19. Juni 2018, 18:28 Uhr

Wo Grenzen verschwimmen

19. Juni 2018, 18:28 Uhr
Jochen, der rätselhafte Elefant, entpuppt sich als Magnet für Kinder. (Foto: im)

Das international besetzte Kultur- und Straßentheaterfest »Altstadt pur« ist wie ein entspannter Sonntag im Süden: Die Sonne scheint, man bummelt durch malerische steile Gassen, nimmt einen Espresso und ein zweites Frühstück ein, plaudert und freut sich des Lebens.

Die Kinder laufen dem rätselhaften Elefanten Jochen auf seinem Dreirad hinterher und versuchen, mit der Puppenfigur ein Gespräch anzufangen, während die Älteren nach den ersten Bühnen samt Sitzgelegenheiten Ausschau halten. »PasParTout«, das Trio aus Gockel, Henne und überdimensionalem Küken stolziert übers Kopfsteinpflaster, blickt in Fenster und Gärten, löst mit aufgeplustertem Gehabe samt Gegacker aus den skurrilen Blasinstrumenten bei einigen Hunden fast den Jagdtrieb aus und animiert etliche Zuschauer zum Mitgehen.

Auf dem Marktplatz agiert die Kanadierin Andréanne Thiboutot mit ihrer Hula-Hoop-Show, lässt die Reifen kreisen und bezieht – wie alle Künstler dieses 2003 von Hans Schwab begründeten Festes – ihr Publikum mit ein: Da dürfen Kinder den Spiegel, Damen die Reifen und Herren das Jacket halten, die Schranken zwischen Darstellerin und Betrachtern fallen, die Welt wird zur Bühne und zur Komödie. Bestens passt dazu die Performance des Schwarzclowns Matthias Romir, der mit Luftballons ein schwereloses Spiel entfaltet, dessen Bodenlosigkeit vielleicht nur die Erwachsenen erreicht.

Jan Soencksen zeigt gleich am Eingang zur Altstadt mit seiner Figur »Pikey the Clown« ebenfalls etwas von der Verletzlichkeit des Theater- und Wanderlebens, das sich erst unter der Oberfläche seines heiteren Spiels erschließt: Im Spitzen-Tutu, eine zerbeulte Tuba vor dem Mund, gibt er zu Grammophonmusik den sterbenden Schwan – eine Hommage an alle Clowns, Gaukler, Seilartisten.

Animateur macht Pressefotos

This Maag aus der Schweiz wird seinem Ruf als Publikumsanimateur vollends gerecht, weist der Presse einen VIP-Platz an, entreißt ihr zu Freude der Umstehenden die Kamera und gibt sie mit einer Fülle von Fotos, die eine ganz eigene Geschichte erzählen, nach etlichen Parodien wieder zurück.

Ruhe und ein Hauch Magie finden sich am Alten Stadtbrunnen. Hier hat das Ensemble Kroft mit zauberhaften Installationen in blauem Metall, Gläsern in allen Formen und Farben sowie einladenden Liegestühlen eine Oase der Ruhe geschaffen und bietet »das kostbarste Nass, das unsere Erde zu bieten hat«, wie es auf einem Hinweisschild heißt: Wasser in geschliffenen Karaffen, von den Protagonisten im Butlerlook kredenzt.

Bereits am Vorabend des »Altstadt pur«-Sonntags hat das Darmstädter Weltmusikensemble Besidos mit seinen »Raki’n’ Roll«-Klängen den Alten Markt in einen Areopag irgendwo auf dem Balkan verwandelt und zum Tanzen animiert, haben die beiden ernsthaften Herren von »El Retrete de Dorian Gray« mit ihrem Figurentheater die Zuschauer berührt. Auch am Sonntag sind die Letztgenannten in der Untergasse zu sehen und lachen Groß und Klein, wenn es eigentlich gerade zum Weinen ist, über den Ballonsänger, den es bei Jacques Brels Chanson »Ne me quitte pas« (Verlass mich nicht) in der Mitte zerreißt.

Das Kulturfest, zum dritten Mal unter der Regie von Rainer Bauer, verwischt enggesteckte Grenzen mit zauberhafter Leichtigkeit und lässt durchatmen – wie an einem entspannten Sonntag im Süden.

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