09. August 2018, 19:30 Uhr

Wo der Wind Geschichten erzählt

Es sind nicht viele Dinge übrig, die an das kleine Dörfchen Pferdsbach im Büdinger Wald erinnern: Da ist ein Gedenkstein, leicht versteckt am Wegesrand, der den Standort der letzten Scheune zeigt. Noch versteckter ist der ehemalige Friedhof am Hang über dem Wiesengrund, der als solcher wohl kaum auszumachen wäre, stünde nicht auch dort eine kleine Hinweistafel.
09. August 2018, 19:30 Uhr
Jürgen Schenk an seinem Lieblingsplatz im Büdinger Wald. (Foto: pv)

Ein paar verwitterte Grabsteine lugen halb aus der Erde hervor, wenn sie nicht von Laub oder hohem Gras verdeckt werden. In Büdingen gibt es den Pferdsbacher Weg. Ja, und natürlich kennt auch Wikipedia die Wüstung. »Pferdsbach lag in einer Talsenke drei Kilometer nördlich von Büdingen, beiderseits der Landstraße unterhalb des Christinenhofes«, erfährt man online.

Einsam und still ist die Gegend. Wie vom Erdboden verschluckt sind Häuser und Wege. Nichts erinnert heute noch daran, dass hier über Jahrhunderte Menschen von ihrer Hände Arbeit lebten, Familien gegründet wurden und Schicksale ihren Lauf nahmen. Nur ab und an machen röhrende Automotoren darauf aufmerksam, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist. In den Wiesen und am Waldrand spielt der Wind in Gras und Blättern. Durchs Unterholz plätschert der Kälberbach, dessen Quelle nicht weit entfernt zu finden ist. In Büdingen mündet er in den Seemenbach.

Besonderer Menschenschlag

Die Landschaft hat etwas Verwunschenes, die Geschichte des untergegangenen Dorfes etwas Geheimnisvolles an sich – exakt die Dinge, die ich liebe. Es gibt wahrlich schlechtere Orte, um einen Sonntagnachmittag zu verbringen. Dass es vor über zehn Jahren nicht bei einem Sonntagnachmittag für mich blieb, lag allerdings nicht allein an der reizenden Natur des Büdinger Waldes: In Pferdsbach, dem vergessenen Ort, lebte auch ein Teil meiner Vorfahren. Am Anfang allen Forschens, lange bevor ich die Intensität dieser Leidenschaft abschätzen konnte, fand ich den Namen Diedolf (andere Schreibweise: Diedolph) unter meinen väterlichen Ahnen.

Pferdsbach war bei der Kirchengemeinde Wolf eingepfarrt. In den evangelischen Kirchenbüchern, oder vielmehr in den Verfilmungen dieser Bücher, fand ich bald Antworten. Demnach geht der Zweig wohl auf Hanß Jörg Diedolph zurück, der im Alter von 71 Jahren, am 14. Februar 1717, in Pferdsbach begraben wurde. Vermutlich war er einer der ersten Kolonisten, die das wüst gewordene Dorf nach dem Dreißigjährigen Krieg neu besiedelten.

Der Büdinger Heimatforscher Peter Nieß schreibt dazu: »Niemand wollte sich bereitfinden, in die, vom Walde nahezu überwucherte Gemarkung, einzuziehen. Noch im Jahre 1662 lagen Dorf und Fluren unberührt. Nur der Buchenwald rauschte am Berghang und das Wild gab sich ein Stelldichein an der Quelle, die im Schatten alter Eichen sprudelte.« (Heimat-Blätter Nr. 11, Büdingen 1954). Zusammen mit einer Handvoll anderer Familien ließen sich die Diedolfs schließlich doch auf das Abenteuer ein. Aber das Leben war hart und karg. Das erforderte einen besonderen Menschenschlag. Streitsüchtig sollen die Pferdsbacher gewesen sein, keiner habe »mit ihnen gut Kirschen essen können«. Vermutlich war das ihren Lebensumständen geschuldet. 1846 hatten sie genug von ihrem ärmlichen Dasein. Die Ernteerträge waren gering, Steuerabgaben und Wildfraß hoch. Dazu kamen regelrechte Missernten durch die ungünstigen Wetterverhältnisse. Wiederum verließen die Pferdsbacher ihr Heimatdorf, diesmal aber aus freien Stücken. 1847 wanderten die Familien nach Nordamerika aus, wo sie sich in der Gegend um Pittsburgh niederließen. Nur einige Unentwegte, darunter der Revierförster Heinrich Jeck mit seiner Familie, blieben in Pferdsbach. Er war auch der letzte Verstorbene, der auf dem ehemaligen Friedhof beerdigt wurde. Das war am 28. September 1902 und geschah auf eigenen Wunsch. (Geo-Koordinate des Friedhofs: 50° 19‹ N, 9° 7‹ O).

Während meiner Recherchen habe ich viele interessante Orte gesehen. Die Wüstung Pferdsbach aber hat ihren ganz eigenen Reiz. Manchmal hat es den Anschein, als ob der Wind mir Geschichten von damals erzählen möchte. Oben, auf der Anhöhe, lausche ich gerne seinem Flüstern.

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