Nicht nur Schnappschüsse vom Eiffelturm

Frankfurt. Die Schnappschüsse vom Eiffelturm oder von der Akropolis wirken wie harmlose Urlaubsfotos, doch andere Bilder von zerschossenen russischen Dörfern und am Galgen hingerichteten Zivilisten lassen die volle Brutalität der Besatzer erahnen. Im Zweiten Weltkrieg haben die deutschen Soldaten ihren Eroberungsfeldzug auf zahllosen privaten Bildern dokumentiert.

Unter dem Titel »Fremde im Visier« zeigt das Historische Museum in einer großen Ausstellung unbekannte Fotos aus 150 Alben. Es sind Leihgaben von ehemaligen Soldaten und deren Familien vor allem aus Norddeutschland, ein Teil kommt auch aus Museen und Archiven. Rund zehn Prozent aller Deutschen besaßen 1939 einen eigenen Fotoapparat. Die Soldaten waren 1939 von Joseph Goebbels' Propagandaministerium ausdrücklich zu den »Knipserfotos« aufgefordert worden. Diese sollten neben den Feldpostbriefen den Zusammenhalt zwischen Front und Heimat stärken.

Positives war erwünscht: Deshalb präsentierten die Soldat anfangs zum Beispiel stolz ihre Uniformen auf Atelierporträts und setzten - wie etwa beim Einmarsch in Paris - Bilder von ihren anfänglichen Triumphzügen in Szene.

»Die Fotos machen deutlich, wie der Krieg gesehen wurde, und nicht wie er war«, betont Ausstellungskuratorin Petra Bopp. Die Kunsthistorikerin war auch an der ersten der beiden großen »Wehrmachtsausstellungen« maßgeblich beteiligt.

Während im »Blitzkrieg« an der Westfront der touristische Blick überwiegt, rückt im Vernichtungskrieg im Osten die Zivilbevölkerung in den Fokus. Der Rassismus der Bilder ist unverkennbar: Alte nationalistische Stereotypen von »dem Russen« oder »dem Polen« mischen sich mit der Vorstellung von »minderwertigen Untermenschen«. Der Einfluss der NS-Kriegspropaganda wird hier besonders augenfällig.

Die meisten Soldaten befolgen das Verbot, Kriegsverbrechen wie Exekutionen oder Erhängungen zu fotografieren. Dennoch gibt es solch grausame Bilder auch in den Alben. Und manchmal verbirgt sich die schreckliche Realität hinter verräterischen Klebespuren, weil ein Foto später entfernt wurde. So ist in der Schau ein Album zu sehen, in dem in auf einer Seite von den »erschossenen Partisanen in (der nordwestrussischen Stadt) Pleskau« die Rede ist. Doch das Foto dazu fehlt.

Viele Bild-Kommentare in den Alben sprechen ebenfalls für sich: »So sieht es im blöden Russland aus« oder »Auch die Juden sind dort zu Hause« heißt es. Dennoch glaubt die Kuratorin, dass die Privatfotos eine weit vielschichtigere Perspektive vom Krieg liefern als die offiziellen NS-Bildberichterstatter, die einen klaren ideologischen Auftrag hatten.

Wichtig scheint auf jeden Fall, dass diese privaten Fotos nicht Militaria-Sammlern oder Neonazis überlassen werden, die dafür oft hohe Preise bezahlen. Das Echo war erstaunlicherweise sehr groß, als Bopp im Rahmen eines Oldenburger Forschungsprojekts öffentlich nach den privaten Kriegsbildern suchte. »Das Telefon stand nicht mehr still«, berichtet sie. Es meldeten sich vor allem Menschen der Nachkriegsgeneration, weil sie auf Dachböden oder in alten Truhen noch Alben von Familienmitgliedern fanden. Die »zweite Generation« scheint also weit unbefangener an das lange verdrängte Thema heranzugehen.

Bei der Ausstellung haben vier Museen aus Oldenburg, Frankfurt, München und Jena kooperiert. In Frankfurt ist die Schau vom heutigen Freitag an bis zum 29. August zu sehen. Ein Album sowie eine Fotosammlung kommen aus Frankfurter Privatbesitz. Es gibt ein umfassendes Begleitprogramm, und Besucher können auch eigene Fotoalben mitbringen und diese vorstellen. Thomas Maier, dpa

Die Ausstellung im Historischen Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet; mittwochs von 10 bis 20 Uhr.

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