Fünf Jahrzehnte an exponierter Stelle

Frankfurt (lhe). Schon als Kind lief der Altstadtbub Heinz Lautenberger häufig an dem stattlichen Fachwerkhaus zwischen dem Eisernen Steg und dem Römerberg vorbei. Damals war das "Haus Wertheym", das der gleichnamige Kaufmann 1479 am Fahrtor errichten ließ, eines von Hunderten Fachwerkhäusern im größten gotischen Altstadtkern Deutschlands.

Frankfurt (lhe). Schon als Kind lief der Altstadtbub Heinz Lautenberger häufig an dem stattlichen Fachwerkhaus zwischen dem Eisernen Steg und dem Römerberg vorbei. Damals war das "Haus Wertheym", das der gleichnamige Kaufmann 1479 am Fahrtor errichten ließ, eines von Hunderten Fachwerkhäusern im größten gotischen Altstadtkern Deutschlands. Nach den Bombardierungen vom März 1944 verschwand vieles vom alten Frankfurt. Das "Haus Wertheym" aber überstand alle Angriffe mit nur leichten Blessuren - die Feuerwehr brauchte sich beim Löschen nur des nahen Mains zu bedienen.

Lautenberger, 1945 aus dem Krieg heimgekehrt, lernte die Nichte der damaligen Besitzer kennen und lieben. Heute blickt der 85-Jährige auf mehr als fünf Jahrzehnte Wohnen und Arbeiten in einem der bekanntesten und am meisten fotografierten Häuser der Stadt zurück. Im Laufe der Jahre zog es den langjährigen Betreiber des Restaurants im Haus immer weiter in die Höhe des dreigeschossigen Gebäudes. Heute residiert Lautenberger in einer geräumigen Wohnung unter dem Dach, die der gelernte Tischler mit viel Liebe zum Detail in den achtziger Jahren selbst ausgebaut hat.

Vom Schlafzimmerfenster aus bietet sich ein herrlicher Blick auf den Rententurm, den Main und die gegenüber liegende Dreikönigskirche. Das Fenster der Wohnküche eröffnet den Blick auf den nahen Römerberg. Schon hat gerade wieder ein Straßenmusikant zu einer wehmütigen Melodie auf seiner Klarinette angehoben, die auch im dritten Stockwerk deutlich vernehmbar ist.

"Das Leben und Wohnen an solch einer Stelle hat natürlich auch Nachteile", seufzt Lautenberger und zeigt auf die Musikanten, die teilweise im 30-Minuten-Takt vor seinem Haus aufziehen, um mehr oder weniger gekonnt ihre Darbietungen zu präsentieren: "Es ist halt manchmal sehr laut hier." Die Fenster haben nach Rücksprache mit der Denkmalpflege ihre ursprüngliche einfache Bleiverglasung behalten, was den Geräuschpegel im Innern nicht dämpft.

Und auch in der Nacht gibt es geheimnisvolle Geräusche in den alten Mauern. Weil Holz auch nach Jahrhunderten noch arbeitet, knarren die Balken gehörig. Einer dieser Balken erlitt beim Bombenangriff offenbar einen Knacks, der erst 65 Jahre später anlässlich eines Wasserschadens sichtbar wurde. Der Balken musste ausgetauscht werden. Lautenberger kann in solchen Fällen nicht einfach einen x-beliebigen Zimmermann anheuern.

Der Denkmalschutz gebietet, den Auftrag an einen ausgewiesenen Fachmann zu vergeben. "Schnell waren wir bei 58 000 Euro Kosten", erzählt Lautenberger. Die Denkmalpflege freilich hält sich in solchen Fällen zurück: "Wir sind seit Jahren das Stiefkind auf dem Römerberg."

Wenn die Rede auf die Stadt kommt, gerät der freundliche alte Herr fast ein wenig in Rage. Gemessen an der touristischen Attraktion seines Hauses beteilige sich die Kommune viel zu wenig an der Erhaltung des Gebäudes. "Da wird lieber in die Disney-Welt nachträglich rekonstruierter Häuser investiert." Die Stadt vertritt dabei die Auffassung, wonach privater Besitz auch aus privaten Mitteln unterhalten werden müsse.

Um doch einmal in den Genuss städtischer Zuschüsse zu gelangen, bedurfte es 1963 schon des US-Präsidenten John F. Kennedy. Als der bei seinem Staatsbesuch in Deutschland im offenen Wagen direkt am "Haus Wertheym" vorbei kutschiert wurde, gab es in der Fernsehübertragung harsche Kritik am Zustand des Hauses. Die bloßgestellten Stadtväter ließen sich nicht lumpen und schickten alsbald die Handwerker mit Pinsel und Farbe vorbei. Matthias Gerhart, dpa

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