01. September 2018, 12:00 Uhr

»Hanauer Hof« schließt

Wirtsehepaar nimmt Abschied im dritten Anlauf

Hackbraten, Schweinekotelett und Schnitzel – der »Hanauer Hof« stand für gutbürgerliche Küche, Skatabende und Stammtischtreffen. Jetzt gehen Bernd und Birgit Heinrich in den Ruhestand.
01. September 2018, 12:00 Uhr
Die Theke ist geputzt und gewienert: Bernd und Birgit Heinrich schließen den »Hanauer Hof« und gehen in den Ruhestand. Ein Nachfolger steht noch nicht fest. (Foto: Wagner)

Als der »Hanauer Hof« im Januar 1904 eröffnete, versprach der erste Wirt Aquillin Küffner in einer Zeitungsannonce seinem »verehrlichen Publikum in Friedberg und Umgebung«, er werde »alle die mich beehrenden Gäste aufs beste bedienen«. Das galt über 100 Jahre lang, wobei die Chronik bereits nach 15 Jahren einen Eigentümerwechsel verzeichnet: Der Metzger Mathias Heinrich übernahm die Gastwirtschaft, übergab sie beim Eintritt in den Ruhestand an seinen Sohn Wilhelm, der den Betrieb 1972 an seinen Sohn Bernd Heinrich übertrug.

Gastwirt in dritter Generation, das ist schon was, das gibt man nicht so einfach auf. Der Abschied gehe ihm sehr nahe, sagt Bernd Heinrich. »Das war das Wohnzimmer meines Mannes«, sagt seine Frau Birgit. Sie ist 67, er 70. »Das Alter«, seufzt die gelernte Bankkauffrau, die vor 40 Jahren nach der Hochzeit ins Gastronomiegeschäft einstieg. Das Gaststättengewerbe hat sie im Blut, stammt väterlicherseits aus der »Schillerlinde«. »Irgendwann ist es gut«, sagt sie. »Aber wir haben drei Anläufe gebraucht.«

Eigentlich sollte zum 45-jährigen Berufsjubiläums ihres Mannes im vergangenen Jahr schon Schluss sein, dann wurde dessen 70. Geburtstag im Dezember als Termin ausgeguckt. Die Heinrichs konnten sich aber nicht von ihrer Gaststätte trennen. Jetzt ist wirklich Schluss. Die Stammgäste haben sich bereits verabschiedet, viele Erinnerungen wurden wach. »Wir gehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge«, sagt Birgit Heinrich.

Rund um die Uhr im Einsatz

Die nächste Zeit bedeutet für das Ehepaar eine komplette Umstellung. Nicht mehr morgens in aller Herrgottsfrühe raus, damit die Hotelgäste um 7 Uhr ihr Frühstück bekommen. Und nicht mehr weit nach Mitternacht die Tür hinter dem letzten Gast schließen. »Wir haben sieben Tage in der Woche gearbeitet, oft 20 Stunden am Tag.« Ihren Kindern – die Tochter ist Lehrerin, der Sohn Informatiker – wollten sie das nicht zumuten.

Aber es war eine schöne Zeit. Die Heinrichs erinnern sich gerne an die vielen Vereine, die hier tagten, an die Studentenverbindungen und die Stammtische. Die »Mittwochsgesellschaft«, eine Runde ehrwürdiger Genießer des Apfelweins, brachten es auf 80 Jahre Club-Bestehen. Die Schwarze Sieben ging hier ein und aus, und vor allem in der Weihnachtszeit, wenn in der Küche Gänsebraten zubereitet wurde, gaben sich die Gäste von Weihnachtsfeiern die Klinke in die Hand – oder köpften im Gewölbekeller die Sektflaschen. Die Azubis eines großen heimischen Unternehmens ließen es hier ordentlich krachen, und nicht nur sie.

Der »Hanauer Hof« hat noch einen anderen Namen. »Gasthaus zur letzten Träne« wird er genannt, ein Name, den sich Trauergäste ausdachten, die nach einer Beerdigung auf dem nahen Friedhof hier einkehrten.

Viele Erinnerungen

Die Eröffnungsanzeige der Gaststätte vom Januar 1904.	(Foto: WZ-Archiv)
Die Eröffnungsanzeige der Gaststätte vom Januar 1904. (Foto: WZ-Archiv)

Als der »Hanauer Hof« 1979 seine ersten 75 Jahre feierte, lobte die WZ die »gemütlichen Gasträume, in denen vor allem das rustikale Kolorit zur anheimelnden Atmosphäre beiträgt«. Das galt bis zuletzt. Im Winter bollerte der gusseiserne Ofen. Wer wollte, konnte den Siegerwimpel des VfB Friedberg bewundern, der an die Süddeutsche Fußballmeisterschaft der Amateure von 1958 erinnerte. VfB-Mitglieder haben ihn vor wenigen Tagen abgehängt. Oder man staunte über die vielen Miniaturhäuser auf den Fenstersimsen, Nachbildungen alter Gebäude aus Süddeutschland einschließlich Stadtkirche und »Hanauer Hof«. Es handelt sich um Geschenke eines Messegastes aus Litauen.

Was jeder, der schon einmal im »Hanauer Hof« ausgiebig gefeiert hat, kennt, sind die legendären Auftritte von Bernd Heinrich als Sänger von Seemannsliedern. Als junger Mann fuhr er mit der Handelsmarine zur See, von daher kennt er die Lieder vom Jungen, der bald wieder kommen soll, von der »Blonden Seekuh« oder das bekannte »Rolling Home«. Jetzt gehen der Kapitän und die Steuerfrau von Bord und eine neue Besatzung wird den »Hanauer Hof« übernehmen. Wer das sein wird, wissen die Heinrichs nicht. »Der Besitzer des Hauses sucht einen Pächter für Gaststätte und Hotel, es ist noch keine Entscheidung gefallen.«

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