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Zuletzt fast nur noch auf dem Trainingsplatz am Ball: Marco Russ, Eintracht-Verteidiger.

Interview

Eintracht-Verteidiger Marco Russ: „Maskottchen will ich nicht sein“

Eintracht-Haudegen Marco Russ über seine Rolle als Teilzeitkraft, die innere Hygiene eines Teams, Explosionsgefahr nach dem Pokal-Aus in Ulm und warum er Luka Jovic bei Real Madrid 20 Tore zutraut.

Herr Russ, während die Eintracht in aller Munde war und durch Europa rockte, ist es um Ihre Person in den vergangenen Monaten doch etwas ruhig geworden. Was war denn los?
Ich hatte ein bisschen zu kämpfen, nicht nur wegen meinen Achillessehnenproblemen. In den letzten Wochen der Saison war es körperlich nicht mehr so, wie es sein sollte und wie es am Anfang der Runde war. Ich war in keinem guten Zustand. Das musste ich mir als erfahrener Spieler auch eingestehen. Es waren Spieler vor mir, zu Recht, das habe ich eingesehen. Ich kam körperlich nicht mehr auf das Level, das ich benötige, um mitzuhalten. Deshalb kam mir die Sommerpause ganz gelegen, um den Resetknopf zu drücken. Ich habe dann in den Ferien und auch jetzt in der Vorbereitung so gearbeitet, dass ich wieder konkurrenzfähig bin.

An Ihrer Rolle als Integrationsfigur und wichtige Bezugsperson in der Kabine hat das nichts geändert?
Nein, gar nichts. Meine Rolle ist ja nicht nur rein sportlich zu sehen. Wir älteren Spieler wissen, dass die Konkurrenz immer größer wird. Die jungen Spieler werden immer dynamischer und besser, für uns wird es dann schwieriger, uns zu beweisen. Aber wir älteren Spieler müssen auch eine ganz andere Verantwortung übernehmen. Da geht es um die Integration der neuen Spieler, um Regeln, die eingehalten werden müssen. Wir müssen da ganz klar eine Führungsrolle übernehmen. Und die war bei mir beständig – ob ich jetzt gespielt habe oder nicht. Das hat gut geklappt, wir hatten keinen im Team, der nach links oder rechts ausgeschert ist.

Wie muss man sich das vorstellen? Ist es wirklich so, dass Sie dann dazwischenhauen, wenn der Schlendrian Einzug hält?
Das war bei uns nicht der Fall, aber selbst, wenn es kleine Anzeichen dafür gibt, steuern wir und natürlich auch der Trainer sofort dagegen. Wenn mal hier was vergessen oder die Kleiderordnung vernachlässigt wird oder einer mal etwas länger schläft als die anderen, dann fallen da schon deutliche Worte, weil das auch mit dem Respekt den Mitspielern gegenüber zu tun hat.

Eintracht Frankfurt hat ausnahmslos gute Charaktere im Team

Sie mussten Disziplin und Ordnung als junger Spieler ja auch erst lernen.
Allerdings. Zu meiner Zeit hatte die A-Jugend mit professionellem Fußball noch gar nichts zu tun, das ist heute ja ganz anders. Ich hatte das Glück, dass damals Friedhelm Funkel mein Trainer war, der zwar mein Talent erkannt, aber mir klar gemacht hat, auf was es als Profi ankommt. Das gilt auch für Franco (Zeugwart Lionti; Anm. d. Red.), der mich das eine oder andere Mal richtig zurechtgewiesen hat. Aber es hat gefruchtet.

Wir können uns noch erinnern, dass mal ein Spieler im Trainingslager Friedhelm Funkel in der Disco in die Arme gelaufen ist. Das wäre doch heute undenkbar.
So ist es. Wenn ich die Geschichten von früher höre, dass da selbst die größten Stars während der WM abgehauen sind und sich einen angetrunken haben. Wahnsinn. Bei uns ist es heute so, dass wir, wenn wir mal einen Nachmittag frei haben und abends mal was Essen gehen, überlegen, ob wir noch das zweite Bier trinken oder es besser bei einem belassen sollten. Früher, auch zu meiner Anfangszeit noch, sind einige Spieler zwischen den Trainingseinheiten zum Paolo gefahren (früher der Stammitaliener der Eintracht-Profis in Neu-Isenburg; Anm. d. Red.), haben Pizza gegessen, geraucht und ein Bierchen getrunken. Das wäre heutzutage undenkbar. Ich kann mich auch schon seit Jahren nicht mehr daran erinnern, dass ein Spieler bei uns geraucht hat. Das war früher anders.

Die Spielergeneration hat sich extrem verändert. Spüren Sie das als alter Hase ganz bewusst?
Ja, klar, viele sind schon recht weit. Als ich 19 war, wusste ich nicht, was ich zum Beispiel in einem Interview sagen sollte, da habe ich irgendwas gefaselt. Nehmen wir heute Dejan Joveljic. Der Junge ist 19, spielt schon in der Nationalmannschaft, hat keine Flausen im Kopf, er kommt total bodenständig und fokussiert rüber, ist absolut freundlich. Er weiß, was er will. Er ist ein guter Spieler, man sieht, dass er ein Näschen hat, weiß, wo das Tor steht, er kann sich auch körperlich durchsetzen. Aber man sollte halt nicht gleich erwarten, dass er, wie Luka Jovic, 15, 20 Tore macht. Aber man sieht, dass wir, gerade seit Fredi Bobic und Bruno Hübner das hier machen, ausnahmslos gute Charaktere im Team haben.

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Das war früher ja mal anders, da gab es Fraktionen und Grüppchen.
Und ob. Wenn ich an 2011 denke, das war schon eine ganz andere Nummer. Was da bei uns los war... Wir haben jetzt seit Jahren ein echt gutes Klima, und das ist extrem wichtig. Unser Teamgeist ist ein großes Plus. Die ganze Zeit schon, auch als Lukas Hradecky noch da war, Prince Boateng oder Marius Wolf – alle top. Wir waren immer gute Einheiten, trotz der vielen Nationalitäten. Sonst hätten wir diese Erfolge auch gar nicht feiern können.

Im vergangenen halben Jahr haben Sie nur in Bremen mal spielen dürfen. Haben Sie nicht auch ein bisschen Wehmut gespürt, als die Mannschaft von Sieg zu Sieg geeilt ist und Sie nur Zuschauer waren?
Ich war schon dabei, also ein aktiver Teil der Mannschaft. Ich war ja fast immer im Kader. Klar ist, dass ich gerade durch meine Einsätze in der Hinrunde Blut geleckt hatte, weil ich gesehen habe, dass ich auch international noch mithalten und das Niveau halten kann. Deshalb war mir klar, dass ich jetzt auf jeden Fall noch mal angreifen möchte.

Explosionsgefahr bei Eintracht Frankfurt nach dem Pokal-Aus in Ulm

Also den Gute-Laune-Profi Marco Russ, der nur fürs Binnenklima gut ist, soll es nicht geben.
Nein, ich lasse das hier nicht locker ausklingen. Ich weiß, dass es schwer wird, auf meine Einsätze zu kommen, gar keine Frage. Aber Maskottchen möchte ich nicht sein.

Marco Russ gehört bei Eintracht Frankfurt zum Inventar. Bis auf einen kurzen Abstecher zum VfL Wolfsburg hat der fast 34-Jährige immer die Knochen für die Hessen hingehalten. Die Eintracht ist für den gebürtigen Hanauer, der 2016 an Krebs erkrankte, die tückische Krankheit aber besiegt hat, mehr als nur ein Klub oder ein Arbeitgeber, sie ist eine Herzensangelegenheit. Russ will in dieser Runde noch mal angreifen, sein Vertrag läuft bis 2020. „Marco ist Frankfurter Urgestein, ein wichtiger Bezugspunkt für viele junge Spieler und ein regionalen Anker in unserer internationalen Truppe“, sagt Sportvorstand Fredi Bobic. 

Haben Sie eine Saison wie die vergangene mit diesen Extremen schon mal erlebt?
Nein. Man muss ja auch zurückschauen, nach dem Aus im Pokal in Ulm war es ja kurz vorm Explodieren, da herrschte bei uns, zumindest gefühlt, das totale Chaos. Das war, bevor überhaupt die Bundesliga begonnen hatte. Nach dem Spiel in Ulm habe ich mit zwei Fans gesprochen, und da sagte ich ihnen: „Jungs, ihr müsst Geduld haben mit uns, das wird eine schwierige Saison.“ So fing es ja dann auch an, bis zu dem Spiel in Marseille (2:1 nach 0:1 im ersten Europa-League-Spiel; Anm. d. Red.), das war der Wendepunkt. Seitdem ging es nur noch nach oben. Und dann auf einmal war ganz Deutschland begeistert von uns, jeder wollte wissen, wie es mit uns weitergeht in Europa, was wir noch schaffen, wie wir uns schlagen. Das hat man ja auch an den Einschaltquoten gesehen. Und die Fans haben eine Menge dazu beigetragen, welches Bild wir in Europa abgegeben haben. Auf das, was wir als kleine Eintracht da geleistet haben, gegen Chelsea oder Benfica, gegen Inter oder Donezk – darauf sind wir sehr stolz.

Jetzt steigen die Erwartungen, die Fallhöhe wird größer. Eine Gefahr?
Sehe ich nicht so. Unsere Erwartungen schrauben sich auch in die Höhe. Wir haben gesehen, was wir zu leisten imstande sind. Wir haben Blut geleckt, wir wollen das wieder erleben. Keine Frage. Keiner gibt sich mit dem zufrieden, was war und sagt: „Okay, jetzt ist es auch okay, wenn wir Elfter werden.“ Aber klar ist, dass man tiefer fällt, je höher man kommt. Aber das ist im Fußball so: Mal wirst du hochgejubelt, mal kriegt du eine mit der Keule drauf. Aber ich denke, wir haben uns bis jetzt super verstärkt. Das sind gute Jungs mit einer super Einstellung und Mentalität.

Trotzdem: Erst einmal sind 27 Pflichtspieltore von Luka Jovic weg, auch bei Ante Rebic halten sich die Wechselspekulationen.
Ganz ehrlich: Wenn man sieht, welche Saison die drei Jungs da vorne gespielt haben, dann weiß man doch, dass sie nicht noch einmal alle zusammen für Eintracht Frankfurt spielen. Und wenn du als Luka Jovic zu Real Madrid gehen kannst, die legen 70 Millionen Ablöse auf den Tisch und bieten dir einen Vertrag über fünf Jahre mit entsprechendem Gehalt, ja, da gibt es doch nichts mehr zu überlegen. Hallo, das ist Real Madrid. Und ich traue Luka zu, dass er da gleich in der ersten Saison seine 20 Buden macht. Er ist in der Box ein absoluter Killer, und er spielt dann mit Jungs zusammen, die das sauber zu Ende spielen, bis er die Kugel halt nur noch reinmachen muss. Und das kann er wie kein Zweiter.

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Haben Sie schon ein Gefühl für die neue Mannschaft?
Das ist zu früh, aber wir haben, wie gesagt, gute Leute geholt. Und die gesamte Entwicklung des Vereins ist ja unglaublich. Wir sind jetzt in der Lage, direkt Spieler mit hoher Qualität zu holen. Finanziell sind wir besser aufgestellt als je zuvor, und wir sind attraktiver für Spieler geworden, weil sie sehen, was hier abgeht und hier entsteht.

Haben Sie Pläne für die Zeit nach der Karriere?
Nicht konkret. Aber ich höre nicht auf und werde dann als Bäcker anfangen. Ich werde dem Fußball erhalten bleiben, und ich hoffe, dass es auch bei der Eintracht sein wird. Aber da muss ich mit Fredi Bobic noch mal in Ruhe reden. Was genau, weiß ich sowieso noch nicht. Ich werde mir dann Gedanken machen, wenn ich merke, dass sich die Karriere dem Ende entgegenneigt.

Wann wird das sein?
Da gibt es für mich zwei Faktoren: Entweder ich stehe morgens auf und sage: „Boah, nee, will nicht mehr, geht nicht mehr, keine Lust mehr.“ Oder ich sehe, ich schaffe es nicht mehr, ich habe keine Chance mehr. Aber so weit bin ich noch nicht, es macht mir noch Mega-Spaß mit den Jungs. Aber eines kann ich ganz sicher sagen: Trainer werde ich auf gar keinen Fall. Das ist nichts für mich.

Interview: Ingo Durstewitz

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