Mit Tempo 30 und Spezialasphalt gegen Lärm

Frankfurt (lhe). Wenn Frankfurts neuer Verkehrsdezernent Stefan Majer am 8. Juli sein Amt übernimmt, muss er gleich eine unbequeme Entscheidung treffen. Der Grünen-Politiker muss festlegen, auf welchen Hauptverkehrsachsen in Deutschlands größter Pendlerstadt nachts Tempo 30 gelten soll.

Fünf Straßen sind dafür vorgesehen. Das hat die regierende Koalition aus CDU und Grünen im Mai in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt. Die von Autofahrern ungeliebte Geschwindigkeitsbeschränkung soll in dicht besiedelten Wohngebieten den Lärm reduzieren helfen. Damit setzt die Stadt einen Lärmaktionsplan um, den die Regierungspräsidien für ganz Hessen entworfen haben. Es geht dabei um die Umsetzung einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 2002, die drei Jahre später nationales Recht wurde.

Frankfurt ist beim nächtlichen Tempolimit keineswegs Vorreiter: In Wiesbaden und Darmstadt laufen dazu bereits seit 1. März dieses Jahres Pilotprojekte, wie Rolf Michelssen vom Regierungspräsidium (RP) in Darmstadt sagt. In der Landeshauptstadt gilt das Limit auf zwei Achsen in Bierstadt und Schierstein, in Darmstadt auf der Heinrichstraße auf einer Länge von fast 1,5 Kilometern. Dabei soll grundsätzlich immer der Lärmpegel um mindestens drei Dezibel gesenkt werden, was einer Halbierung der Lärmquellen gleichkommen würde.

In der Heinrichstraße misst der Verkehrswissenschaftler Prof. Klaus Habermehl von der Hochschule Darmstadt mit seinen Studenten nachts den Lärm. Er will auch herausfinden, ob die Autofahrer sich freiwillig ans Tempolimit halten oder nur unter Druck. Zur Warnung an Autofahrer werden daher auch nachts mal Studenten mit leuchtenden Warnwesten unterwegs sein. Die Stadtpolizei will auch versteckt kontrollieren. Immerhin rund 1000 Anwohner könnten nachts möglicherweise besser schlafen, wenn es an der Straße ruhiger wird.

Im Regierungspräsidium Darmstadt setzt man außerdem auf eine neue Asphaltmischung zur Verkehrsberuhigung. Ein derzeit in Düsseldorf erprobter Belag, den die Uni Bochum entwickelt hat, soll auch in Hessen getestet werden. In Frankfurt sind dafür vier Straßen vorgesehen. Mit dem Bau des ersten Abschnitts soll bereits im Juli begonnen werden. Darmstadt ist schon weiter: Rechtzeitig zum städtischen "Heinerfest" soll Ende der Woche eine rund 400 Meter lange Strecke an der Heinrichstraße freigegeben werden.

Generell ist die "Lärmsanierung" von Verkehrsknoten weit schwieriger als die "Lärmvorsorge". Denn beim Bau neuer Straßen gelten relativ strenge Lärm-Grenzwerte von unterhalb 60 Dezibel. Für den Lärmschutz an bestehenden großen Straßen fließen nur Gelder, wenn die Werte über 70 Dezibel (am Tag) und 60 Dezibel (nachts) liegen.

Nächtliche Tempolimits können an vielbefahrenen Bundesstraßen auch in kleinen Gemeinden zur Reduzierung des Lärms beitragen. Die Gemeinde Wetter in Mittelhessen meldet erste Erfolge. Für das südhessische Lampertheim hat das RP Darmstadt auf der schwer belasteten Bundesstraße 44 auch tagsüber ein Lkw-Durchfahrverbot vorgeschlagen. Doch das ist bislang am Amt für Straßen- und Verkehrswesen in Bensheim gescheitert, wie Michelssen berichtet.

Ob Tempo 30 aber der Königsweg zu weniger Lärm ist, da ist man beim Regierungspräsidium Darmstadt eher skeptisch. "Die Polizei hat zur Kontrolle nicht die personellen Ressourcen", sagt Michelssen.

Ein Limit könne nur mit einem "Appell an die Vernunft" der Autofahrer durchgesetzt werden. Verkehrswissenschaftler Habermehl hält dagegen Kontrollen für unverzichtbar. Auch "Starenkästen" könnten helfen. Letztlich sei die Umsetzung von Tempo 30 aber Sache der Polizei. Thomas Maier, dpa

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