Bei Neckermann geht die nackte Angst um

Frankfurt. Die selbstironischen Sprüche sind Neckermann noch nicht ausgegangen, obwohl dem Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht. "Was kommt in den Keller, damit wir aus dem Keller kommen? Ihre neue Waschmaschine" juxen die Werbestrategen im Internet, während der vorläufige Insolvenzverwalter Alarm schlägt.

Die Lage für Neckermann werde immer aussichtsloser, sichtbar schlimme Folgen jahrelanger Misswirtschaft hielten Investoren von einer Übernahme ab, hatten die Wirtschaftsanwälte Michael Frege und Joachim Kühne deutlich formuliert. In der Belegschaft hat die schonungslose Bestandsaufnahme nach zwei Monaten vorläufiger Insolvenzverwaltung die Zweifel an die Zukunftsfähigkeit in Verzweiflung verwandelt.

"Da sind Tränen geflossen, viele stehen vor dem Nichts", berichtet der Betriebsrat der Logistiksparte, Thomas Schmidt, von der Betriebsversammlung. Vor wenigen Monaten hatte er noch Pläne für einen Ausbau des Eigenhandels mit Textilien geschmiedet. "Das war jetzt noch mal ein richtiger Dämpfer." Falls nicht noch ein Wunder geschieht, müssen sich die rund 2000 Frankfurter Beschäftigten im kommenden Monat arbeitslos melden, denn das Insolvenz-Kurzarbeitergeld läuft aus. Auch das Call-Center in Heideloh in Sachsen-Anhalt ist betroffen.

Die Belegschaft in Frankfurt ist durchaus heterogen, meint Betriebsrat Schmidt. Um junge, flexible Web-Designer und IT-Spezialisten müsse sich niemand Sorgen machen, wohl aber um die knapp 600 Lagerhelfer mit zuletzt jeweils 1700 Euro brutto im Monat. Sie sind im Schnitt 49 Jahre alt und mehr als 20 Jahre bei Neckermann. Unter ihnen gebe es viele Schwerbehinderte, Kranke und Menschen mit großen Sprachproblemen. "Wir müssen unbedingt verhindern, dass die alle in Hartz IV fallen. Das wäre eine soziale Katastrophe."

Die Anwälte Frege und Kühne aus der Kanzlei CMS Hasche Sigle waren beileibe nicht untätig, meint Verdi-Sekretär Wolfgang Thurner, der die Hoffnung auf zumindest einen Teilinvestor noch nicht aufgeben mag. "Die Investorensuche läuft hochprofessionell." Doch die Interessenten wandten sich bislang sämtlich ab. Rund 50 private Investoren prüften das Unternehmen, das lange den Internet-Trend verschlafen hatte, auf Herz und Nieren, berichtet Frege: "Die Investoren monieren vor allem, dass ihrer Ansicht nach über einen langen Zeitraum hinweg nicht kostenbewusst gewirtschaftet worden sei. Überall seien sie bei ihrer Prüfung auf die sichtbar schlimmen Folgen für die Wirtschaftlichkeit des Betriebs gestoßen."

Den von Betriebsrat und Verdi favorisierten Ausbau des Textilienhandels habe die Geschäftsführung auf dem kalten Weg erledigt, kritisiert Thurner. Die Geschäftsführung selbst äußerte sich am Donnerstag auf Nachfrage nicht. Thurner bemängelte weiter, die notwendigen Planungen für die kommenden Saisons seien im Frühjahr einfach gestoppt worden. Im Programm findet sich nur noch Kleidung von Markenherstellern, die auf Provisionsbasis über die Internetplattform vertrieben wird.

Auf der Homepage sind trotz aller forschen Selbstironie indirekt längst die negativen Folgen nachzulesen: "Wir arbeiten daran, die gewohnte Produktvielfalt wieder herzustellen", heißt es dort. Dem Vernehmen nach schicken viele Lieferanten ihre Waren nur noch gegen Vorkasse. Das im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit erfolgreiche Traditionsunternehmen hatte Mitte Juli Insolvenz angemeldet, nachdem der Eigentümer, der US-Finanzinvestor Sun Capital, kein weiteres Geld für die nötige Sanierung zur Verfügung gestellt hatte. Neckermann droht damit das gleiche Schicksal wie der einstmaligen Konzernschwester Quelle vor drei Jahren. Einzelne Mini-Einheiten wie die Retoureabteilung, der Übergrößen-Spezialist Happy Size oder das Hochregallager hält Verdi-Mann Thurner zwar auch allein für überlebensfähig, doch an den großen Universalversand glaubt auch er nicht mehr.

Sehr viel wahrscheinlicher ist eine Liquidation sämtlicher noch vorhandener Vermögenswerte inklusive Ausverkauf der letzten Waren und Kundendatei. Christian Ebner, dpa

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