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Der "Bulle" - Symbol für steigende Aktienkurse - vor der Börse.

"Es geht auch ums Renommee des Konzerns"

Frankfurt. Die Umzugspläne der Deutschen Börse haben die Stadt kalt erwischt. Ausgerechnet die Börse, die weltweit als Symbol für die Finanzmetropole steht und zu den größten Steuerzahlern gehört, will wegen der niedrigeren Gewerbesteuer ins benachbarte Eschborn ziehen.

Oberbürgermeisterin Petra Roth spricht von "Steuerkannibalismus". In der nächsten Woche will sie beim inzwischen dritten Gespräch versuchen, die Börsen-Führung von dem Anfang des Jahres bekanntgemachten Vorhaben abzubringen. Die Pläne des DAX-Konzerns haben zugleich die Diskussion über die Regionalreform im politisch zersplitterten Rhein-Main-Gebiet angeheizt.

Dass nach jahrzehntelangen Debatten die Region dringend einen neuen Ordnungsrahmen braucht, darüber besteht über Parteigrenzen hinweg Einigkeit. Eine "Absurdität" nennt Roth die gegenwärtige Situation. Frankfurt bezahlt die Infrastruktur etwa in der Kultur für Oper und Theater, während reiche Umlandgemeinden Unternehmen wie die Börse anlocken. "Wir fressen uns gegenseitig auf, statt die äußere Konkurrenz wegzubeißen", stellte der Direktor des Planungsverbands Frankfurt/Rhein-Main, Stephan Wildhirt, kürzlich fest (die WZ berichtete).

Der aus 75 Kommunen mit 2,2 Millionen Einwohnern bestehende Planungsverband wurde vor sieben Jahren von der CDU-Landesregierung per Gesetz geschaffen, er ist mit seinen geringen Kompetenzen jedoch ein zahnloser Tiger geblieben. Seit Jahren lähmen sich die Kommunen und die Parteien in der Region gegenseitig. Die CDU fordert einen Stadtkreis, der die engere Region umfasst. Die SPD verlangt einen Regionalkreis, der die Landkreise und das Regierungspräsidium im gesamten Gebiet überflüssig machen soll.

Nutznießer des Stillstands sind Unternehmen wie die Börse, die sich zu gut 90 Prozent in ausländischer Hand befindet. "Die gehen wesentlich skrupelloser mit ihren kulturellen oder symbolischen Bindungen an Frankfurt um", urteilt der Frankfurter Politikwissenschaftler Josef Esser. "Wenn es aber eine politisch organisierte Rhein-Main-Region gäbe, dann könnten Finanzhaie nicht Eschborn gegen Frankfurt ausspielen." Wenn die Deutsche Börse im Sommer mit dem Umzug ihrer 2000 Beschäftigten von Frankfurt-Hausen ins fünf Kilometer entfernte Eschborn beginnt, droht Frankfurt ein Einnahmeverlust von geschätzten rund 100 Millionen Euro pro Jahr. "Dies ist ein deutlicher Einbruch und erschwert auch die Haushaltskonsolidierung", sagt die Sprecherin des Kämmerers, Anne Rückschloß. 2006 nahm die Stadt insgesamt 1,53 Milliarden Euro Gewerbesteuer ein.

Experten halten es für kaum denkbar, dass sich das Börsen- Management um den Schweizer Reto Francioni durch Roth von seinen Umzugsplänen abbringen lässt. Seit seinem Amtsantritt im November 2005 trimmt Francioni den Konzern nicht nur personell, sondern auch mit einem millionenschweren Sparprogramm für den härter werdenden internationalen Wettbewerb. Der aus dem Fernsehen bekannte traditionelle Handelssaal in der Frankfurter Innenstadt bleibt zwar erhalten, droht dann aber endgültig zur Staffage zu werden. Frankfurt ist bei der Gewerbesteuer einer der teuersten Standorte in Deutschland (Hebesatz 460 Prozent), Eschborn ist zumindest in Hessen unter den größeren Kommunen der günstigste (280 Prozent). "Die Differenz zwischen Frankfurt und Eschborn ist zu gro?, sagt der Vorsitzende des Bundes der Steuerzahler Hessen, Ulrich Fried. Zwar gebe es auch in anderen Ballungsräumen Deutschlands einen ähnlichen Steuerwettbewerb: "Aber das ist nirgendwo so extrem wie im Raum Frankfurt.

" Aus dem Umfeld der Börse heißt es: "Selbst wenn die Stadt der Börse ein Gebäude in der Innenstadt schenken würde – das eventuell 100 Millionen Euro Wert hat – wiegt das nicht die Steuerersparnis auf." Auch die Büromieten in Eschborn sind günstiger. "Außerdem ist es de facto egal, wo das Bürogebäude des Unternehmens steht", sagen Analysten. Die Stadt hofft, dass die Börse zumindest mit ihren "strategischen Teilen" in Frankfurt bleibt. Es gehe auch um das Renommee des Konzerns, sagt Roths Büroleiter Peter Heine. Er verweist darauf, dass auch die Deutsche Bank trotz zahlreicher anderer Niederlassungen sich zum Standort Frankfurt bekennt: "Das wünschen wir uns von der Deutschen Börse auch."

Die Börse handelt mit ihrem Umzug auch gegen den Trend: Einige Unternehmen kehren derzeit vom Umland nach Frankfurt zurück, weil sie ihren Beschäftigten in der Großstadt ein attraktiveres Arbeitsumfeld bieten wollen als in den Bürosilos der 20 000-Einwohner-Gemeinde Eschborn.

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