Marcel Schneider präsentiert die Eintrittskarten und Durchfahrtsscheine für die Titelkämpfe, die heute in Frankreich beginnen.
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Marcel Schneider präsentiert die Eintrittskarten und Durchfahrtsscheine für die Titelkämpfe, die heute in Frankreich beginnen.

Marcel Schneider – Globetrotter im Rollstuhl

(mn) Marcel Schneider kennt die Sportplätze in der Wetterau ebenso wie die großen Arenen der Bundesliga. Der fußball-verrückte Rollstuhlfahrer aus Hoch-Weisel ist Mitglied und Dauerkarten-Inhaber bei gleich drei Erstligisten, er ist in fünf Fanclubs aktiv und war einst auch bei seinem Heimatverein als Beisitzer tätig. Deutschland traut er bei der EM den Titel zu. Bei sechs Spielen, unter anderem dem Finale, fiebert der 33-Jährige im Stadion mit.

Meine erste Auslandstour. Ich freue mich unheimlich", sagt er. An einem trüben Herbsttag letzten Jahres hatte die UEFA seine Kartenbestellung bestätigt. Noch am gleichen Abend waren die Hotelzimmer gebucht. "Ich konnte es gar nicht glauben und habe mir die Mail von einer Kollegin noch einmal vorlesen lassen." Viermal fährt Schneider in den kommenden vier Wochen nach Frankreich; immer mit dem eigenen Auto. Bei den Vorrundenspielen Deutschlands gegen Polen und Nordirland ist er dabei, bei einem Viertelfinalspiel, beiden Halbfinalpartien sowie dem Endspiel. Er fährt nach Paris und Lyon. Die weisteste Reise führt ihn über mehr als 1000 Autokilometer aus der nördlichen Wetterau nach Marseille an die Mittelmeerküste.

Schneider ist von Geburt an querschnittsgelähmt. Der Sport ist seine Leidenschaft, bestimmt sein Leben. Hier blüht er auf, hier kennt er sich aus, hier werden die sozialen Kontakte gepflegt. Der in Langen beschäftigte Bürokaufmann ist auf den Fußballplätzen der Region so bekannt wie der berühmte bunte Hund.

Das sportliche Interesse geht dabei über die Region hinaus. Die Klitschko-Brüder hat er live kämpfen sehen, die Handball-Nationalmannschaft bejubelt, die Eishockey-WM 2010 besucht – und Uli Hoeneß hat er schon in dessen Büro die Hand geschüttelt. Rund 25 000 Kilometer pro Jahr legt Schneider für den Sport zurück.

Sein Herz schlägt für den FC Bayern, hier ist er Vereinsmitglied, wie auch bei Eintracht Frankfurt und 1899 Hoffenheim. Saisonkarten besitzt Schneider für die Heimspiele vom FSV Mainz 05, von Hoffenheim und der Eintracht, wo er gar einen Tiefgaragen-Parkplatz von einem befreundeten Rollstuhlfahrer hatte übernehmen können. Außerdem ist er, einst treuer Fan des Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim, Stammgast bei den Spielen der Adler Mannheim in der Deutschen Eishockey-Liga; ebenfalls mit Dauerkarte. Ein pralles Programm mit Termin-überschneidungen. "Die Rolliplätze in den Stadien sind begehrt. Wenn man erst mal an eine Karte kommt, dann gibt man die auch nicht mehr her", sagt er.

Die WM-Arena in München bietet beispielsweise Platz für rund 220 Rollstuhlfahrer, "und bietet uns Top-Bedingungen, was die Plätze und die Parkplatzsituation angeht". In Frankfurt und Mainz gibt’s um die 100 Plätze, und nicht einmal halb so viele in Hoffenheim oder eben der Multifunktionshalle in Mannheim.

Wenn die Deutsche Fußball-Liga die Spielpläne veröffentlicht, zückt Schneider den Textmarker; besser gesagt, deren drei in verschiedenen Farben. Die kurzfristigen Ansetzungen erschweren die Planung. Wann geht’s wo hin? Was lässt sich verbinden? Wo ist Platz für andere Sportarten? Wie viele Urlaubstage müssen, beispielsweise für Spiele der Champions League geblockt werden? Und wann geht’s mal wieder zum SV Hoch-Weisel? Dort hatte er über viele Jahre den Vorstand und den Spielausschuss unterstützt. Im Fußballkreis Friedberg kennt fast jeder den jungen kommunikativen Mann im Rolli. Weitere Hobbys? "Keine Zeit", sagt der Globetrotter.

Fünf Euro kostet ihn beispielsweise ein Champions-League-Spiel des FC Bayern. "Die Tickets sind sehr begehrt. Ich nehme, was ich bekommen kann." Real Madrid, FC Barcelona, FC Porto, Manchester City – Schneider hat sie alle schon in der Allianz-Arena spielen sehen. Im "Rollwagl"-Fanclub, einer Vereinigung der Rollstuhlfahrer, ist er Mitglied, ebenso im Fanclub der Nationalmannschaft, bei den "Hausberg Bayern" in Hoch-Weisel, den "Gießen Bulls", mit denen er oft in der bayerischen Metropole unterwegs ist, und den "Hessen-Bazis" aus Garbenteich, die Uli Hoeneß unlängst persönlich eine Urkunde als Ehrenmitglied überreicht haben; als Fanclub-Vorstandsmitglied im Honeßschen-Büro dabei: Marcel Schneider. "Das war eine coole Geschichte; wenn’s auch nach fünf Minuten vorbei war."

Ängste, als Rollstuhlfahrer im Menschenstrom übersehen zu werden, kennt er nicht. "Zumeist gibt es Extra-Eingänge, und ansonsten mache ich mir schon Platz", sagt er. In Köln, Dortmund, Gelsenkirchen, Berlin, Leverkusen, Wolfsburg und Augsburg sei er schon gewesen. "Die Menschen sind sehr hilfsbereit. Jeder Bundesligist hat zudem einen Betreuer für Menschen mit Handicap."

Eine latente Terrorgefahr während der Titelkämpfe kann seine Vorfreude nicht trüben. "Da werden so viele Vorkehrungen getroffen. Ich habe keine Bedenken." Schneider, der 100 Prozent schwerbehindert ist, darf immer eine Begleitperson mitnehmen. "Fürs Endspiel war die Nachfrage gro?, schmunzelt er, der auch oft genug einmal alleine unterwegs ist; auch schon mal zwei Bundesliga-Spiele an einem Sonntag besucht. "Einmal war ich nachmittags in Köln, und in Frankfurt habe ich beim Abendspiel zum Anstoß der zweiten Hälfte pünktlich auf meinem Platz gesessen."

Nach der Europameisterschaft sei ein Champions-League-Finale das nächste große Ziel. In München hatte er sich einst vergeblich um Tickets bemüht. Und bis dahin wird man Marcel Schneider mit seinem Rolli Woche für Woche auf den Sportplätzen der Region sehen.

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