Traum-Campus oder Elite-Architektur?

Frankfurt. Als "Deutschlands schönster Campus" preist die Frankfurter Goethe-Universität das Neubaugelände im Westen der Stadt. Das traditionsreiche, aber heruntergekommene Uni-Viertel Bockenheim wird aufgegeben, hinter dem um 1930 errichteten I.G.-Farben-Haus entsteht seit 2004 ein Neubau nach dem anderen.

Wie finden die Studierenden ihren neuen Campus? Und was sagt die Architektur über das Selbstverständnis der Hochschule aus? Das hat das Institut für Humangeographie jetzt untersucht.

Die Wissenschaftler baten Studierende, den Campus abzulaufen und ihre persönlichen Eindrücke aufzuschreiben. Die Auswertung der Texte zeigt, wie tief die Kluft ist zwischen den beiden Gruppen, die sich diesen Campus teilen. Den Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern fielen überwiegend positive Begriffe ein wie "offen", "freundlich", "beflügelnd". Die Geisteswissenschaftler notierten viel mehr negative Eindrücke wie "bedrohlich", "steril", "eng".

Der Frankfurter Architekt Ferdinand Heide hat den größten Teil des Campus Westend gebaut. Ihm war wichtig, die Architektur "aus dem Ort heraus zu entwickeln", also an Hans Poelzigs I.G.-Farben-Haus zu orientieren. Eine heitere, kommunikative Atmosphäre habe er schaffen wollen, sagt der Architekt. Der Baustil schlicht, das Material hochwertig. Räume, die den größtmöglichen Austausch ermöglichen – auch und gerade zwischen verschiedenen Fachbereichen.

Beim Hochschulbau gehe es um "Maßstäblichkeit", sagt Heide, der für ein Gebäude an der Universität Regensburg 2012 den Deutschen Hochschulbaupreis erhalten hat. "Wie man lernt, ist stark abhängig von der Architektur, die man dafür zur Verfügung stellt." "Mega-Strukturen" wie die in den 1970er Jahren gebauten Universitäten Bielefeld oder Bochum wolle zum Glück heute niemand mehr.

Der Campus Westend wächst und wächst. In der ersten Ausbaustufe wurden das "House of Finance", die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und ein Hörsaalzentrum gebaut. In der zweiten Ausbaustufe folgen nach den Gesellschafts- und den Erziehungswissenschaften 2005 Teile von Psychologie und Sportwissenschaften sowie 2009 Sprach- und Kulturwissenschaften. Nach der dritten Ausbaustufe wird das Gelände bis zum Alleenring reichen.

Der Vorteil von Bockenheim sei die gewachsene Struktur des Viertels gewesen, sagt Heide, und die Verzahnung mit der Stadt. Der Nachteil ein Baustil, den er "introvertiert" nennt. Der neue Campus sei "eine städtebauliche Setzung aus einem Guss". Aber was sagt die Architektur über das Selbstverständnis dieser Hochschule? Dazu haben Prof. Jürgen Hasse und Mitautor Oliver Müller eine klare Meinung: "Die Planung aller Neubauten des Campus Westend folgte von Anfang an dem Ziel, das neue neoliberale Selbstverständnis einer Universität im 21. Jahrhundert zum Ausdruck zu bringen."

Die Gebäude sollen "den Anspruch der Goethe-Universität widerspiegeln, eine herausragende Hochschule zu sein", sagt Hochschulsprecher Olaf Kaltenborn. Leitlinie bei der Gestaltung sei aber gewesen, optimale Studienbedingungen zu schaffen. Er glaubt nicht, dass die Meinung der 19 Geisteswissenschaftler, die ihre Eindrücke zu Papier brachten, der Mehrheit entspricht. Anfang des Jahres hatte die Hochschule 8500 Studierende befragt. "80 Prozent würden das Studium an der Goethe-Universität weiterempfehlen." Sandra Trauner, dpa

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