Zwei Gesichter der Goethe-Uni

Frankfurt (dapd). An einem Baum im Schatten hinter dem monumentalen IG-Farben-Gebäude hat es sich Sascha Noack gemütlich gemacht. An heißen Tagen sei dies der perfekte Ort, um die Seminarpause zu überbrücken, freut sich der Student der Literaturwissenschaft im Westend.

"Ich bin ein Fan von diesem Campus - in Bockenheim säße ich jetzt wahrscheinlich in der dunklen Bibliothek", sagt er. Am morgigen Freitag feiert die Goethe-Universität das zehnjährige Bestehen mit einem Campusfest unter dem Motto "Eingelebt".

Genervte Gesichter sind dagegen in knapp zwei Kilometern Entfernung am Campus Bockenheim zu sehen. Aus einer Menschentraube heraus schauen Studenten an die Anzeigen über den Türen. Schon seit Minuten warten sie auf einen Aufzug im AfE-Turm, in dem die Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften untergebracht sind. Auf drei von sieben Aufzügen informieren gelbe Schilder: "Dieser Aufzug wird für Ihre Sicherheit gewartet."

Die technischen Probleme in den Bockenheimer Universitätsgebäuden sind jedoch nur ein Grund für die Standortverlagerung, sagt der Pressesprecher der Universität Olaf Kaltenborn. "In Bockenheim gab es schlicht keinen Platz für weiteres Wachstum", erklärt er. Deshalb begann die Uni im Jahr 2001, erste Fachbereiche auf das ehemalige Gelände des US-Army-Hauptquartiers im Frankfurter Westend zu verlagern. In ihrem Büro im 30. Stock des AfE-Hochhauses sitzt die Umzugsbeauftragte des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften Sigrid Roßteutscher und schaut aus dem Fenster.

"Das einzige, was ich hier wirklich vermissen werde, ist die Aussicht", sagt die Soziologieprofessorin. Über das Messegelände, die Gleise des Hauptbahnhofes, bis hin zum Flughafen reicht der Blick bei gutem Wetter. Dennoch spräche alles für einen Umzug. "Bei der Begehung des Neubaus vor zwei Wochen konnten wir schon einen Eindruck von der offenen Architektur und der Helligkeit des Gebäudes gewinnen", berichtet sie.

Letzte Ausbaustufe bereitet Sorgen

Am Campus Westend entstehen derzeit die neuen Gebäude der zweiten Ausbaustufe, welche die Fachbereiche Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften, die Verwaltung sowie zwei Forschungsinstitute beherbergen werden. Zum Wintersemester 2012 soll der Lehr- und Forschungsbetrieb dort aufgenommen werden. Sowohl Roßteutscher als auch Kaltenborn geben sich optimistisch, dass der geplante Umzugstermin eingehalten werden kann. Sorgen bereitet der Universität derzeit allerdings noch die letzte Ausbaustufe. Mit dem Umzug der Universitätsbibliothek und den verbleibenden Fächern Musik, Kunst und außereuropäische Sprachen könnte der Standort Bockenheim eigentlich aufgegeben werden. Zur Sicherung der Finanzierung bedarf es jedoch noch Verhandlungen mit dem Land Hessen.

Auch wenn der Westend-Campus atmosphärisch an eine Parkanlage erinnert und mit modernster Technik ausgestattet ist - die Universität hat noch ein Platzproblem an ihrem neuen Standort. "Es ist schon jetzt abzusehen, dass wir die ersten ein oder zwei Jahre für die Seminare nach Bockenheim pendeln müssen", sagt Roßteutscher. Der Fachbereich habe seit Planungsbeginn der Gebäude viele neue Mitarbeiter eingestellt, weshalb im neuen Gebäude schon in der Planung Seminarräume zu Büros umfunktioniert werden müssten. Außerdem sei die Zahl der Studenten in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Studierendenvertreter des AStA sehen den Platzmangel deshalb mit Sorgen: "Durch den Umzug darf der Raum für studentische Initiativen nicht verloren gehen", sagt Jessica Lütgens vom AStA-Vorstand.

Zu wenig Seminarräume

Kaltenborn sieht dies jedoch gelassen. Man habe den Mangel an Seminarräumen erkannt und arbeite nun daran, ein weiteres Seminargebäude am Campus Westend zu errichten. Allerdings sei auch klar: "Bei solchen Großprojekten innerhalb einer sich ständig wandelnden Institution kann man nicht mit Rücksicht auf kurzfristige Schwankungen planen."

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