Der andere Jahresrückblick

So blickt "Henni" Nachtsheim auf das Sportjahr 2018 zurück

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Im launigen Gespräch mit Redakteur Ronny Th. Herteux blickt unser Kolumnist Hendrik "Henni" Nachtsheim auf das Sportjahr 2018 zurück.

Wir schauen zurück auf das Sportjahr 2018. Mit unserem Kolumnisten Hendrik "Henni" Nachtsheim, der für uns seit Jahren die Geschehnisse rund um die Frankfurter Eintracht kommentiert, als Teil des Comedian-Duos Badesalz seit Jahrzehnten und mit Rick Kavanian auf der "Dollbohrer-Tour" seit Jahren deutschlandweit unterwegs ist. Henni Nachtsheim hat sich analog zum Jahresverlauf zwölf Fragen gestellt, die allerdings keinen Anspruch auf sporthistorische Vollständigkeit oder chronologische Richtigkeit erheben. Los geht’s, starten wir:

1. Die deutschen Fußballer lassen bei der Weltmeisterschaft all das vermissen, was sie einst ausgezeichnet hatte: Einsatzbereitschaft, Zweikampfstärke, Zusammenhalt. Schon im Vorfeld gab es Anzeichen zuhauf für dieses Scheitern. Waren die Verantwortlichen blind?

Henni: Ich hatte schon vor der WM irgendwie den Eindruck, dass viele der Beteiligten irgendwie von sich selber bekifft waren. Was natürlich trügerisch ist, weil eben doch nicht alles so easy und dufte ist, wie man es in so einem Zustand selbst meint. Das ganze Auftreten, die Slogans, der Bus mit "Die Mannschaft" drauf und und und haben irgendwie nichts Gutes erahnen lassen. Und so war es ja auch.

Ein zweite Chance für Löw

1.1. So schnell können wir den Fußball doch nicht verlassen. Also zur Frage 1.1. Mit Bundestrainer Joachim Löw wurde schon vor der Weltmeisterschaft der Arbeitsvertrag verlängert, und nach dem Desaster von Russland wurde ihm das Vertrauen für die weitere Zukunft ausgesprochen. Das eine wie das andere erschließt sich mir irgendwie nicht. In der freien Wirtschaft wäre das fast schon undenkbar, beim Staat oder in der Politik schon eher vorstellbar.

Henni: Generell bin ich schon dafür, jemandem eine erneute Chance zu geben. Vor allem, wenn er vorher auch sehr viel richtig gemacht hat. Und Weltmeister zu werden, ist im Fußball jetzt ja nicht unbedingt so falsch. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob Jogi Löw tatsächlich so an seinem Job hängt wie z.B. Horst Seehofer. Dem ist es offensichtlich vollkommen egal, dass ihn kaum noch jemand in einem politischen Amt sehen möchte. Ich glaube, der Bundestrainer will den Fehler von Russland einfach noch einmal ausbügeln. Und ich finde, die Chance hat er tatsächlich verdient!

1.1.1. Mesut Özil. Jener Fußballer, der Rassismus beklagt, wirft mit von seinen Beratern geschriebenen Schmutzpamphleten auf den Deutschen Fußball-Bund, lehnt Interviews und ein Gespräch mit dem Bundestrainer ab. Sorry, aber ich kann nur zu dem Schluss kommen, das was mit dieser Person nicht stimmt.

Henni: Dazu ist so viel geschrieben und gesagt worden, dass ich überhaupt keinen Drang verspüre, das noch mal ausführlich zu kommentieren. Es war jedenfalls ein klassisches Beispiel dafür, wie Menschen bei richtiger Vorgehensweise eine Situation erzeugen können, bei der am Ende alle Beteiligten nur verlieren. Das ist wie wenn nach einem Banküberfall Bankräuber und Bankangestellte schwer verletzt am Boden liegen, während im Tresorraum auch noch Feuer ausgebrochen ist und die gesamte Kohle in Flammen aufgeht.

Der geilste Tag

1.1.1.1. Nur ein kurzer Anlauf: 19. Mai, Berlin, 3:1. Können Sie unsere Leser über dieses epochale Ereignis aufklären mit all der ihnen zugeschriebenen Sachlichkeit.

Henni: Kein Problem. Es war einer der geilsten Tage in unser aller Eintracht-Fan-Leben, und in den Wochen danach wurde in hessischen Apotheken so wenig Viagra verkauft wie noch nie! Ich hoffe, das ist sachlich genug!

1.1.1.1.1. Immer noch Fußball, immer noch die Eintracht. Denn die mischt bis zum Jahresende in der Bundesliga oben mit und schließt die Gruppenphase der Europa League nach sechs Siegen in sechs Spielen auf Rang eins ab. Mit einem Trainer, den vor seinem Wechsel an den Main niemand gekannt hat: Adi Hütter. Wer ist Niko Kovac?

Henni: Ich verspüre ehrlich gesagt null Lust, bei Niko Kovac nachzutreten. Er hat die Eintracht erst vor einem sicheren Abstieg bewahrt, dann besser gemacht und den Pokal geholt. Das reicht doch dicke aus, um sich mit einem freundlichen Shakehands zu verabschieden. Was Adi Hütter angeht, ist das einer dieser klassischen, überraschenden Fredi-Bobic-Touchdowns. Er holt immer wieder mal jemanden, den niemand auf dem Schirm hatte, außer ihm selbst, und hat mit diesen Entscheidungen fast immer recht. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass das Team um ihn herum dabei extrem nützlich ist!

Defekte in der Selbstwahrnehmung

1.1.1.1.1.1.Zur Halbzeit letztmals Fußball: Legendär die Münchner Pressekonferenz, dort wurde das Trio "Beleidigte Leberwürste" aus der Taufe gehoben. Warum hat die keiner gestoppt? Oder wer hat die ins offene Messer laufen lassen? Vielleicht waren die auch voll mit Halluzinogenen.

Henni: Männer wie Hoeneß oder Rummenigge brauchen keine fremden Drogen, sie sind ihre eigenen. Und der lebende Doppel-Beweis dafür, dass zu viel Macht im Fußball offensichtlich zu schweren Defekten in der Selbstwahrnehmung führt. Was wiederum einen angemessenen Umgang mit dem Rest der Welt schwierig macht. Natürlich weiß ich um die enormen Vereins-Verdienste der bdeiden, aber das berechtigt sie nicht dazu, sich dermaßen aufzuführen.

2. Am 23. Dezember wäre der 2015 verstorbene Helmut Schmidt 100 Jahre alt geworden. In seinem letzten Buch beklagte er den "Trend, nur noch in Legislaturperioden zu denken". Das langfristig Notwendige habe die heutige Politikergeneration nicht mehr im Blick. Das lässt sich allgemein auf die Gesellschaft, aber auch speziell auf den Sport, auf den Fußball übertragen. Oder?

Henni: Das würde ich nicht verallgemeinern. Es gibt auch im Fußball Leute, die neben dem ziemlich rasanten Tagesgeschäft durchaus auch den Blick auf die Zukunft nicht verloren haben. Die sich Gedanken machen, wie man einen Verein langfristig konsolidieren kann. Max Ebert zum Beispiel hat das bei Borussia Mönchengladbach bewiesen, und den Verein über Jahre besser gemacht. Was ich Fredi Bobic übrigens auch zutraue!

3. Mit Angelique Kerber (Tennis), Patrick Lange (Triathlon) und der Eishockey-Nationalmannschaft, aber auch auf den weiteren Podestplätzen bei der Wahl zum Sportler des Jahres haben die Fußballer keinen Stich gemacht. War das eine Wahl, die auch ihre Zustimmung bekommt? Sind die Fußballer überbewertet?

Henni: Dass keine Fußballer auf den Podesten gestanden haben, lag daran, dass international keine deutsche Mannschaft was wirklich Großes geleistet hat. Das ändert aber natürlich nichts an der hierzulande eben riesigen Fußball-Begeisterung. Und wenn du Fan von einem Verein bist, dann ist dir das nun mal das Wichtigste. Als die Deutschen bei der WM in Russland ausgeschieden sind, fand ich das zwar schade, aber weil ich während des Südkorea-Spiels gerade meinen neuen Schlüsselanhänger mit der Miniatur-Nachbildung des DFB-Pokals in der Hand hatte, war’s nur noch halb so schlimm.

4. Trainer-Oldie Jupp Heynckes hat Schluss gemacht, ebenso wie Darts-Legende Phil Taylor, Biathlon-Methusalem Ole Einar Björndalen oder Diskus-Hüne Robert Harting. Wen werden Sie vermissen?

Henni: Alex Meier! Natürlich weiß ich, dass auch so eine Karriere irgendwann mal vorbei ist, aber ich hab ihn schon echt gern spielen gesehen und mag ihn als Typ wirklich sehr. Weil er immer auf dem Boden geblieben ist. Außer bei Kopfbällen ... kleiner Scherz!

"Frieden" mit Heynckes

5. Und wie ist es mit Jupp Heynckes? Bedauern Sie, dass er aufhört, oder tragen Sie ihm als Eintracht-Fan immer noch seine schwierige Zeit in Frankfurt nach?

Henni: Weder noch! Dass er noch mal eingesprungen ist, ehrt ihn, aber dass er jetzt Privatmann sein will, ist absolut nachvollziehbar! Und was seine Frankfurt-Zeit angeht, erscheint mir das mittlerweile etwas albern, ihm da immer noch Vorwürfe zu machen. Irgendwann ist es auch mal gut.

6. 2018 ist auch ein Jahr des Abschieds. Aus dem deutschen Sport sind unter anderem Rolf Schafstall, Ralf Waldmann, Rudolf Mang, Hans Günter Winkler, Günter Eichberg, Graciano Rocchigiani und Karl Mildenberger verstorben. Hegen Sie besondere Erinnerungen oder Emotionen mit einigen dieser Verstorbenen?

Henni: Am ehesten an Rudolf Mang, der so was wie der Wegbereiter für das Gewichtheben in Deutschland war. Wegen ihm habe ich das damals bei Olympia geguckt, vorher hatte mich das null interessiert.

7. Nach dem Blick zurück nun einer voraus. In wenigen Tagen startet 2019. Ein Jahr ohne Fußball-EM oder -WM, ohne Olympia. Aber eventuell mit einem hessischen Feuerwerk. Was ist drin, was wünschen Sie sich für das neue Jahr?

Henni: Man sollte rund um Weihnachten bescheiden bleiben. Deswegen wäre ich mit Platz vier am Ende der Bundesliga-Saison und dem Gewinn der Europa League schon zufrieden!

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