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Greift wieder an: Djibril Sow.

Djibril Sow

Eintracht-Neuzugang Djibril Sow über seinen verschossenen Elfer - "bin viel reifer"

Eintracht-Neuzugang Djibril Sow über einen fatalen Fehlschuss aus elf Metern, Lehrgeld in der Champions League und weshalb ihm der Wehrdienst geholfen hat.

Djibril Sow hat sich nicht runterziehen lassen von der schweren Verletzung nach ein paar Tagen bei seinem neuen Arbeitgeber. Die niederschmetternde Diagnose, ein Sehnenanriss im Oberschenkel, empfand er als „Riesenschock“, doch er blieb stets positiv und haderte nicht lange . „Das bringt ja sowieso nichts“, sagt der 22-Jährige. 

Jetzt ist der Schweizer mit senegalesischen Wurzeln auf einem guten Weg und dem Zeitplan voraus. Vielleicht kann er sogar vor der Länderspielpause im September wieder auflaufen. Der Nationalspieler kam mit vielen Vorschusslorbeeren aus Bern nach Frankfurt, galt als bester Spieler in der Schweiz. Die Eintracht ließ sich seine Verpflichtung etwas kosten, zahlte rund zehn Millionen Euro. So viel wie nie zuvor.

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Sow verschoss im Pokalhalbfinale gegen SGE einen Elfmeter

Herr Sow, in Frankfurt hat man Sie am Anfang oft mit einem Elfmeter in Verbindung gebracht, einen, den Sie 2017 im Dress von Borussia Mönchengladbach verschossen haben – ausgerechnet im DFB-Pokalhalbfinale gegen Eintracht Frankfurt.
Das kann ich mir denken, dass man sich hier daran erinnert. Ich habe das auch nicht vergessen. Klar denkt man sich, wie kurios der Fußball ist. Damals habe ich für Gladbach gespielt und diesen wichtigen Elfer verschossen, und das gegen die Eintracht, die damals noch nicht die Rolle von heute gespielt hat. Heute spiele ich für Frankfurt, ist schon komisch manchmal.

Im Grunde wurde mit dem Einzug ins Finale seinerzeit diese rasante Entwicklung des Klubs erst so richtig in Gang gesetzt.
Sie meinen also, ich habe meinen Beitrag dazu geleistet. Okay, dann habe ich das gerne gemacht (lacht).

War der Fehlschuss das traurigste Erlebnis Ihrer Karriere?
Ja, so viel hatte ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht erlebt im Profifußball, ich hatte vorher zwei, drei Spiele für Gladbach gemacht, ansonsten in der zweiten Mannschaft gespielt. Was ich aber auch nicht vergesse, ist, dass mich alle Mitspieler getröstet haben und auch Trainer Dieter Hecking, selbst der damalige Eintracht-Coach Niko Kovac hat mich nach dem Spiel aufgemuntert und gesagt, das könne jedem passieren. Stimmt ja auch, in der Woche darauf habe ich im Fernsehen gleich vier Spieler gesehen, die verschossen haben, und das waren Spieler anderen Formats.

Ungewöhnlich war allemal, dass Sie überhaupt angetreten sind. Sie waren blutjung, hatten zuvor kaum Spiele gemacht und waren erst kurz zuvor eingewechselt worden. Wie kam das?
Ich habe als Siebter geschossen, das war alles spontan. Irgendwann kam die Frage: Wer schießt als nächster? Die sechsten Schützen hatten jeweils vergeben (Andreas Christensen für Gladbach, Guillermo Varela für die Eintracht; Anm. d Red.), und als ich bei den anderen ins Gesicht gesehen habe, da habe ich gemerkt, dass sie sehr verunsichert waren. Ich habe in der Jugend früher häufig Elfmeter geschossen, deshalb hatte ich eigentlich ein gutes Gefühl. Aber es ist natürlich was anderes, wenn man in so einem Stadion in so einem Spiel dem Torwart gegenübersteht...

...dann wir das Tor immer kleiner und der Torwart immer größer...
...genau so sieht es aus.

Sind Sie heute ein anderer Spieler als damals?
Definitiv. Ich bin viel reifer, bin viel weiter. Damals hatte ich drei Spiele gemacht, heute kann ich sagen, ich habe zwei Meistertitel geholt, in der Champions League und der Nationalmannschaft gespielt. Es ist sehr viel passiert in den letzten zwei Jahren.

Sie sind damals von Mönchengladbach zurück in die Schweiz, zu Young Boys Bern. War das für Sie nicht ein Rückschritt?
Wie man es nimmt. Aber ich habe ja, wie erwähnt, vorwiegend in der zweiten Mannschaft der Borussia gespielt, und wenn man von dort zu einem Topverein in der Schweiz geht, dann ist das kein Rückschritt. Ich hätte auch in Deutschland bleiben können, es gab Angebote, aber für mich war der Wechsel nach Bern die beste Lösung.

Sie wollten erst gar nicht zurück?
Zuerst war ich skeptisch, da ich Deutschland nicht verlassen wollte. Aber ich habe dann irgendwann gemerkt, dass Bern perfekt zu mir passt, weil ich so viel wie möglich spielen wollte, und das auf einem guten Niveau. Bern spielte damals Champions-League- und Europa-League-Qualifikation. Das machte für mich Sinn, da ich mich da auf internationalem Niveau präsentieren und weiterentwickeln konnte.

Sie haben bei Young Boys direkt mit Adi Hütter zusammengearbeitet. Hat er Ihnen geholfen?
Der Trainer hat mir sehr früh sehr viel Einsatzzeit gegeben. Ich kam ja auch mit viel Elan und Dynamik, hatte richtig Lust auf diese Aufgabe. Ich habe dann aber auch schnell merken müssen, dass das kein Jugendfußball mehr ist. Da muss man jedes Spiel bei 100 Prozent sein, wenn man das nicht ist, dann kann man seine Leistung auch nicht abrufen. Ich musste also erst zu einer gewissen Konstanz finden.

Was macht Adi Hütter anders als andere Trainer?
Er arbeitet sehr gerne mit jungen und dynamischen Spielern. So ist ja auch sein Fußball. Er gibt den jungen Spielern die Chance, sich durch Einsatzzeiten zu zeigen. Das ist ein Unterschied zu vielen anderen Trainern.

War für Sie jetzt die Zeit reif, noch mal den Schritt ins Ausland zu wagen?
Definitiv. Das war nicht nur meine Einschätzung, sondern auch die Meinung des Berner Trainers Gerardo Seoane und die von Sportchef Christoph Spycher. Mir selbst war auch klar, dass ich gehen muss. Ich habe zum Schluss gemerkt, dass mich die Spiele in der Schweiz nicht mehr richtig fordern, das war wie eine Stagnation meines Leistungsvermögens. Das habe ich gerade nach den Spielen in der Champions League gespürt. Das ist noch mal ein anderes Niveau. Und nach den Spielen in der Champions League hatte ich dieses Gefühl, dass ich das öfter erleben möchte. Da ist so viel Intensität und Qualität und ein ganz anderes Flair. Dieses Niveau hat mich sehr beeindruckt. Die Mannschaften brauchen nicht viele Chancen, um ein Tor zu machen, sondern eine reicht meistens. habe dadurch unheimlich viel gelernt.

Wie erlebten Sie eigentlich Ihr allererstes Champions-League-Spiel?
Natürlich war es etwas ganz Besonderes, es war gegen Manchester United. Wir haben alles gegeben, gepowert ohne Ende. Irgendwann waren wir leer, dann ist Manchester gekommen, hat drei Tore gemacht und das Spiel war erledigt. Dabei hatten wir ein gutes Spiel gemacht. Das war natürlich ein Schlag. Aber die zweite Partie gegen Juventus Turin war noch bemerkenswerter. Ich habe noch nie gegen solch eine Mannschaft gespielt. Man denkt, man ist ganz gut im Spiel, aber irgendwann merkt man: Sie lassen einen spielen, so lange sie wollen, also sie entscheiden das. Wir haben dann immer bis 40 Meter vor deren Tor gespielt, aber das war es auch. Wenn sie dann angezogen haben, hat es gleich lichterloh bei uns gebrannt. Am Ende haben wir 0:3 verloren. Das war eindrucksvoll.

Aber solche Spiele können ja auch hilfreich sein.
So ist es. In den letzten drei Spielen sah das ganz anders aus. In Valencia hätten wir fast gewonnen, in Manchester fast einen Punkt geholt und zum Schluss haben wir zu Hause gegen Juve gewonnen. Wir haben schnell gelernt.

Sie sind hier mit rund zehn Millionen Euro Ablöse der Rekordeinkauf. Ist das für Sie eine Belastung oder eher eine Wertschätzung?
Für mich eine Art Wertschätzung. Wenn die Eintracht noch nie so viel Geld für einen Spieler ausgegeben hat, zeigt das, dass sie mich wirklich haben wollte. Mein Ziel ist es, das Vertrauen durch Leistung zurückzuzahlen.

Und dann stoppt Sie gleich so eine tückische Verletzung, Sehnenanriss im Oberschenkel. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Das war im ersten Moment ein Riesenschock. Aber man kann es nicht ändern, und wenn man immer nur hinterhertrauert und sich fragt, warum ist das passiert, dann dauert das alles, glaube ich, ein bisschen länger. So ist es schneller ausgeheilt als gedacht, ich habe in dieser Woche schon ein bisschen mit der Mannschaft trainiert. Es ist sehr gut gelaufen.

Sie sind dynamisch, laufstark, passsicher. Aber Ihr Manko ist der Torabschluss.
Da muss ich mich sicher verbessern. In Bern haben wir aber oft mit einem flachen 4-4-2 und zwei Vollblutstürmern gespielt. Und als Sechser ist der Weg zum Tor dann doch ziemlich weit. Aber wenn man in der Zone ist, muss man konsequenter und zielstrebiger sein. Daran muss ich arbeiten. Aber wenn ich dann mal vor dem Tor bin, bin ich eigentlich sehr treffsicher. Ich tauche aber nicht so oft wie ich sollte in dieser Zone auf.

Der Berner Sportchef Christoph Spycher war hier mal Kapitän, hat er Ihnen zu einem Wechsel nach Frankfurt zugeraten?
Er hat mir nur Gutes über den Verein erzählt, aber mich nicht beeinflusst. Ich hatte aber von Anfang an ein gutes Gefühl. Natürlich waren auch die Auftritte in der Europa League beeindruckend, das haben wir in der Schweiz auch alles mitbekommen. In Bern hatten wir 15 000 Zuschauer, als es um die Qualifikation für die Champions League ging. Und hier ist gleich alles ausverkauft mit fast 50 000, wenn es um die Europa League geht. Da hat man natürlich sehr viel Lust auf so einen Verein.

Gelson Fernandes, Ihr Freund, hat Ihnen auch den Mund wässrig gemacht, oder?
Aber wie. Er hat nur geschwärmt. Er hat mir immer gesagt: Du musst kommen, du musst kommen. Ich kenne Gelson schon lange, er ist ein toller Typ, deshalb habe ich ihm auch geglaubt (lacht). Und er hat nicht gelogen, es ist eine sehr sympathische, interessante Mannschaft mit vielen Nationalitäten. Hier fühlt man sich schnell wohl.

„Auf dem Platz lasse ich die Sau raus.“ Das sagten Sie unlängst, als Sie hier vorgestellt wurden. Wie meinen Sie das?
Ich bin abseits des Platzes ruhig und introvertiert. Auf dem Platz versuche ich, meine ganze Energie und Aggressionen rauszulassen und mich auszuleben.

Sie haben, parallel zu Ihrer Zeit als Profi in Bern, für 18 Wochen den Wehrdienst in der Schweiz absolviert. Das ist schon ungewöhnlich als Berufsfußballer.
Es ist vor allem anstrengend, 5.30 Uhr aufstehen, Bett machen, das ganze Programm. Da braucht man Disziplin, auch wenn wir von den 18 Wochen nur drei Wochen in der richtigen Kaserne waren, danach waren wir im Sportleistungszentrum. Anders ging das aber gar nicht, wir haben mit Bern auch Europa League gespielt, hatten alle drei Tage ein Spiel. Vor allem aber lernt man zu schätzen, was man für ein privilegiertes Leben als Fußballer hat. Ich bin froh, es gemacht zu haben. Das war eine lehrreiche Erfahrung. Man lernt zu schätzen, was man hat.

Man kann sich vom Wehrdienst aber doch befreien lassen.
Das stimmt, dann muss man drei Prozent seines Jahresgehalts entrichten. Es machen viele. Das ist ihnen lieber als einzurücken. Ich habe mich anders entschieden, und das war für mich gut so.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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