Neues Projekt vermittelt Abhängigen Kontakte außerhalb des Drogenmilieus

Frankfurt (ddp-hes). Nicole und Stephanie hätten sich in ihrem Alltag vermutlich niemals kennengelernt. Die 30-jährige Stephanie arbeitet in einer Bank, die 34-jährige Nicole ist drogenabhängig und jobbt in einer Kleiderkammer. Trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswelten sind beide Frauen Freundinnen geworden.

Frankfurt (ddp-hes). Nicole und Stephanie hätten sich in ihrem Alltag vermutlich niemals kennengelernt. Die 30-jährige Stephanie arbeitet in einer Bank, die 34-jährige Nicole ist drogenabhängig und jobbt in einer Kleiderkammer. Trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswelten sind beide Frauen Freundinnen geworden. Zusammengebracht hat sie das bundesweit einmalige Projekt »Buddy Care« der Drogenhilfe, das Süchtigen Freunde aus dem »ganz normalen Leben« vermittelt. So sollen die Betroffenen Alternativen zu ihrem Milieu kennen lernen und leichter von den Drogen loskommen.

Seit Oktober treffen sich Nicole und Stephanie wöchentlich. Ihre Nachnamen möchten sie nicht öffentlich nennen. Bei ihren Treffen gehen die Frauen in Cafés oder schlendern durch die Stadt. Was für viele Freundinnen Alltag ist, bedeutet für Nicole eine neue Erfahrung: »Da geht ein normaler Mensch mit mir durch die Stadt und schämt sich nicht«, sagt sie.

Nicoles Gesicht ist vom jahrelangen Drogenkonsum gezeichnet, seit ihrer Teenagerzeit ist sie süchtig nach Heroin. Heute nimmt sie an einem Methadonprogramm teil, lebt von Hartz IV und jobbt als Ein-Euro-Kraft in einer Kleiderkammer. Sie hat seit eineinhalb Jahren eine eigene Wohnung. Ihr Traum ist es, das Sorgerecht für ihre vierjährige Tochter zu bekommen, die derzeit bei ihren Großeltern lebt. Beruflich würde Nicole gerne an alte Zeiten anknüpfen, sie ist ausgebildete Energieelektronikerin. Doch unter Drogeneinfluss kann und darf sie nicht arbeiten. Ein Praktikum im Baumarkt war ihr jüngster Erfolg.

Als Lohn bekam sie 50 Euro Taschengeld. Sie investierte die Hälfte davon in eine Eintrittskarte für ein Gospelkonzert zusammen mit Stephanie. »Da war ich stolz auf mich«, sagt Nicole. Wochen zuvor hätte sie von dem Geld noch Drogen auf der Straße gekauft. »Durch das Projekt bin ich selbstbewusster geworden«, sagt die 34-Jährige. Mit Stephanies Hilfe meldete sie sich in der Stadtbibliothek an, liest wieder Bücher. Für Nicole ist es »ein Ansporn«, wenn Stephanie etwas aus ihrem Leben erzählt, etwa von Ausflügen, Urlauben, der Familie.

»Eine komplett andere Welt«

Die Bankangestellte hatte zu Beginn des Projektes viele Fragen an die Drogenabhängige. »Das ist eine komplett andere Welt für mich, wie im Krimi«, resümiert Stephanie. Ehrenamtlich engagiert hatte sich die gepflegte, zierliche Frau bis zum vergangenen Jahr noch nie. Doch ein Werbezettel für das Projekt »Buddy Care« in der Bank weckte ihr Interesse. »Ich wollte mich gerne engagieren, hatte aber keine Lust auf einen festen Termin«, sagt Stephanie. Ein wöchentliches Treffen erschien ihr flexibel genug. Zu Beginn wurde sie mit anderen Teilnehmern in Schulungen auf mögliche Probleme in der Freundschaft zu Drogenabhängigen vorbereitet, etwa Gewalt oder Diebstahl.

Vorfälle dieser Art gab es bei Nicole und Stephanie noch nicht. Zwar wirken die beiden ungleichen Frauen nicht so vertraut wie jahrelange Weggefährtinnen, aber ihr Verhältnis zueinander sehen beide als »freundschaftlich« an - genau so, wie es nach Meinung der Projekt-Verantwortlichen sein soll. »Die Leute wollen behandelt werden wie normale Menschen und nicht therapiert werden«, sagt die Sozialpädagogin Sandra Köhler, die »Buddy Care« koordiniert. Zwar gebe es bei den Teilnehmer-Paaren keinen Kontakt »auf Augenhöhe«, wichtig sei aber, dass die Drogenabhängigen übten, wieder sozialen Kontakt zu pflegen.

Die Idee für das Projekt stammt aus den Niederlanden. In Deutschland ist die Frankfurter Drogenhilfe bislang die einzige Institution, die das Konzept umsetzt.

Für Nicole, Stephanie und die anderen acht Paare dauert die vereinbarte Freundschaft noch bis Oktober. Danach ist offen, ob man weiterhin in Kontakt bleibt. Stephanie und Nicole haben bis dahin noch einige Museums- und Kinobesuche auf dem Programm, wovon auch die Bankangestellte profitiert: »Mit Nicole kann ich auch Sachen machen, auf die mein Freund keine Lust hat«, sagt Stephanie lachend.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare