Jährlich rund eine Million Besucher angestrebt

Frankfurt. Noch dauert es eine Stunde bis zum Beginn der ersten Vorstellung an diesem Samstag. Doch die ersten Kinder und Jugendlichen stellen sich schon an der Kasse an.

Das Cinestar Metropolis, ein palastartiges Gebäude mit prächtiger Gründerzeitfassade in der Innenstadt, öffnet seine zwölf Kinosäle um 14 Uhr. "Heute kommen mindestens 4000 Besucher", glaubt Stefan Burger, Chef eines der größten deutschen Multiplex-Kinos. Dies scheint eine optimistische Prognose an diesem strahlend schönen Vorfrühlingstag. Doch Burger sagt das im gelassenen Ton eines Managers, der die Gewohnheiten der Kinogänger seit Jahren kennt. Während die ersten Besucher in das Haus mit seinen 3600 Plätzen strömen, sitzt Burger im fünften Stock an seinem Schreibtisch. Am Computer studiert er die Zahlen des Vortages: 3034 Besucher sind gekommen, jeder hat noch im Schnitt 2,30 Euro für Popcorn und Getränke dagelassen. Macht also Einnahmen von über 30 000 Euro. Verbucht werden die Gelder auf dem Konto der Cinestar-Zentrale in Lübeck. Die Kinogruppe, von den Geschwistern Kieft gegründet, ist mit einem geschätzten Anteil von 17 Prozent Branchenführer in Deutschland. 2004 wurde die Gruppe vom australischen Entertainment-Konzern AHL geschluckt. 40 der 150 Mitarbeiter vollzeitbeschäftigt

Wie andere deutsche Multiplexe – darunter werden Großkinos mit acht und mehr Sälen verstanden – ist das Metropolis ein nach ökonomischen Prinzipien gemanagtes Unternehmen. "Es ist ein hartes Geschäft", stellt Burger fest. Der 39-Jährige ist seit anderthalb Jahrzehnten in der Branche. Das Metropolis hat knapp 150 Mitarbeiter, davon aber nur 40 Vollbeschäftigte. Zum Einsatz kommen viele Studenten. Die Kommunikation im labyrinthartig verschachtelten Haus läuft über Walkie-Talkie.

Einst war in dem traditionsreichen Gebäude das Volksbildungsheim mit einem Ballsaal untergebracht. Finanziert durch einen Immobilienfonds wurde das Haus vor sieben Jahren für 45 Millionen Euro entkernt und durchgestylt. Die Miete beläuft sich jährlich auf mehrere Millionen Euro. Rund eine Million Besucher müssen deshalb kommen, damit das Haus seine Unkosten einspielt. 2006 waren es aber nur um die 900 000. Spektakuläre Pleiten wie die der Ufa-Kette haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Goldgräberzeit in der deutschen Kinobranche der Vergangenheit angehört. Als in den 90er-Jahren Kinos in ganz Deutschlands aus dem Boden schossen, gingen die Investoren von jährlich 200 Millionen Kinobesuchern um die Jahrtausendwende aus.

2007 waren es 125,4 Millionen, wie aus den jüngsten Zahlen der Berliner Filmförderungsanstalt hervorgeht. Das war ein Minus von 8,2 Prozent zum Vorjahr, nachdem 2005 schon als katastrophales Kinojahr galt.

Die Cinestar-Gruppe sieht dennoch Grund für Optimismus: Der Marktanteil der derzeit rund 500 Multiplexe in Deutschland ist stetig gestiegen. 2007 lag er bei 47 Prozent. Außerdem ist das neue Jahr mit einem "der besten Januar-Ergebnisse" überhaupt angelaufen. Im Metropolis zählt für Burger im Endeffekt allein der Umsatz. Wenn er am Samstagnachmittag sein Programm für die am folgenden Donnerstag beginnende neue Kinowoche macht, dann sind für ihn vor allem die Tabellen wichtig, die in Sekundenschnelle auf dem Bildschirm seines Computers die Auslastung der zwölf Kinosäle anzeigen. Besonders wichtig ist die Disposition der Neustarts. Davon gibt es bundesweit mindestens fünf pro Woche. Für den Prunksaal des Metropolis, der 600 Plätze umfasst und mit 280 Quadratmetern eine der größten Leinwände Deutschlands hat, plant er die neue Hollywood-Romanze "27 Dresses" ein.

Gerade bei den Hollywood-Filmen wird zwischen Kinobetreibern und Verleihern hart gefeilscht. Die Verleiher, die in der Regel identisch mit den großen Filmstudios wie Fox, Columbia, Disney oder Warner sind, erhalten bei Neustarts mindestens 50 Prozent der Einnahmen. Wenn eine Kinokette gut verhandelt, kann sie entsprechend große Rabatte rausholen. Unter 35 Prozent fällt der Anteil der Verleiher eigentlich nie, wie Burger weiß. Und natürlich wollen die Verleiher auch mitreden, wie oft und in welchen Sälen ihre Filme gespielt werden, wenn sie Nachlässe gewähren. Die Macht der großen Studios bei Produktion und Verleih dürfte im umkämpften Filmgeschäft kaum zu überschätzen sein. Die Kleineren, die für ihre Projekte meistens kein großes Marketing-Budget haben, tun sich schwer. Kleineren Filme gelingt es deshalb selten, gerade in Multiplexe zu kommen.

Trotz der wirtschaftlichen Zwänge will das Metropolis aber kein Abspieltheater für Blockbuster sein. Das Metropolis gibt auch den Rahmen für kleinere Festivals ab. Das dekorative Äußere machen sich Banken oder andere Unternehmen zunutze, die das Haus für Firmenfeiern anmieten. In vier Bars können bis zu 1000 Menschen bewirtet werden. Eine eigene Agentur vermarktet das Kino rund um die Uhr, damit die Kinosäle schon morgens für Konferenzen gebucht werden, wenn das eigentliche Kerngeschäft noch nicht begonnen hat.

Kinogänger werden mit speziellen Programmen angelockt: Es gibt Vorpremieren und Überraschungsfilme ("sneak preview") genauso wie Sonderveranstaltungen für Frauen ("CineLady"). Vor allem an Wochenenden werden "Kindergeburtstage" organisiert. Inzwischen rückt der Samstagabend – der wichtigste Kinoabend der Woche – näher. Die zwei Projektionisten von der Haustechnik, die die zwölf Säle betreuen, sind dann im Dauereinsatz. Vor dem Start der Werbefilme, während der Eispause und vor Beginn des Hauptfilms überprüfen sie in den Sälen per Augenschein, ob Bild und Ton einwandfrei sind. Generell wird der Ton nachmittags, wenn es im Kino noch ruhig zugeht, leiser gestellt.

Noch immer vertraut auch ein auf technische Perfektion setzendes Großkino auf den 35-Millimeter-Film. Ein 90-Minuten-Streifen bringt es auf eine Länge von 2,7 Kilometern. "Das Digitalkino ist noch nicht rentabel", sagt Möller, der zur neunköpfigen Technikerabteilung gehört. "Es gibt gerade auf großen Leinwänden noch einen Qualitätsverlust." Der Umstieg kommt langsam. Für alle Säle sind bereits zusätzliche digitale Projektoren vorgesehen. Mit dem Siegeszug der DVD und dem Trend zum "Heimkino" wird sich die Konkurrenzsituation für die Kinos verschärfen. Burger ist dennoch von der Zukunft der Branche überzeugt. "Das Kino wird weiterleben. Was für die Leute zählt, ist das Gemeinschaftserlebnis." An diesem Samstag waren es genau 4878 Menschen, die dieses Erlebnis im Metropolis suchten. Thomas Maier, dpa

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