Die Hebammen wollen nicht mehr

Frankfurt. Die Hebammen im Geburtshaus wollen nicht mehr. Die explodierenden Kosten für eine Berufshaftpflichtversicherung wachsen den Geburtshelferinnen über den Kopf.

Frankfurt. Die Hebammen im Geburtshaus wollen nicht mehr. Die explodierenden Kosten für eine Berufshaftpflichtversicherung wachsen den Geburtshelferinnen über den Kopf. "Im Moment ist es so, dass sich meine Kolleginnen hier die Geburtshilfe nur noch als teures Hobby leisten", sagt Britta Heilemann. Wie viele andere freiberufliche Hebammen und Gynäkologen hat die Frankfurterin angesichts der gestiegenen Versicherungsbeiträge und der mauen Bezahlung aufgegeben.

Im Jahr 2007 zahlten Hebammen für ihre Berufshaftpflichtversicherung noch 1218 Euro jährlich. 2009 waren es bereits 2370 Euro. Seit dem 1. Juli müssen die Hebammen nun stattliche 3700 Euro zahlen, um sich gegen berufliche Risiken abzusichern. Dagegen steht eine Bezahlung, die laut Edith Wolber vom Deutschen Hebammenverband (DHV) "nach wie vor beschämend ist". Gut zwei Monate im Jahr arbeiten die Geburtshelferinnen alleine, um die Kosten für die Versicherung zu erbringen.

Viele Hebammen machen da nicht mehr mit. Rund 400 der bundesweit 4000 Hebammen im DHV haben die Geburtshilfe zum 1. Juli aufgegeben. "Im Herbst werden noch weitere folgen", ist sich DHV-Sprecherin Wolber sicher. Denn viele Hebammen seien derzeit nur noch deswegen in der Geburtshilfe tätig, weil sie werdenden Müttern die Entbindung zugesagt hätten.

Auch vielen Belegärzten in der Geburtshilfe ist die Berufshaftpflicht von jährlich rund 20 000 Euro zu teuer geworden. Viele freiberufliche Gynäkologen geben daher auf. Dadurch dürften nach Ansicht von Wolber vor allem die Geburtsstationen kleinerer Krankenhäuser Probleme bekommen. "Die flächendeckende Versorgung in ländlichen Gebieten ist bedroht und die Zahl der Kaiserschnitte wird zunehmen", glaubt Wolber.

Dieser Ansicht ist auch Heilemann. Die 39-Jährige gibt mittlerweile nur noch Geburtsvorbereitungskurse und macht Wochenbettbesuche. Zudem hat sie sich auf Akupunktur für Schwangere spezialisiert. Die Entbindungen überlässt sie ihren neun Kolleginnen im Geburtshaus Frankfurt. "Es ist mir zu anstrengend geworden.

" Die Geburtshilfe erfordere ein besonderes Maß an Flexibilität, viel Nachtarbeit und unregelmäßige Arbeitszeiten. Durch ihren Verzicht auf die Kernarbeit der Hebamme spart Heilemann zudem viel Geld. Statt 3700 zahlt sie nur rund 500 Euro Berufshaftpflicht im Jahr.

Läuft bei der Entbindung etwas schief, kann die Hebamme als Geburtshelferin in Regress genommen werden. In den meisten Fällen geht es dabei um Sauerstoffmangel bei der Geburt. Die Beiträge für die Versicherungen in der Geburtshilfe sind in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegen, weil die einzelnen Schadensfälle deutlich teurer geworden sind. Die medizinische Versorgung von Pflegefällen ist in den vergangenen Jahren immer besser, aber auch kostenintensiver geworden. Zudem klagen die Krankenkassen immer häufiger. "Die Krankenkassen beschäftigen mittlerweile riesige Regressabteilungen und versuchen alles, was ihnen zu teuer ist, abzuwälzen", sagt Patricia Gruber, Sachverständige im Hebammenwesen. Die Regresszeit ist mit 30 Jahren zudem sehr lang. "Die meisten Klagen wegen möglicher Geburtsfehler kommen innerhalb der ersten fünf Jahre. Aber wir hatte auch schon die Klage eines 29-Jährigen, dem plötzlich einfiel, dass sein steifer Arm auch von der Geburt herrühren könnte", so Gruber.

Hebammen sind dann in der Beweispflicht und müssen dokumentieren, dass sie bei der Entbindung keine Fehler gemacht haben. Der DHV fordert daher im Herbst einen Runden Tisch, bei dem auch eine Verkürzung der Regresszeit von 30 auf zehn Jahre zur Sprache kommen soll. An dem Runden Tisch sollen neben Vertretern aus dem Gesundheits- und Familienministerium auch die Versicherungswirtschaft und die Spitzenverbände der Krankenkassen teilnehmen. "Wir hoffen, dass die Länder im Bundesrat Druck machen, weil sie merken, dass ihnen die flächendeckende Versorgung wegbricht", sagt DHV-Sprecherin Wolber.

Für Heilemann kämen eine höhere Entlohnung in der Geburtshilfe oder sinkende Versicherungsbeiträge wohl zu spät: "Es ist ein schöner Beruf, aber im Moment kann ich mir nicht vorstellen, nochmal in die Geburtshilfe zurückzukehren."

Oliver Teutsch (ddp)

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