09. Juni 2008, 11:56 Uhr

»Ein Landschaftsgarten ist wie ein begehbares Gemälde«

Karben (bod). Am Freitag fand im Kolleg des Gasthauses »Gehspitze« auf Einladung des Karbener Geschichtsvereins der Vortrag »Gartenbaukunst und Gartenarchitektur im Wandel der Jahrhunderte« statt. Referent war Dr. Ing. Bernd Modrow, der ab 1981 Gartendirektor und stellvertretender Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen war und 1989 als Lehrbeauftragter an das Kunstgeschichtliche Institut der Goethe Universität Frankfurt berufen worden war. Bis 2007 war Modrow Gartenbaudirektor und Chef der städtischen Gärten mit Sitz in Bad Homburg, wohin am Tag nach dem Vortrag eine Wanderung des Geschichtsvereins ging. Modrow ist unter anderem Autor der Bildbände »Fürstliches Vergnügen, 400 Jahre Gartenkultur in Hessen« und »Gartenkunst in Hessen«, die sich mit historischen Gärten und Parkanlagen in der Umgebung befassen.
09. Juni 2008, 11:56 Uhr
Dr. Bernd Modrow spricht über »Gartenbaukunst und Gartenarchitektur im Wandel der Jahrhunderte«. (Fotos: Bork)

In seinem Vortrag begann der Referent mit einer ausführlichen Beschreibung der manieristischen Gärten der italienischen Renaissance, die den Ursprung der modernen Gartenkunst bilden. Die etwa 30 Interessierten konnten eine Zeitreise durch die Entwicklung der Gärten miterleben, die durch zahlreiche Bilder von historischen Kupferstichen und aktuelle Fotografien veranschaulicht wurde. Intensiv ging Modrow auf die vorgeplanten Barockgärten ein, in denen sogar Art und Abstand der Bäume auf detaillierten Plänen eingezeichnet wurden. Alle hessischen Fürsten orientierten sich hier an Ludwig XIV., der mit seinen gigantischen Gartenbauten die Zeit maßgeblich prägte. Als Beispiel gab der Referent die Kaskaden der Kasseler Wilhelmshöhe an, wo Wasser vom höchsten Punkt bis an das Schloss fließen sollte. Realisiert wurde nur die erste Terrasse, die aber bis heute einzigartig ist und als Weltkulturerbe angemeldet wurde.

»Im Barockgarten muss die Hand des Gärtners jederzeit zu sehen sein«, so Modrow, der mit Bildern von akkurat geschnittenen Büschen und exakten Beeten die These untermalte. Die Gartenkunst des Barock wurde bereits 1739 durch Antoine Joseph Dézaillier d'Argenvilles niedergeschrieben, die heute noch als Maßstab gilt. Ein Beispiel hierfür sei der Schlossgarten in Seligenstadt, so Modrow, welcher bereits auf einen Pflanzplan von 1685 zurückgehe, der vor allem die Bepflanzung des Herbariums, des Apothekergartens, regelte. Eine weitere Besonderheit in Seligenstadt ist das Schwanenhals-Gewächshaus, das in dieser Form und in diesem Zustand einzigartig sei. Dokumentiert wurden Menschen und Gärten im 18. Jahrhundert vor allem durch den Maler Schnittspahn, von dessen Bildern die Karbener Geschichtsinteressierten einige Fotos bewundern durften. Er bildete unter anderem den Prinz-Georg-Garten im nahen Darmstadt ab, wo vor dem Schloss auch Salat angebaut wurde. Die Anlage wurde im Zweiten Weltkrieg weitestgehend zerstört, konnte nun aber auch auf Grundlage der Schnittspahnschen Gemälde und Zeichnungen rekonstruiert werden.

Nach den Beschreibungen zahlreicher Barockgärten leitete Modrow über zu den Gärten des Rokoko die mit ihrem Labyrinthcharakter und verwirrenden Heckenpflanzungen andere Sinne der Besucher ansprechen sollten. Der Referent verwies insbesondere auf den Rokokogarten in Kassel Wilhelmshöhe, wo sogar ein chinesisches Dorf mit Pagoden und chinesischen Bewohnern im 18. Jahrhundert erbaut worden war. Später setzte sich das ländliche Leben als Idealvorstellung durch, was unter anderem zu den frühen Landschaftsgärten wie dem des Schlosses Wilhelmsbad in Hanau führte.

Die Natur als Symbol der Freiheit wurde vor allem mit dem Zeitalter der Aufklärung und Rousseau verknüpft, der in Landschaftsgärten stets mit einer Rousseau-Insel und einer dort befindlichen Urne gewürdigt wird. In Wilhelmsbad zog sich der Herzog vor allem in die Burgruine zurück, die von außen bewusst an das Mittelalter angelehnt ist, von innen aber sehr prunkvoll gestaltet worden war. Typisch seien in Wilhelmsbad die s-förmigen Wege und auch die Bogenbrücken des anglo-chinesischen Einflusses. Durch sprudelndes Wasser und dunkle Tunnel würden hier alle Sinne angesprochen. »Ein Landschaftsgarten ist wie ein begehbares Gemälde«, schwärmte der Gartenexperte, der zu einer Ausstellung in einem Landschaftsgarten leere Bilderrahmen aufstellen ließ, um dem Besucher das Gefühl eines Gemäldes zu vermitteln. Der Gärtner sei hier ein »Zeichner in der Natur«.

Um 1900 habe wieder eine Zeit des Historismus Einzug gehalten, was besonders an den Bad Homburger Gartenanlagen zu sehen sei. Das Teppichbeet mit seinen farbigen Bepflanzungen ist hier ein typisches Element. Bei der Restaurierung von Gärten gelte es, den »letzten bedeutungsvollen Zustand zu erhalten«, das denkmalpflegerische Ziel in Bad Homburg sei die Kaiserzeit. Der »Weiße Turm«, Wahrzeichen Bad Homburgs und der Gärten, geht auf eine Planung aus dem 19. Jahrhundert zurück; vor dem Schloss ließ die Frau des Fürsten 1820 eine Zeder pflanzen, die dort heute noch zu bestaunen ist. Für den Kurpark in Bad Homburg war vor allem Potsdam zuständig, von wo aus das Konzept entworfen worden war. Durch Bürgerinitiativen konnte in den vergangenen Jahren auch der »Tannenwald« nach alten Kupferstichen wiederhergestellt werden. Modrow bezeichnete die Gartenlandschaft in Bad Homburg als »Sanssouci en miniature« und verglich den Garten mit dem des Schlosses Sanssouci des Preußenkönigs Friedrich II. Modrow schloss seinen Vortrag mit dem Satz: »Es ist wichtig, dass man etwas weiß über das Besondere«, woraufhin der 2. Vereinsvorsitzende Gerd Klein, der die Veranstaltung moderierte, die Diskussion eröffnete.

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