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Immer volle Pulle: Dominik Kohr (rechts) kennt auf dem Feld keine Freunde.

Interview

Eintracht Frankfurts Dominik Kohr: „Auf dem Feld bin ich ein anderer Typ“

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    Thomas Kilchenstein
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Der Eintracht-Zugang Dominik Kohr über seine resolute Spielweise, das Leben in einer Gastfamilie und weshalb er es privat eher ruhig mag.

Dominik Kohr, 25, liegt Fußball im Blut, fast seine gesamte Familie spielt oder spielte hochklassig, Vater Harald damals in der Bundesliga, Schwester Karoline zurzeit beim 1.FC Köln in der Bundesliga, selbst der Opa war Profi. Kein Wunder, dass der Eintracht-Zugang schnell die Fußball-Laufbahn einschlug und schon in jungen Jahren aus Trier nach Leverkusen wechselte, wo er parallel eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann machte.

Die Eintracht zahlte für den eisenharten Mittelfeldspieler die stolze Summe von neun Millionen Euro. Kohr, verheiratet, ist schnell zum Stammspieler avanciert, er hat für Leverkusen, Augsburg und Frankfurt insgesamt 148 Bundesligaspiele absolviert und vier Tore geschossen. Bei der Eintracht unterschrieb er einen Vertrag bis 2024.

Herr Kohr, mal ganz ehrlich: Wer ist der beste Fußballer in Ihrer Familie. Ihr Vater Harald, der beim 1.FC Kaiserslautern gespielt hat, Ihre Schwester Karoline, die beim 1. FC Köln aktiv ist, Ihr Opa Siegfried, der auch als Profi gekickt hat, oder doch Sie?
(lacht) Da muss ich mich ja rausnehmen, weil ich im Mittelfeld spiele, mein Vater, Opa und meine Schwester im Angriff spielen oder spielten. Das kann man nicht vergleichen, sie haben andere Qualitäten als ich. Jeder hat seine Stärken und Schwächen, Opa habe ich nie gesehen, den Papa nur auf Videos. Ich sag‘ mal lieber nichts, sonst bekomme ich noch Ärger mit meiner eigenen Familie (lacht).

Ihr Vater Harald war aber ein echter Knipser, 97 Bundesligaspiele, 45 Tore.
Ja, er hatte echt eine gute Quote. Schade nur, dass er wegen einer Knieverletzung seine Karriere früher als geplant beenden musste.

Sie haben in der Jugend aber doch auch weiter vorne gespielt?
Ja, in der Jugend war ich Stürmer, als ich nach Leverkusen gewechselt bin, sollte ich auf der Zehn spielen, aber sie haben dann schnell gemerkt, dass meine Stärken eher im Mittelfeld etwas weiter hinten liegen.

Dominik Kohr war früh klar, dass er Profi werden wollte

Sie sind sehr früh nach Leverkusen gewechselt, sind als 14-Jähriger von Ihrer Heimatstadt Trier weg, 200 Kilometer entfernt. Kein leichter Schritt, oder?

Das erste Jahr blieb ich noch in Trier, habe bei meinem alten Verein trainiert, dem TuS Issel, und bei meinem Vater, der seinerzeit noch DFB-Stützpunkttrainer war. Freitags hat er mich nach Leverkusen gefahren, dann habe ich das Abschlusstraining gemacht und samstags in der B-Jugend gespielt. Ein Jahr später habe ich dann bei einer Gastfamilie, der Familie Diekmann, fest gewohnt, meine Eltern blieben in Trier. Leverkusen bietet das anstatt eines Internats an. Mir kam das sehr entgegen, zudem habe ich mich mit Marian Sarr (mittlerweile Innenverteidiger bei Carl Zeiss Jena, Anm. d. Red.), der dort ebenfalls gelebt hat, sehr gut verstanden.

Gab es nicht auch Heimweh, so mit 15, 16 allein von zu Hause weg?
Das kam gar nicht auf, man hat ja viel unternommen, hat viel trainiert, es war sehr familiär. Ich denke, Heimweh kommt eher in einem Internat auf.

Dann wurden die Weichen in Richtung Profifußball ja früh gestellt?
Stimmt, mir war klar: Wenn ich was erreichen möchte, muss ich diesen Schritt tun und meinen Dorfverein, bei dem ich wirklich gut ausgebildet worden bin, verlassen.

Dann war es bestimmt von großem Vorteil, dass der Vater als ehemaliger Profi wusste, auf was es ankommt. Oder wären Sie diesen Weg auch gegangen, wenn Ihr Vater, sagen wir, Elektriker gewesen wäre?
Mein Vater hat mich vom ersten Augenblick an immer unterstützt, hat mich gefahren, hat sogar den Beruf gewechselt, damit er mich freitags mittags nach der Schule nach Leverkusen fahren konnte. Und er konnte mir als ehemaliger Profi viele wertvolle Tipps geben, vor allem eines: diese Zeit zu genießen.

Profitiert vom Wechsel nach Augsburg

Dadurch, dass Sie so früh auf eigenen Beinen stehen mussten, sind Sie sicherlich auch in der Entwicklung weiter gewesen als andere Jungs?

Man reift natürlich schneller und früher. Man muss schon früh Eigenverantwortung übernehmen. Du kannst dann nicht einfach sagen, „Komm‘, Papa, gib mir mal 20 Euro für die Schule“. Man muss schauen, wie man über die Runden kommt, etwa aufs Taschengeld achten – aber es war ja immer noch die Gastfamilie da. Der größte Schritt in die Eigenverantwortung war aber ein anderer.

Welcher?
Als ich mit knapp 20 Jahren zum FC Augsburg gewechselt bin. Da hatte ich plötzlich eine eigene Wohnung, musste mich einrichten, mich ums Essen kümmern. Gut, dass meine jetzige Frau dabei war, die hat wichtige Dinge übernommen: das Kochen zum Beispiel (lacht).

Das war im Nachhinein ein entscheidender wichtiger Schritt in Ihrer Karriere. Auch wenn es auf den ersten Blick ein Schritt zurück war, von Leverkusen zu Augsburg, oder?
Zu der Zeit hatte ich bei Bayer nur Kurzeinsätze. In Augsburg habe ich unter Trainer Markus Weinzierl sehr viel mitnehmen können. Er hat mir unheimlich geholfen. Der Wechsel zum FC Augsburg hat mich nach vorne gebracht, auch wenn es auf den ersten Blick wie ein Schritt zurück aussah. Die Spielzeiten über 90 Minuten bringen einen viel weiter als nur viele intensive Trainingseinheiten. In Augsburg habe ich mich als Bundesligaspieler etablieren können. Ich sah mich ohnehin erst als vollwertiger Bundesligaspieler, als ich viele Spiele über 90 Minuten absolviert hatte.

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In Augsburg hatten Sie eine schwere Verletzung, in 2016 war es, als der Mainzer José Rodriguez brutal in Sie hineinrutschte. Ihr Vater musste seine Karriere wegen einer Knieverletzung beenden. Hatten Sie damals Sorge, dass alles schon wieder vorbei sein könnte?

Es war im Endeffekt nur ein Weichteiltrauma. Ja sicher, es sah schlimm aus im ersten Moment. Es war aber nichts gebrochen, das war das Wichtigste. Nach vier Wochen konnte ich wieder spielen. Sorgen um meine Karriere hatte ich somit nie. Aber deshalb hat mein Vater mir immer gesagt, ich solle die Zeit als Fußballer genießen. Es kann auch schnell vorbei sein. Und deshalb tue ich das auch, ich sauge jeden Moment auf dem Platz auf.

Auch die Augsburger Spielweise hat zu Ihnen gepasst?
Ja. Augsburg war für mich perfekt, so wie der FC spielte, passte das sehr gut zu meiner Spielweise. Und der Spitzname Hard-Kohr kommt nicht von ungefähr. Die Augsburger Jungs haben mich im Training und in den Spielen erlebt, und dann hat mich Daniel Baier irgendwann Hard-Kohr gerufen.

Aber auf dem Feld ruft keiner, „Hard-Kohr, spiel den Ball lang“?
Nein, nein, aber ein kleiner Spitzname ist das schon.

Nie zurückziehen – könnte man so ihren Spielstil umschreiben?
Ja, aber ich möchte nie den Gegner verletzen, das ist nie meine Absicht. Ich versuche stets, meiner Mannschaft dadurch zu helfen, dahin zu gehen, wo es auch einmal wehtun kann. Das schon. Ich gehe halt in jeden Zweikampf mit 100 Prozent, das minimiert auch die Gefahr, verletzt zu werden, weil man immer die entsprechende Körperspannung hat.

Dominik Kohr bezeichnet sich als ruhigen Typ

Gegen Racing Straßburg hatten Sie zu Beginn der zweiten Halbzeit das deutliche Signal an die eigene Mannschaft gesandt, „Hallo, wir lassen uns nicht alles gefallen“.

Ja, es war eine hitzige Atmosphäre in dem Spiel. Das war schon ein extremes Spiel. Wahnsinn, ein Spiel, das man so leicht nicht vergisst. Die Hütte war voll, es war eine einzigartige, unglaubliche Atmosphäre. Dafür spielt man Fußball.

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Aber Sie sind eigentlich auch ein guter Fußballer, kommt Ihnen das manchmal zu kurz, also sehen Sie sich in den falschen Schubladen steckend?
Da kann ich die Leute doch überraschen, wenn ich mal ein paar Tore schieße oder fußballerisch glänze (lacht). Nein, ich bin nicht nur fürs körperlich betonte Fußballspielen da, ich kann schon auch kicken. Fußballerisch ist aber sicher Luft nach oben, wenn ich zum Beispiel sehe, wie Seppl Rode da durch die Gegner dribbelt, dann kann ich mir da schon noch etwas abschauen. Letztlich ist mir aber egal, wie ich gesehen werde, Benotungen in Zeitungen schaue ich mir nicht an. Mir geht es darum, wie der Trainer mich sieht.

Wie würden Sie sich privat beschreiben, sind Sie wie auf dem Feld so ein Draufgänger?
Auf gar keinen Fall, ich bin ein ganz ruhiger Typ. Nehmen wir mal Lukas Hradecky, den man ja hier in Frankfurt auch gut kennt. Lukas ist ein lustiger, spezieller Typ. Wenn er in einen Raum kommt, hat er sofort zehn Freunde. Ich brauche eine Stunde, bis ich mich mal mit jemandem unterhalte. Ich bin eher zurückhaltend, ich brauche in meinem Privatleben auch keine Präsenz. Auf dem Feld bin ich ein anderer Typ (lacht).

Haben Sie sich mit Lukas Hradecky mal über die Eintracht unterhalten?
Klar, er hat wirklich nur Gutes über die Eintracht berichtet. Das hilft natürlich auch bei so einer Entscheidung.

In Leverkusen, als Sie von Augsburg zurückkamen, lief es ja nahezu perfekt, Trainer Heiko Herrlich lobte Sie häufig. Am Ende unter Peter Bosz ging dann gar nichts mehr.
Ja, anfangs lief es super. Die Zeit unter Heiko Herrlich war klasse, wenn er noch Trainer wäre, wäre ich wahrscheinlich jetzt noch in Leverkusen. Aber so ist das im Fußball. Jeder Trainer hat seine eigenen Vorstellungen, und zum Schluss hat es nicht mehr gepasst. Es war Zeit, zu gehen, auch wenn ich mich in Leverkusen immer wohl gefühlt habe.

Bei Goncalo Paciencia wird der Knoten platzen

Sie sind unter Peter Bosz nur noch einige Male eingewechselt worden, das war es. Wie frustrierend ist es, wenn man gar nicht mehr zum Zug kommt?

Das war keine leichte Phase, klar. Aber mein Vater hat mir auch gesagt: Sei froh, dass du überhaupt bei so einem Verein spielen darfst. Ich habe immer Vollgas gegeben, wenn der Trainer mich gebraucht hat, war ich zur Stelle. Es bringt nichts, da auch noch Stress reinzubringen, letztlich zählt der Erfolg der Mannschaft. Wir haben am Ende die Champions League erreicht, darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich unterstütze die Teamkollegen zu 100 Prozent – egal, ob ich spiele oder nicht.

Wie sind Sie in Frankfurt aufgenommen worden?
Super. Ich musste gar nicht auf die Jungs zugehen, sie sind auf mich zugegangen. Das habe ich in der Art auch noch nie erlebt. Charakterlich ist das eine tolle Mannschaft. Ich passe hier super hin, ich glaube, das sieht man auch.

Die Mannschaft hat fast Ihren kompletten Sturm verloren, aber auch hochkarätige Spieler hinzugewonnen. Wie sehen Sie es?
Letztes Jahr wurden da vorne eine ganze Menge Tore geschossen, aber jetzt müssen andere in die Bresche springen. Ich denke, das wird auch gelingen. Gegen Düsseldorf hat man ja gesehen, wie es laufen kann, da kommt Bas Dost rein und macht gleich das Tor, da sieht man, dass er Qualität hat. Und auch Gonco (Goncalo Paciencia; Anm. d. Red.) ist ein super Spieler, der letzte Saison vielleicht etwas untergegangen ist. Aber ich sehe in jedem Training, was er kann. Bei ihm wird der Knoten noch platzen.

Was ist drin für die Eintracht in dieser Saison?
Wir hätten in Leipzig einen Punkt verdient gehabt, dann hätten wir jetzt sieben Punkte, so haben wir sechs. Wir sind im Pokal weiter, haben uns für die Europa League Gruppenphase qualifiziert – das ist ein super Start in die Saison. Was ich vor allem spüre: Die Mannschaft gibt immer bis zur letzten Sekunde Vollgas, steckt nicht zurück und glaubt immer an sich. Das ist ein großer Vorteil. Ich bin davon überzeugt, dass wir ganz weit oben stehen können.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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