Von der »Ein-Mann-Armee« zu Netzwerkern

Frankfurt. Vor sieben Jahren stand das Sigmund-Freud-Institut, von dem aus einst Alexander Mitscherlich die Nachkriegsnation analysierte, vor der Schließung. Jetzt feiert die Forschungsstätte für Psychoanalyse mit neuem Selbstbewusstsein ihr 50-jähriges Bestehen.

An Schwimmbadkacheln erinnert die blaue Fassade des Kastenbaus im großbürgerlichen Westend. Auch drinnen im Sigmund-Freud-Institut (SFI) scheinen die 60er-Jahre auf charmante Weise stehengeblieben: mit den Linoleum-Böden und den unter anderem orangefarben gestrichenen Flurwänden. Als würde Instituts-Gründer Alexander Mitscherlich (1908-82) jeden Moment energischen Schrittes um die Ecke gebogen kommen - in seinem typischen weißen Kittel.

In diesen Tagen feiert die renommierte Forschungsstätte für Psychoanalyse ihr 50-jähriges Bestehen. Am heutigen Samstag steht der Festakt an. Der erste Direktor, unter dem das Institut seine Glanzzeit erlebte, ist immer noch gefühlt präsent. Der Analytiker der Nachkriegsnation und Medienstar »Man sprach von der One-Man-Army Mitscherlich«, sagt die heutige Co-Direktorin Marianne Leuzinger-Bohleber. Für den Mitscherlich- Biograf und Institutsmitarbeiter Timo Hoyer war er »jemand, der Macht nicht teilen wollte, kein Teamplayer, aber ein begnadeter Netzwerker«. Bei der Institutsgründung 1960 bekam Mitscherlich Unterstützung vom damaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg- August Zinn, von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Er holte so die von den Nazis geächtete Psychoanalyse nach 1945 zurück nach Deutschland.

Nach Freud, dem Urvater der Psychoanalyse, ist das Institut seit 1964 benannt. Freuds Tochter Anna sprach damals vom »neuen Zuhause für die neue Ära der Psychoanalyse in Deutschland«. »Mitscherlich verkörperte das gute Gewissen Deutschlands, jemand, der im Nationalsozialismus nicht gestrauchelt war«, sagt der Experte Hoyer. Und: »Er konnte auf der Klaviatur der Medien spielen.« Einige von Mitscherlichs Büchern wurden zu Bestsellern, wie das mit seiner Frau Margarete verfasste Werk »Die Unfähigkeit zu trauern« (1967). Es beleuchtet, wie die Deutschen die NS-Zeit nach dem Krieg verdrängten statt sie aufzuarbeiten. Mitscherlichs Ära endete 1976. Keiner der nachfolgenden Direktoren erlangte je solche Strahlkraft, auch nicht der »große alte Mann der Friedensbewegung« Horst-Eberhard Richter (1992-2002). Die bis dato polarisierende Psychoanalyse hatte sich spätestens in den 80er-Jahren etabliert. »Sie verlor an Sex-Appeal und wurde eine Wissenschaft von vielen«, meint Hoyer.

1995 wurde das Institut von einer Landesbehörde in eine Stiftung umgewandelt. Seitdem ist es auch nur noch Forschungs- und nicht mehr Ausbildungsstätte. 2003 drohte das Aus, als Ministerpräsident Roland Koch dem Haus 40 Prozent der Landesmittel kürzte. Bis zur Vermietung der hauseigenen Parkplätze wurde damals jede Sparmöglichkeit genutzt. Nur Solidaritätsbekundungen von rund 720 Wissenschaftlern aus aller Welt konnten die Schließung verhindern. Heute sind 1,3 Millionen der rund zwei Millionen Euro Jahresetat Drittmittel - zu den Finanzgebern gehören die EU und die Hertie-Stiftung. Projektbezogen zählt das SFI wieder bis zu 35 Mitarbeiter. »Wir haben heute eine etwas leisere Stimme als früher«, sagt Leuzinger-Bohleber. Die Schweizerin, die das Haus seit 2002 gemeinsam mit Rolf Haubl leitet, war zuletzt gefragte Interview-Partnerin zu Themen wie Missbrauch und Depression. Das Institut arbeitet an einer großen Studie zu Depressionen, es bietet dazu in seiner Ambulanz auch selbst Therapien an. Weitere Projekte beschäftigen sich etwa mit hyperaktiven Kindern oder der sozio-emotionalen Entwicklung von Hochbegabten. In der internationalen psychoanalytischen Forschung spielt das Sigmund-Freud-Institut heute wieder in der ersten Liga - so richtete es im Februar auch die bedeutende Sandler Conference zum Thema Traumatisierungen aus.

Zum Festakt heute haben sich auch Ex-Direktor Richter und Margarete Mitscherlich angekündigt. Die »Grande Dame der Psychoanalyse« wohnt nur einen Steinwurf entfernt in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung. Ab Herbst soll dann das Institut modernisiert und erweitert werden. Leuzinger-Bohleber hält fest: »Man darf sich nicht durch die großen Väter einschüchtern lassen, aber auch nicht ihre Größe schmälern.« Inga Radel, dpa

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