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Suche nach Halt und Lösungen: Der FC Gießen hat seine Rolle in der Regionalliga Südwest noch nicht wirklich gefunden.

FC Gießen

Deshalb steckt der FC Gießen in einer misslichen Situation - Neuzugang da

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Angesichts eines eigenartigen Transfer-Sommers darf es keinen überraschen, dass der FC Gießen von Beginn an um den Klassenverbleib in der Fußball-Regionalliga Südwest kämpft.

Bis zum 19. März 2019 war der FC Gießen auf einem herausragenden Kurs - die beispiellose positive Entwicklung des erst im Vorjahr gegründeten Fußballvereins bekommt seitdem ihre erste echte Delle. Ob dieses Tal durchschritten wird, dürfte sich schon in den nächsten Wochen zeigen.

An jenem März-Abend verspielte der FC Gießen im Hessenpokal-Halbfinale in Verlängerung und Elfmeterschießen in Baunatal den Einzug in den DFB-Pokal und das Einstreichen der Prämie von rund 160 000 Euro plus Zuschauereinnahmen. Geld, das mittlerweile fehlt und das in der Personalplanung vor dieser Regionalliga-Saison extrem geholfen hätte. Kurz danach blockte die Vereinsführung zudem alle personellen Vorschläge von Trainer Daniyel Cimen und Michael Fink ab. Im Hintergrund wurde der neue Sportliche Leiter Franz Gerber installiert - der Grund, weshalb über eineinhalb Monate lang Stillstand in Sachen Neuzugänge herrschte. Und ein Teilgrund für die bislang mäßige Saison in der Fußball-Regionalliga Südwest.

In der Zuschauertabelle rangiert der FC Gießen nach sechs Spieltagen auf Platz drei. Nur Kickers Offenbach und der 1. FC Saarbrücken, zwei Aufstiegsaspiranten gen Liga drei, weisen mehr Besucher auf. Kaum eine Stadt in der Regionalliga Südwest vereint die Sehnsucht nach höherklassigem Fußball und die Angst, enttäuscht zu werden, so wie Gießen. Die Sehnsucht hat das Team um FC-Geschäftsführer Jörg Fischer vorerst gestillt: 2730 Zuschauer besuchten im Schnitt die bisherigen drei Heimspiele im Waldstadion. Es wird diskutiert über den Gießener Fußball - in den letzten Wochen aber leider nur selten positiv. Die Befürchtung, gleich wieder abzusteigen und enttäuscht zu werden, ist groß. Auch dafür zeichnet der Vorstand zumindest mitverantwortlich.

FC Gießen: Tabellenplatz als logische Konsequenz des Transfer-Sommers

Tabellenplatz 15 und vier Zähler nach sechs Spieltagen sind nach dem missratenen Transfer-Sommer und der eigenartigen Personalplanung eine logische Konsequenz. "Wir könnten ein bis drei Punkte mehr haben, aber ich sehe die Punkteausbeute nicht so dramatisch wie manch andere", sagt FC-Trainer Daniyel Cimen. Die Situation, verschärft durch die 0:3-Heimniederlage gegen den FSV Frankfurt, ist nicht rosig - aber beileibe nicht so überraschend und dramatisch wie nun von vielen dargestellt. Wir schildern, was zur aktuell misslichen sportlichen Situation geführt hat und welche Schlüsse nun gezogen werden.

Mit dem Blocken aller personellen Vorschläge von Cimen und dem letztjährigen sportlichen Berater Michael Fink über eineinhalb Monate im Frühjahr 2019 wirbelte der Vorstand die Kaderplanungen komplett durcheinander. Dass der neue Wunschkandidat für den Posten des Sportlichen Leiters, Franz Gerber, zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung stehen würde, wusste der Vorstand.

Der FC Gießen, dessen Aufstieg nach acht Punkten Vorsprung schon im Februar abzusehen war, stieg erst im Juni richtig in die Transferverhandlungen ein und verpflichtet im August noch immer nach. "Dass wir zu spät dran sind, weiß jeder", räumt Gerber ein.

Das Interesse am FC Gießen ist groß - entsprechen fallen die Reaktionen extrem aus. (hf)

Das Verhalten in Sachen Kaderplanung widerspricht somit radikal dem, was sich Daniyel Cimen und Michael Fink ursprünglich vorgestellt hatten. Die Ex-Profis von Eintracht Frankfurt hatten im Frühjahr 2019 den festen Plan, den Großteil der Hessenliga-Mannschaft zusammenzuhalten, auf Automatismen zu setzen und lediglich drei, vier Hochkaräter zu verpflichten - wie es Mitaufsteiger Bayern Alzenau praktizierte. Fink und Cimen hatten Kontakt zu Spielern wie Kevin Pezzoni, Jannik Sommer, Serkan Firat oder Marcel Carl - alles Akteure der Kategorie: "Lange herbeigesehnter Kracher."

Innenverteidiger Pezzoni bestritt unter anderem 90 Spiele für den 1. FC Köln und kämpft nun mit Offenbach um den Drittligaaufstieg. Flügelspieler Sommer ist befreundet mit Michael Fink, wechselte nun von Mannheim nach Homburg und hat dort nach fünf Partien schon vier Torbeteiligungen vorzuweisen. Der FC Gießen hat in sechs Partien bisher zweimal getroffen. Offensivspieler Firat ist ebenfalls bereits an vier Toren in dieser Regionalliga-Saison beteiligt, er spielt nun für Alzenau. Stürmer Carl erzielte in den letzten beiden Regionalliga-Jahren 18 Tore und spielt nun ebenfalls für Homburg.

FC Gießen: Team aufgefüllt mit Neuzugängen, zum Großteil nicht erste "erste Wahl"

Zudem wäre Stabilisator Fink im zentralen Mittelfeld geblieben - unabhängig von der mit 37 Jahren fragwürdigen Schnelligkeit hatte sein Wort Gewicht. Finks Abgang wurde bis heute nicht kompensiert. Weder Cimen noch Fink wurden nach eigener Aussage in die Planungen, einen neuen Sportlichen Leiter zu installieren, eingeweiht. So suchte Fink, der auf einen Zweijahresvertrag in der Funktion des Leiters der Scouting-Abteilung und des Sportlichen Beraters verzichtete, im Mai 2019 schließlich das Weite.

Weil Gerber erst im Juni zur Verfügung stand, startete Trainer Cimen so mit zwölf fitten, eigenen Spielern in die Saisonvorbereitung. Woche für Woche wurde das Team aufgefüllt mit Neuzugängen, die "erste Wahl" war zum Großteil vergeben. So steht Stoßstürmer Dimitrios Ferfelis, der von Absteiger Wormatia Worms kam, drei Monate kein Pflichtspiel bestritt und sich nach 39 Minuten Spielzeit gleich verletzte, sinnbildlich für die unglückliche Transferpolitik.

Gerber, der im Juni seine Arbeit aufnahm und einen halb fertigen Kader vorfand, resümierte nach wenigen Wochen zurecht, dass akuter Handlungsbedarf herrscht. Der Ex-Profi nimmt kein Blatt vor den Mund, schlägt lieber frühzeitig Alarm. Er ist bemüht, weitere Hochkaräter an Land zu ziehen, aber: "Der Etat ist eigentlich ausgereizt." Der Kreis, der am 19. März begonnen wurde zu ziehen, schließt sich. Der finanzielle Spielraum ist mittlerweile begrenzt.

FC Gießen: Neuzugang Kasembe für Mittelfeld ist da

Mit Fandjo Kasembe wurde nun ein weiterer junger Mittelfeldspieler verpflichtet, der zuletzt im Probetraining weilte. Der 22-jährige Franzose sollte schon vor Längerem verpflichtet werden. Ob Kasembe, offensiver Mittelfeldspieler, der Mannschaft direkt weiterhelfen kann und die erhoffte "Sofort-Verstärkung" ist, darf angesichts eines gewissen Trainingsrückstandes allerdings bezweifelt werden. Bis zum 2. September soll zwar noch ein Neuzugang kommen, ein "Kracher" wird es aber wohl nicht werden.

Die Hoffnung vor dem nun bedeutsamen Auswärtsspiel bei der TSG Balingen (Sa., 14 Uhr) ruht vor allem auf der anvisierten veränderten Spielweise. "Wir lassen zu viele einfache Chancen zu und erspielen uns nicht die Fülle an Tormöglichkeiten", räumt Trainer Cimen, der bisher an seinem System festhielt, ein. "Da ist es logisches Denken, dass es in der Ausrichtung künftig Veränderungen geben wird. Das haben wir schon am Samstag nach dem Spiel besprochen." Heißt: Der FC Gießen rückt kurzfristig vom spielerischen Ansatz ab, will kompakter verteidigen und das Zu-Null-Halten in den Vordergrund rücken. So soll auch mehr Kampfeslust zu sehen sein - mangelnde Leidenschaft warfen dem Team und Cimen am Samstag viele vor. Gerber formuliert es so: "Wir müssen uns auf die Tugenden eines Aufsteigers besinnen."

Dass der FC Gießen ein solcher ist, der Etat überraschend gekürzt wurde, die Mannschaft spät beisammen war und der Klassenerhalt von vorneherein als Ziel ausgegeben wurde, verringert nicht das grundlegend vorhandene große Fußball-Potenzial der Stadt Gießen. Im Gesamten trägt es aber dazu bei, dass jeder erkennt: Tabellenplatz 15, jener, auf dem man aktuell drei Teams hinter sich lässt, ist erklärbar - und (noch) kein Grund, Weltuntergangsszenarien zu entwickeln.

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