Angeklagter Autofahrer leugnet tödlichen Unfall

Frankfurt. Hans Gustav G. wirkt gelassen, fast gelangweilt. Der 58-Jährige sitzt in einem zerknitterten Jeanshemd auf der Anklagebank des Amtsgerichts und sieht sich einem Richter, zwei Schöffen, einem Staatsanwalt und gleich vier Nebenklägern gegenüber.

Frankfurt. Hans Gustav G. wirkt gelassen, fast gelangweilt. Der 58-Jährige sitzt in einem zerknitterten Jeanshemd auf der Anklagebank des Amtsgerichts und sieht sich einem Richter, zwei Schöffen, einem Staatsanwalt und gleich vier Nebenklägern gegenüber. "Hier müsste eigentlich jemand anderes sitzen", brummelt der Angeklagte, der sich wegen fahrlässiger Tötung und Unfallflucht verantworten muss. Dann beginnt ein stundenlanges Frage-und-Antwort-Spiel.

Im Oktober vergangenen Jahres überquerten Hanim D. und ihre Schwiegertochter Semiha in Heddernheim einen Fußgängerüberweg in einer Tempo-30-Zone. Sie waren nach ihrem Einkauf in einem Discounter gegen 19.30 Uhr unterwegs zur U-Bahn-Station, als ein dunkler Pkw mit stark überhöhter Geschwindigkeit heranbrauste und beide erfasste. Die 70-Jährige wurde zwölf Meter durch die Luft geschleudert und starb noch an der Unfallstelle. Das Unfallauto raste davon. Die 44-jährige Schwiegertochter wurde wenig später von einem Motorradfahrer schwer verletzt im Straßengraben gefunden (die WZ berichtete).

Nach einer aufwendigen Fahndung wurde einen Tag später der Halter des stark beschädigten Fahrzeugs im etwa 25 Kilometer entfernten Erlensee ausfindig gemacht und vorläufig festgenommen: Hans Gustav G. Gut ein Jahr später muss sich der 58-Jährige für den tödlichen Unfall vor Gericht verantworten.

Sechs Wochen vor dem tragischen Unfall hatte G. seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verloren: zehn Monate Fahrverbot wegen 1,3 Promille. Zum Prozessauftakt muss er daher zunächst mal erklären, wie er seinerzeit tagtäglich ohne Auto aus dem schlecht angebundenen Erlensee in seinen Zeitschriftenladen nach Heddernheim gelangte. Mal habe er in Frankfurt übernachtet, mal habe ihn sein Bekannter "Peter" gefahren, den er als Kunden seines Ladens schon seit "vier, fünf Jahren" kenne.

Am Tattag habe sich "Peter" das spätere Unfallauto ausgeliehen, um damit etwas zu transportieren. Später sollen sich beide im Nordwestzentrum getroffen haben. Dort habe ihm sein Bekannter, dessen Nachnamen oder Anschrift G. nicht kennen will, berichtet, der Wagen sei durch einen Wildunfall und einen herabstürzenden Ast beschädigt worden.

In der mehrstündigen Vernehmung am Mittwoch offenbaren sich zahlreiche Widersprüche zu den vorherigen Angaben von G. bei der Polizei. So hatte der Kaufmann bei seiner Festnahme einen Tag nach dem Unfall zunächst ausgesagt, den Bekannten unmittelbar nach dem Vorfall in der Tiefgarage des Nordwestzentrums getroffen zu haben. Vor Gericht gibt der Angeklagte nun an, ihn außerhalb der videoüberwachten Tiefgarage getroffen zu haben. Auch bezüglich des zeitlichen Ablaufs und der Angaben zum Bekannten tauchen Ungereimtheiten auf.

Doch G. beantwortet die vielen Fragen von Richter, Staatsanwaltschaft und vier Nebenklagevertretern geduldig und beginnt seine Sätze oft mit der Floskel "Wenn ich ganz ehrlich sein soll". An der Ehrlichkeit des Mannes haben die übrigen Prozessbeteiligten aber so ihre Zweifel. Der ominöse "Peter" soll laut G. Kurierfahrer, Mitte 50 und etwa 1,80 Meter groß sein und seit Jahren ein bis zweimal die Woche in seinen Laden gekommen sein. Aber selbst der Teilhaber von G. konnte sich in polizeilichen Vernehmungen nicht an ihn erinnern. Und den Unfall seines angeblichen Bekannten "Peter" hatte der Angeklagte bis zu seiner Festnahme am Tag darauf noch nicht bei der Versicherung gemeldet.

Die Angehörigen der Opfer schütteln bei diesen Schilderungen im Gerichtssaal stumm die Köpfe.

Mehr als ein Dutzend Zeugen will das Amtsgericht noch zum Unfallhergang und den Angaben des Angeklagten befragen. Der Prozess wird am 9. Dezember fortgesetzt. Oliver Teutsch, ddp

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