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Engt sich selbst immer mehr ein: Notvorstand Turgay Schmidt.

FC Gießen

Die besorgniserregende Lage des FC Gießen: »Menschenunwürdig«

  • Sven Nordmann
    VonSven Nordmann
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»Unmenschlich«, »Lügen über Lügen« und »skrupellos«: Interne Stimmen beim FC Gießen zeigen, dass die einzige echte Zukunftschance wohl in einem vorläufigen Insolvenzverfahren und einer neuen Vereinsführung liegen.

  • Die Oktober-Gehälter wurden beim FC Gießen weiterhin nicht ausgezahlt
  • Wie zwei Japaner „unmenschlich“ behandelt werden und die zweite Mannschaft auseinanderbricht
  • Im Zentrum der Kritik: Notvorstand Turgay Schmidt - einzige Zukunftschance vorläufiges Insolvenzverfahren?

Beim FC Gießen rumort es Mitte November 2021 an allen Ecken und Enden - Auslöser für die besorgniserregende Analyse des Ist-Zustandes sind die nach wie vor nicht erfolgten Zahlungen der Oktober-Gehälter für die Regionalliga-Mannschaft. Diese soll mittlerweile einen Brief an Notvorstand Turgay Schmidt verfasst haben.

Anwalt Schmidt vertröstet wieder einmal alle Betroffenen, erklärt schriftlich: »In der kommenden Woche wird eine Stellungnahme erfolgen. Momentan wird mit Hochdruck an einer Klärung der Situation gearbeitet.«

Die nun schon über ein Jahr währende Amtszeit des vom Amtsgericht bestellten Notvorstandes wird angesichts etlicher interner Darlegungen und Informationen mittlerweile als eine »Herrschaft des Schreckens« skizziert.

FC Gießen: Mitarbeiter haben sich an verspätete oder gar nicht erfolgte Auszahlungen gewöhnt

Immer mehr Betreuer und Helfer drohen abzuspringen - die fast schon logische Folge von Schmidts vielseits kritisiertem Führungsstil. »Lügen über Lügen, hier wirst du nur verarscht«, schreibt ein Vereinsmitarbeiter. Diese und die Akteure der zweiten Mannschaft haben sich trotz Vereinbarungen bereits daran gewöhnt, dass ihre Gehälter mit Monaten Verspätung oder gar nicht bezahlt werden.

Während Jugendeltern trotz Bezahlung im August weiter auf die Lieferung der Nike-Klamotten warten, gipfelt die von einigen als »unmenschlich« beschriebene Führungsart im Behandeln zweier japanischer Spieler der ersten Mannschaft, die seit Wochen von Betreuern privat unterstützt werden.

Spätestens im November 2021 stellt sich somit die Frage, was Notvorstand Turgay Schmidt bezwecken will und ob der Weg über ein vorläufiges Insolvenzverfahren nicht die einzige nachhaltige Chance für den FC Gießen darstellt.

Wie zwei Japaner ignoriert wurden: „Er hatte Tränen in den Augen“

Takero Itoi, 23, und Ryunosuke Takehara, 21, suchen in Deutschland über den Fußball ihr Glück. Nach monatelangem Ärger rund um ihr Visum freuten sich beide im Herbst darauf, endlich nicht nur im Training, sondern auch im Wettkampf abzuliefern - und damit ihre Eltern in Fernost stolz zu machen. Diese aber müssen sie mittlerweile anrufen, um finanziell unterstützt zu werden - während Itoi seit August kein Geld bekommen haben soll, erhielt Takehara nach mehrfachem Nachdruck nun zumindest eine kleine Zuwendung, wartet aber weiter auf vereinbarte Zahlungen.

Beide sind im Scheibenhaus am Gießener Waldstadion unwirtlich untergebracht - und mussten monatelang ohne Bezahlung des Vereins zusehen, wie sie zurecht kommen. Ein Betroffener sagt: »Es entsteht der Eindruck: Mit den Japanern kann man es ja machen.«

Wurden zuletzt privat vom Trainer- und Betreuerstab unterstützt: Takero Itoi (l.) und Ryunosuke Takehara. OV

Angesprochen auf diese Situation sagt Andreas Dechert aus dem Trainerteam des FC: »Als ich darauf aufmerksam wurde, habe ich mir selbst ein Bild gemacht. Und ich war erschrocken. Sie hatten kaum etwas zu essen, Takero kein Geld. Hier sind Grenzen erreicht, die die Menschenwürde unterschreiten. Das hat mit Sport nichts zu tun.«

Schon vor ihm habe ein Betreuer »privat für beide eingekauft, damit sie versorgt sind. Mehrmals wurde der Verein auf den Umstand aufmerksam gemacht - ohne Reaktion.« Der Athletik- und Rehatrainer: »Als ich Takero privat Geld gegeben habe, hatte er Tränen in den Augen. Ich habe als Mensch gehandelt und nicht für die Vereinsführung, die hier wirklich vollkommen gewissen- und skrupellos agiert.«

Mehrmals weist auch Trainer Daniyel Cimen die Geschäftsstelle darauf hin - auf eine Lösung wird gewartet.

Warum die zweite Mannschaft auseinanderbricht: „Du bekommst nicht mal eine Entschädigung“

Dass der Verein in seiner Gesamtheit nicht aufblüht, sondern austrocknet, zeigt sich auch an der zweiten Mannschaft, die Tabellenletzter der Verbandsliga Mitte ist. Vier (!) Spieler sollen unter der Woche noch am Training teilgenommen haben. Ruben Enobore spielte seit 2019 beim FC Gießen II - Anfang Oktober 2021 war die Enttäuschung schließlich zu groß, gemeinsam mit Eric Wiegel und Timur Ögretmen zog er sich zurück.

»Irgendwann habe ich erkannt, dass die Versprechungen nicht den Taten entsprechen.« Zu Beginn der Saison sei die Stimmung im neu zusammengestellten Team noch gut gewesen. »Wenn aber finanzielle Vereinbarungen nicht eingehalten werden und Spieler trotz 70 Kilometer Fahrtstrecke nicht einmal Entschädigungen erhalten, kippt die Moral.«

Wie Teile der Mannschaft auf Klamotten warten: „Es tut sich nichts“

Viele Jugendteams des FC Gießen, wie U14 und U17, warten auch im November 2021 noch auf ihre angepriesene Nike-Ausrüstung - obwohl diese von den Eltern bereits im Juli bzw. August bezahlt wurde. Existierende Zweifel, dass die Gelder zweckentfremdet wurden, kann Jugendleiter Etienn Römer zurückweisen: »Die Klamotten sind bestellt und bezahlt. Es gibt einfach Lieferengpässe von 11teamsports und Nike.«

Während Elternteile bemängeln, dass keine Mannschaftsfotos gemacht wurden und die Zustände in Watzenborn-Steinberg unzureichend seien, sagt Römer: »Verbesserungswürdig ist eigentlich nur das Budget. Auch unsere Jugendtrainer erhalten jetzt ihr Geld - das will etwas heißen, wenn man bedenkt, wer sein Geld momentan nicht bekommt.«

Über Turgay Schmidt gehen die Meinungen auseinander. Etienn Römer sagt: »Er arbeitet akribisch, teilweise bis nachts um drei oder vier Uhr und hat immer sein Wort gehalten.« Eine Mutter eines FC-Jugendspielers sagt über Schmidt: »Er profiliert sich, wo es geht, aber es tut sich nichts. Den Trainern sind die Hände gebunden.«

Wie es weitergehen kann: „Es braucht Menschen, die Vereinsarbeit machen.“

Bis gestern wurden die Oktober-Gehälter nicht ausgezahlt, Grund sollen neue aufgetretene Forderungen von Gläubigern sein - Transparenz gibt es vom Notvorstand seit jeher nur dann, wenn sie seinem Ansehen dienlich ist. Der Mannschaft soll er unter Zeugen gesagt haben: »Wenn ihr Geld bekommt, könnt ihr mir applaudieren.«

Im August räumte Schmidt ein, dass auf der Einnahmenseite knapp über 50 Prozent des Budgets einkalkuliert werden könnten - das heißt auch, dass fast die Hälfte fehlte. Die Zuschauereinnahmen fallen angesichts des Rückgangs von über 300 Prozent im Verhältnis zur Saison 2019/20 (1700 Zuschauer) auf durchschschnittlich 500 Besucher gering aus.

Das Kompetenzteam existiert noch, ist aber abgetaucht. »Zu Beginn gab es regelmäßige Treffen, mittlerweile gibt es punktuelle einzelne Gespräche mit Turgay Schmidt«, erklärt Mitglied Stefan Bechthold, der Ende des Jahres als Bürgermeister in Fernwald aufhört. Die gesunkene Kommunikation sei »aber vor allem der coronabedingten Situation geschuldet.«

Aus seiner Sicht sei es doch ganz einfach: »Es braucht Menschen, die die Vereinsarbeit machen.« Derzeit falle es Turgay Schmidt schwer, »neue Leute zu finden. Ich habe die Hoffnung, dass es genügend Menschen gibt, denen der FC Gießen am Herzen liegt.«

Eine einst von Schmidt avisierte Mitgliederversammlung noch in diesem Jahr müsste zwei Wochen vorher angekündigt werden und lässt bislang auf sich warten - ebenso wie erkennbare Bemühungen, einen künftigen Vorstand durch Einbeziehen von interessierten Personen vorzubereiten.

Angesichts dieser Umstände, der verbrannten Erde und der finanziellen Situation scheint ein Insolvenzantrag und ein vorläufiges Insolvenzverfahren - wie schon vor über einem Jahr - die einzige echte Zukunftschance des FC zu sein - bietet sie schließlich die Chance, bei Null anzufangen und vieles anders zu machen.

Ein Insolvenzantrag wird oft von öffentlichen Gläubigern, deren Forderungen nicht bedient werden, gestellt, kann aber grundsätzlich von jedem Gläubiger stammen.

In diesem Fall käme bei einem laufenden Betrieb ein vorläufiger Insolvenzverwalter zum Einsatz, der mit dem Ziel, den Spiel- und Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten und das Vermögen zu sichern, antritt. Vermieden werden sollte eine endgültige Eröffnung des Insolvenzverfahrens, die mit neun Punkten Abzug in der Regionalliga Südwest und einer ernsthaften Bedrohung der Vereinsexistenz verbunden wäre.

Das kann gelingen, wenn durch die Verlässlichkeit eines vorläufigen Insolvenzverwalters neue Geldgeber generiert und damit die Insolvenzgründe beseitigt werden. So könnte eine Situation entstehen, in der der FC Gießen schuldenfrei wird - und somit frei für eine unbelastete Zukunft ist. In dieser, so sagte eine Jugendmutter dieser Tage, bräuchte es dann einen »Vorstand von unten nach oben«.

Kommentar von Sven Nordmann: Der FC Gießen kann eine Zukunft haben

Die interne und externe Kritik am Wirken vom Notvorstand des FC Gießen, Turgay Schmidt, ist berechtigt. Exemplarisch dafür drei Fragen:

Warum wird im Sommer 2021 unter der Absegnung des allein Vertretungsberechtigten eine teure Mannschaft zusammengestellt, während gleichzeitig Mitarbeiter auf ihr Geld warten? Weshalb werden keine Personen mit eingebunden, die einen zukünftigen Vorstand bilden könnten? Und wie blickt das Amtsgericht auf die Praktiken des Anwalts?

Klar ist gleichzeitig: Für einen Erhalt des FC Gießen mit Jugend, Waldstadion und ambitioniertem Fußball in der Region wird es engagierte Geschäftsleute brauchen. Spätestens in einem vorläufigen Insolvenzverfahren wird sich zeigen, ob all jene, die sich jetzt zurückhalten, gewillt sind, zusammenzuarbeiten, um eine finanziell unbelastete Zukunft mit neuer Vereinsführung – ohne den Notvorstand – zu ermöglichen. Der FC kann eine Zukunft haben!

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