammanager Markus Haupt kurz vor dem Derby das aus, was alle bei Sonne und Temperaturen um die 30 Grad Celsius dachten. Er erzählte, dass die Stimmung innerhalb der Mannschaft gut sei. Von einem Aufbäumen oder einem unbedingten Willen, das Spiel zu gewinnen, sah man aber in der Folgezeit nicht viel. "Wenn wir ein Tor kassieren, fühlt es sich so an, als wäre das Spiel gelaufen", konstatierte ein sichtlich niedergeschlagener Nico Rinderknecht. Warum das so ist, erklärt sich der FC-Sechser aus dem mangelnden Selbstbewusstsein und dem fehlenden Erfolgserlebnis. Das größte Defizit sieht er aber im Angriff. "Zwei Tore nach sechs Spielen - das ist offensiv viel zu wenig."

Chancen hatten die Gießener, zwar nicht viele, aber sie hatten welche. Wie Timo Cecen, der seinen Freistoß in der 29. Minute an die Latte hämmerte. Oder Marco Koch, der in der 56. Minute, als er schon Torwart Marco Aulbach ins Leere laufen ließ, kläglich vergab. Die Abschlussschwäche trat deutlich zu Tage. "Unser Spiel nach vorne war sehr torungefählich. Für uns war es schwierig, das Spiel zu gestalten. Der Mannschaft hat man die Verunsicherung angemerkt", analysierte ein bitter enttäuschter Gießener Trainer Daniyel Cimen.

Ganz anders dagegen FSV-Coach Thomas Brendel: "Wir haben von der ersten Minute einen guten Eindruck hinterlassen und ein sehr gutes Spiel gemacht. Wir waren zu jedem Zeitpunkt des Spiels Herr der Lage. Ein großes Kompliment an mein Team - ein 3:0 beim FC Gießen ist nicht selbstverständlich."

Die Frankfurter dominierten das Geschehen, waren in allen Belangen überlegen - und vor allem viel bissiger in den Zweikämpfen. In der 50. Minute schnappte der agile Lukas Wilton Timo Cecen den Ball weg, lief auf die Grundlinie und flankte mustergültig auf Goalgetter Alawie, der mit einem Schuss links in den Winkel vollendete. Ein Traumtor (66.). erzielte Steffen Straub, der fast aus spitzem Winkel den zu weit vor dem Kasten stehenden Löhe mit einem Linksschuss alt aussehen ließ. Das Spiel war gelaufen. Es ist eine harte Zeit für den FC Gießen, bei dem sich nach der vergangenen Jubelsaison langsam Ernüchterung breit macht.

Es fehlt bei einigen Gießener Spielern die Qualität für die Regionalliga - das ist offensichtlich. Im Fußball kann man aber, wie in keiner anderen Ballsportart, spielerische und technische Defizite durch Kampf- und Laufbereitschaft ausgleichen - durch Galligkeit, durch körperbetontes Spiel, durch Leidenschaft. Die Zeit der Hessenliga-Dominanz ist vorbei. Das muss in die Köpfe der Protagonisten. Wenn ich die spielerischen Mittel nicht habe, mit Kombinationsfußball zu Punkten zu kommen, muss ich die Grundtugenden auspacken. Die Heimspiele müssen wie Endspiele angegangen werden. Nur so besteht die Chance, die Liga zu erhalten. Und die Fans müssen dabei ebenfalls einen Teil dazu beitragen - Unterstützung tut nicht nur im Moment des Erfolges gut.

Sechs Spiele, vier Punkte, Rang 15 im 18er-Feld. Der Weg des FC ist nach dem Start vorgezeichnet. Am Samstag kommt es bei der TSG Balingen zum Kellerduell. Die Verantwortlichen haben die Zeichen erkannt. Der Sportliche Leiter Franz Gerber fordert mehr Kampf, mehr Kompaktheit und eine größere Disziplin - und fand deutliche Worte: "Wir können in dieser Klasse nicht mitspielen - nicht mit dem Personal, was wir momentan haben." Ihm sind derzeit aber die Hände gebunden, denn für personelle Verstärkung fehlt ganz einfach das Geld.

FC Gießen: Löhe; Nennhuber, Antonaci, Koutny, Spang, Rinderknecht, Hofmann, Kara (58. Öztürk), Koch, Cecen, Michel (79. Bangert).

FSV Frankfurt: Aulbach; Nothnagel, Wilton, Djengoue, Sejdovic, Williams, Born (46. Straub), Plut (75. Burdenski), Güclü, Alawie, Häuser (81. Weinhardt).

Im Stenogramm: Schiedsrichter: Christof Günsch (SV Reddighausen). - Zuschauer: 2192. - Tore: 0:1 (7.) Muhamed Alawie, 0:2 (50.) Alawie, 0:3 (66.) Steffen Straub. - Gelb: Rinderknecht (35.).

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