Warum nicht auch eine Taufe oder Hochzeit? Im Bus ist Platz für vieles. 
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Warum nicht auch eine Taufe oder Hochzeit? Im Bus ist Platz für vieles. 

Kirche kurios

„Guter Ort für Gottesdienste“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Ein Reisebus dient der evangelischen Gemeinde von Mittel-Gründau als Kirchenraum. Was als Notlösung begann, nimmt Fahrt auf. Das kann man ganz wörtlich verstehen.

Es geht nicht darum, in der Gegend herumzufahren. Dass die Protestanten eines kleines Ortes im Main-Kinzig-Kreis von der baufälligen Kapelle in den Bus umgezogen sind, hat eher finanzielle Gründe. Ihr Raumproblem haben die Gläubigen nun erst einmal gelöst. Und sie haben mit dem Bus noch einiges vor. Wir haben mit Pfarrerin Kerstin Berk gesprochen, was es damit auf sich hat.

Frau Berk, Sie feiern Gottesdienste im Reisebus. Wie kam es dazu?
Das ist aus der Not heraus entstanden. Wir mussten unsere Kapelle schließen, weil wir sie nicht mehr unterhalten konnten, und haben nach einer Möglichkeit gesucht, im Ort präsent bleiben zu können. Da sind wir auf den Bus gekommen.

Warum das?
Man kann dort schön beieinandersitzen, auf bequemen Plätzen, es gibt ein Mikrofon und Lautsprecher, so dass das eigentlich ein guter Ort ist, um Gottesdienste zu feiern.

Wie viele Sitze hat der Bus?
Das sind 55.

Sind die dann voll besetzt?
Vergangenen Sonntag waren 30 Plätze belegt, davor alle 55. Halbvoll sollten wir ihn immer bekommen.

Haben Sie auch einen Altar?

Wir haben einen klappbaren Altar hinter der Frontscheibe eingebaut, der sich auch leicht wieder ausbauen lässt. Und ein Kreuz und eine LED-Kerze haben wir auch.

Eine echte Kerze dürfen Sie im Bus wahrscheinlich nicht anstecken, oder?
Ja, genau, so ist das.

Wenn das alle Einschränkungen sind … Haben Sie den Bus eigentlich immer zur Verfügung?
Nein. Wir bekommen ihn vom Reiseunternehmen am Sonntagmorgen hingestellt, und danach wird er wieder abgeholt. Dann räumen wir ihn vorher aus, und es ist wieder ein ganz normaler Reisebus.

Und was kostet das die Gemeinde?
Wir haben großes Glück und bekommen den Bus samt Fahrer von der Firma Favaros Touristik kostenlos zur Verfügung gestellt. Lediglich den Treibstoff müssen wir zahlen. Der Inhaber war von unserer Idee gleich begeistert und wollte uns sofort unterstützen.

TermineKerstin Berk ist Pfarrerin in Gründau im Main-Kinzig-Kreis. Seit 16 Jahren ist die 55-Jährige schon in den Gemeinden Hain- und Mittel-Gründau tätig.

Gottesdienst im Bus wird sonntags in der Regel alle zwei Wochen gefeiert. Die nächsten Termine sind der 3. und 17. November. Beginn ist um 9.15 Uhr. Weitere Termine stehen auf der Homepage der Gemeinde unter kirche-aufdemberg.de.

Der Bus steht dann im Ortskern von Mittel-Gründau, einem Ortsteil von Gründau, in der Bachgasse, Ecke Orles-Siemens-Straße. pgh

Man kann sicher bequem sitzen, wie Sie sagen. Knien müssen die Gottesdienstteilnehmer in der protestantischen Liturgie auch nicht, aber aufstehen doch schon. Geht das, ohne sich den Kopf am Gepäcknetz zu stoßen?
Man stößt sich den Kopf nicht, aber weil die Sitze etwas schräg stehen, kann man in der Tat schlecht stehen. Wir feiern die Gottesdienste deshalb im Sitzen, aber das tut der Feier des Gottesdienstes keinen Abbruch.

Musik kommt aus dem Lautsprecher, sagen Sie?
Ja, bisher schon. Aber wir überlegen, ob wir nicht wenigstens ein kleines Keyboard benutzen könnten. Den ersten Gottesdienst habe ich mit der Gitarre begleitet, ansonsten haben wir auch CDs, die man gut abspielen kann.

Haben Sie es eigentlich warm im Bus? Schließlich kommt jetzt der Winter.
Ja, heizen könnte man schon. Der Bus kommt auch immer schon ein bisschen vorgewärmt hier an. Das ist kein Problem, der Gottesdienst dauert ja auch nur 40 Minuten. Wir haben auch Decken, wie in der Eisdiele, wenn man draußen sitzen will.

Wie lange soll das so gehen?
Wir haben den Bus bis April alle 14 Tage zur Verfügung und hoffen, bis dahin eine dauerhafte Lösung gefunden zu haben. Für den Gottesdienst am Heiligen Abend mit Krippenspiel gehen wir in die Mehrzweckhalle, für den Silvestergottesdienst mit Abendmahl und aufs neue Jahr Anstoßen ins Sportlerheim.

Was ist mit Taufen oder Hochzeiten?
Dazu hatten wir noch keine Anfragen. Es gibt in den anderen Ortsteilen auch sehr attraktive Kirchen, die dafür schon immer mehr gefragt waren als unsere Kapelle.

Aber jetzt haben Sie doch den Joker – Heiraten im Reisebus, das wäre es doch!
Ich kann mir schon vorstellen, dass das eine Attraktion sein könnte.

Gehen Sie mit dem Gottesdienstbus auch auf Reisen?
Tatsächlich haben wir darüber schon nachgedacht. Im neuen Jahr wollen wir beim Gottesdienst unterwegs sein und gezielt einige Orte aufsuchen. Mitten im Fasching feiern wir einen gemeinsamen Gottesdienst, bei dem wir von Ort zu Ort fahren. Am 16. Februar geht es mit Kreppel und Umtrunk durch die Gemeinde. Wer mitreisen will, muss sich frühzeitig eine Fahrkarte sichern. Dafür kann man sich an die Pfarrämter wenden.

Wissen Sie, wie viele PS Ihr Bus hat?
(lacht)Das muss ich dann wohl noch herausfinden. Das Projekt heißt zwar „Voll abgefahren“, aber es ist nicht entscheidend, dass wir schnell von A nach B kommen.

Gottesdienst on Tour – Sie machen auf jeden Fall das Beste aus der Not.
Wir wollen genau das deutlich machen.

Interview: Peter Hanack

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