28. Juni 2018, 20:12 Uhr

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28. Juni 2018, 20:12 Uhr

Ein Blick auf Jahrzehnte, die aus heutiger Sicht so ganz anders erscheinen als die Zeit, in der wir leben. Ein Blick, der uns aber an der ein oder anderen Stelle verblüfft die Augenbrauen heben lässt: Mensch, das kommt mir doch sehr bekannt vor – uns einen Moment bei dem Gedanken verweilen lässt: Hat sich wirklich so viel verändert? Die Wetterauer Zeitung blättert in ihrem Archiv und dreht jeden Freitag die Zeit zurück, pickt abwechselnd auf, was die Menschen vor 50 und 60 Jahren so bewegte.

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Das war mal eine Aussage: »Es gibt keine hässlichen Frauen«, trompetete die WZ-Serviceredaktion im Juni 1968 in die Wetterau hinaus. Bestimmte Vorzüge würden nur bei genauerem Hinsehen sichtbar: »Natürlichkeit. Takt, Herzenswärme, Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit. Solche Charakterzüge bestimmen oft auch später, wenn die Jugendschönheit verblasst ist, mehr noch als angeborene Schönheit das Aussehen einer Frau, machen sie anziehend und können ihr Gesicht formen oder sogar verschönern.« Allerdings – so einfach kamen die Frauen dann doch nicht davon. »Wer klug ist, wird einen Mangel an äußeren Vorzügen nicht als Schicksal passiv hinnehmen, sondern sich um die Pflege seines äußeren und inneren Menschen kümmern, um die kleinen Webfehler der Natur auf reizvolle Weise auszugleichen.« Webfehler der Natur, so so.

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Ein Ausgleich konnte doch mit Mode erzielt werden, oder? »Schön – gut – billig!!!« warb ein Unternehmen, das mit seiner Strickwaren-Verkaufsausstellung im Ratskeller in der Kaiserstraße in Friedberg gastierte, nur für einen Tag. »Etwa 1000 Stück Damen-Pullover und -Westen« wurden auf den Markt geworfen. In reiner Wolle, Helanca, Diolen loft, Trevira, Bouclé und Exlan. Was ziemlich wissenschaftlich klang, wie ein Ausdruck von Modernität, von Stoffen aus der Natur. Oder handelte es sich dabei auch um einen Webfehler? Immerhin: »Zwanglose Besichtigung – Selbstbedienung!«

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Wem das zu bieder war, der besuchte die internationale Modenschau von H. Ackermann im Kurhaus Bad Nauheim – wie überhaupt die Vielzahl von derartigen Darbietungen in jener Zeit auffällt. »Während ein heißer Sommertag sich anschickte über den Bäumen des Kurparks zur Ruhe zu gehen, huschten in immer wieder wechselnden Strandanzügen fünf Mannequins die geschwungene Treppe im Kurhaus-Café herunter. Strandanzüge-, mäntel und Bikinis stellten sie dem modebeflissenen Publikum vor und zauberten in bunter Palette die noch bevorstehenden Freuden am Meer vor Augen.« Wenn die gezeigte Mode auch nur ansatzweise so elegant war wie die Sprache des WZ-Berichterstatters, muss sie ein Augenschmaus gewesen sein. »Bei den nach dem Zauber am Meer vorgeführten Vor- und Nachmittagskleidern zeigte sich deutlich, dass der Minirock sein Comeback feiert. Nur noch den Teenagern und ganz jungen, schlanken Frauen bleibt der Minirock erhalten.« Sei’s drum, spätestens seit dieser Ausgabe war ja bekannt, dass es keine hässlichen Frauen gibt.

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Tiefsinnige Gedanken bei der Abiturfeier in der St.-Lioba-Schule, die der »sauber und frisch klingende« Schulchor musikalisch begleitete. In der »sehr herzlichen Ansprache« der Schwester Direktorin »entstand das Bild unserer Zeit, in den tief greifenden Wandlungen auch die jungen Menschen gestellt sind.« Die Direktorin habe beide Wege aufgezeigt, die entweder ans »Ende der Menschheit« oder an den »Anfang der Menschwerdung« führten. Anders ausgedrückt: »Es gelte zu entscheiden zwischen der Macht zu zerstören und der Macht der Selbstbestimmung.« Der Vertreter der Eltern rief den Abiturientinnen zu: »Nun heißt es nicht mehr zu sitzen, sondern stehen!« Bei der Abschlussfeier der Schillerschule in Friedberg legte Oberstudiendirektor Dr. Noisser sein Augenmerk auf »die beglückenden Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Forschung, des Durchdringens von Zeit und Raum, aber auch die beängstigende Macht, durch die Technik den Mensch zu beherrschen.« Ihm selbst falle es schwer, die jungen Menschen »in die Unruhe der Zeit zu entlassen.«

In Bewegung gekommen war das Kulturleben in Friedberg, ja, es war sogar »aus seiner Starre gelöst«. Dennoch, so der Artikel, sei daran erinnert, »dass weder der Wetterau-Museum, noch das Archiv, die Stadtbibliothek und die Volksbücherei in Räumen untergebracht sind, die den Anforderungen entsprechen. Die Tätigkeit dieser Institute wird daher auf das Stärkste behindert. Schon während der 20er Jahre wurde geklagt über den Mangel am unerlässlich Notwendigen. Aber nichts ist geschehen – und darf man erwarten, dass bald etwas geschehen wird?« Bemängelt wurde die Summe, welche im Etat für Kultur zur Verfügung gestellt wurde. Bei einem Gesamtetat von 11,8 Millionen Mark gerade mal 106 000 Mark.

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Lobend erwähnt wurde die Initiative von »kleinen Zirkeln«. »Gegenwärtig ist eine eifrig tätige Schar von jungen Leuten, die sich zusammengefunden haben im Club Lascaux. Er wendet sich an geistig aufgeschlossene Menschen unserer Stadt, auch Erwachsene sind willkommen.« Man befasse sich mit politischen, literarischen und künstlerischen Fragen, mit Werken der Literatur, der Malerei, der Bildhauerei und Musik, mit Klassik und Moderne.

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Aber auch Heldenbergen hatte kulturell etwas zu bieten, pop-kulturell sozusagen. Beim ersten Heldenbergener Volksfest (Foto links) nämlich trat im Rahmen einer »Südwest-Starparade« vor 1000 Zuschauern, die ihn »mit stürmischem Beifall bedachten«, Chris Howland auf – bekannt aus der Fernsehsendung »Musik aus Studio B« und als Präsentator der ersten »Versteckte Kamera«-Sendung Deutschlands. Sich selbst hatte der englische Discjockey den Namen »Heinrich Pumpernickel« gegeben. Tatsächlich wurde Howland aber noch von einem anderen »ausgestochen«: Von einem gewissen Rainer Böhm vom Rias Berlin mit seinen »virtuosen Darbietungen« an der Hammondorgel, drei Trompeten und am Xylofon.

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Kultur im Kino, auch den einheimischem, wie gehabt. »Vergiss nicht deine Frau zu küssen« (mit Vivi Bach und Walter Giller), »Der Dämon mit den blutigen Händen« und natürlich der neue Bond: »Liebesgrüße aus Moskau.« Andreas Matlé

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