01. September 2018, 18:00 Uhr

Wetterauerin geworden

Wiedersehen in Wölfersheim

Seit sie drei Jahre alt ist, lebt Johanna Kullmann in der Wetterau – die Region, in der sie, ihre Schwester und Mutter endlich den Vater wiedergefunden haben. Die Ankunft war nicht leicht, erzählt sie.
01. September 2018, 18:00 Uhr

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Der Krieg hat die Familie getrennt. Paul Böer ist in Gefangenschaft. Wo seine Frau und die zwei Töchter sind, weiß er nicht. »Und wir wussten nicht, wo unser Vater ist«, erzählt Johanna Kullmann. Sie ist die älteste Tochter von Hedwig und Paul Böer. Als der Krieg endet, ist sie gerade einmal zwei Jahre alt.

1945, das weiß sie heute, kommt ihr Vater Paul Böer in ein Kriegsgefangenenlager. Er ist ein »Prisoner of war« der U.S. Army. Von dem Lager schreibt er Briefe an seine Familie.

 

Liebe gute Hedi (Textstück unkenntlich) habe aber leider bis zum heutigen Tage von Dir noch keine Post erhalten, werde auch keine bekommen, denn bis jetzt hat von den tausenden, die hier sind, noch kein einziger Post von zu Hause bekommen. Liebe gute Hedi und mein geliebtes Hannchen, hoffentlich seid ihr noch gesund und munter, was ich von mir noch schreiben kann. Meine über alles geliebte gute Hedi und kleines Hannchen seid herzlich und viele tausend mal gegrüßt und lieb geküßt von deinem lieben Paul und Pappa.

 

Es muss kurz nach der Ankunft dieses Briefes gewesen sein, als Hedwig Böer und ihre zwei Töchter die Heimat verlassen müssen.

Johanna Kullmann erinnert sich kaum daran, doch sie kennt die Geschichten. »Andere Kinder haben zum Einschlafen Märchen erzählt bekommen, wir die Geschichte unserer Vertreibung« – der Vertreibung aus Schlesien nach dem Krieg.

 

Eine schwere Zeit

 

Johanna Kullmann wird in Bad Salzbrunn geboren. Eine Stadt, die heute in Polen liegt, Szczawno-Zdrój heißt und aus der nach Ende des Zweiten Weltkriegs, wie aus vielen schlesischen Städten, zahlreiche Deutsche vertrieben worden sind. »Meine Mutter hat ihren Bestand, wie sie immer sagte, in eine Tasche gepackt, dann sind wir weg«, erzählt Johanna Kullmann. »Alles, was wichtig war« – zum Beispiel das Hochzeitsfoto von Hedwig und Paul Böer. Oder das Familienstammbuch. »So etwas haben heute wohl noch die wenigsten von damals.«

Dann, mit Handtasche und den zwei Kindern, ging es fort von zu Hause. »Meine Schwester hat im Kinderwagen gelegen, ich habe vorne drauf gesessen, sonst hatten wir nichts dabei.«

Der Weg der Familie wird weit sein. Mutter und Töchter wohnen für einige Zeit in Halle. Vom Vater hören sie nichts; er weiß nicht, wo sie sind. Doch als Paul Böer aus der Gefangenschaft kommt, sucht er nach ihnen. Und findet sie – über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes.

»Mein Vater war Bergmann, deswegen war er in Wölfersheim.« Und so ist Wölfersheim der Ort, in dem die Familie nach all den Kriegswirren eine neues Leben beginnt. »Ich bin seit meinem dritten Lebensjahr Wetterauerin.« Es sei nicht immer leicht gewesen als »Fremde« in der neuen Umgebung. »Kartoffelkäfer haben sie zu uns gesagt.«

Und doch ist die Wetterau Johanna Kullmanns Heimat geworden und all die Jahre geblieben. In Nieder-Wöllstadt auf der Kirmes hat sie ihren heutigen Mann kennengelernt. Die junge Familie baute in Bruchenbrücken, lebte dort mit ihren Eltern in einem Haus. Noch immer leben drei Generationen dort – die Kinder sowie die Enkel der Kullmanns.

Die Eltern von Johanna Kullmann sind gestorben. Doch was die Mutter damals in eine Tasche gepackt und der Vater aus dem Krieg mit in das neue Zuhause gebracht hat, hat die Tochter noch immer: das Hochzeitsfoto der Eltern, das Familienstammbuch, das »Soldbuch« des Vaters. Dokumente und Erinnerungsstücke, die kaum noch jemand besitzt – und die Johanna Kullmann ebenso gut aufbewahren wird, wie ihre Mutter es einst getan hat. (Fotos: pv/sda)

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