07. September 2018, 11:00 Uhr

Mehrgenerationenhaus

Wie 15 Leute zusammen leben

Als Marianne Hofmann zum ersten Mal in der Steinfurther Hauptstraße war, fiel das Gartentürchen in die Brombeerhecke. Heute ist das Anwesen ein »El Dorado«, finden die 15 Bewohner.
07. September 2018, 11:00 Uhr

Allein im Hof liegen Hunderte Geschichten. Weil die Steine aus der ganzen Wetterau sind. Marianne Hofmann grinst beim Erzählen. Damals, als es ums Pflastern ging, waren viele skeptisch. »Mit 800 Euro könnt ihr doch keinen Hof machen«, haben sie gesagt. Bis Marianne Hofmann anfing, zu pflastern. Jeden Tag ein bisschen. Und mit jeder Woche kamen Steine dazu. »Wir sind durch die ganze Wetterau gefahren, haben hier und da einen Kubikmeter bekommen.« Dann ist ein paar Straßen weiter in Steinfurth die Straße aufgerissen worden; es kamen viele Pflastersteine zum Vorschein. Bauschutt eben – hätte Marianne Hofmann kein Interesse bekundet. Doch so, erzählt sie, kam immer wieder, wenn größere Mengen an Steinen zusammengekommen waren, ein Mitarbeiter vorbei, um Bescheid zu sagen.

Falls hier mal jemand strandet: Ein Bett findet sich immer irgendwo

Marianne Hofmann

Heute ist der Hof fast fertig – »jeder, der vorbeigekommen ist und Lust auf Pflastern hatte, hat sich verewigt«. So ist auch das Yin-und-Yang-Symbol entstanden. »Schönheit ist aber nur eine Sache, die Infrastruktur muss funktionieren.« Tut sie; seither hat es einige Male heftig geregnet, das Wasser ist immer gut abgeflossen.

Das ist das Schöne an Denkmälern: die Herausforderung und die Geschichte dazu. Wobei es in der Steinfurther Hauptstraße 18 – 20 unzählige sind. Neue und alte. »Wir versuchen, alles mit Resten zu bauen.« Im Garten lagern Biberschwanz-Ziegel in allen Größen – »falls wir mal einen auswechseln müssen«. Wie das geht: »So einfach wie mit keinen anderen Ziegeln.« Sie erklärt. Und sagt: »Wissen ist beim Sanieren wichtig, damit man nicht verzweifelt.«

 

15 Leute, Hunde und Katzen

Was man noch braucht: Improvisationstalent und Kreativität. Die Steine im Boden in der Küche waren mal an der Stallwand. Ursprünglich waren sie nur als provisorischer Bodenbelag gedacht, damit kein Bauschutt anfällt.

Oder, als beim alten Schäferhaus (insgesamt stehen vier Häuser auf dem Platz) das Fachwerk erneuert worden ist, hat Marianne Hofmann sich umgehört, wo es Balken gibt. In Altenstadt waren welche gelagert. »Beim Abholen haben wir erfahren, dass sie von einem Abbruch aus Steinfurth stammen.«

Und dann sind da noch die Geschichten, die sich zwischen all den Menschen abspielen, die auf dem Platz, wie Marianne Hofmann das rund 500 Quadratmeter große Anwesen nennt, arbeiten und leben. Mittlerweile ist es zu einem Mehrgenerationenprojekt geworden. 15 Leute leben hier, vier Kinder, Hunde, Katzen und Hühner.

Die 60-Jährige sitzt im Hof, ihr Sohn gegenüber, daneben Jaqueline Avera, die seit drei Wochen auf dem Hof lebt. Marianne Hofmann zieht an ihrer selbstgedrehten Zigarette: »Einsamkeit ist eine schlimme Krankheit, viel schlimmer als das hier.« Sie meint das Rauchen. Über ein Mehrgenerationenprojekt habe sie das erste Mal nachgedacht, als der Sohn mit der Schule fertig war und sagte: »›Mama, Du kannst mein Zimmer vermieten.‹ Ich dachte mir, die Kinder sind jetzt groß und brauchen dich nicht mehr, was machst du also?« Gleichzeitig kam die Frage: »Wie will ich leben, wenn ich alt bin? Und wie kann ich meinen letzten Lebensabschnitt mitgestalten, so lange ich noch kann?«

Das war der Anfang. Heute ist mächtig viel los auf dem Hof. Manchmal sind Gäste da. »Ein Bett findet sich hier immer.«

Ein riesiger Garten gehört zu dem Anwesen – zum Selbstversorgen. »Ich mache gerne Garten«, sagt Marianne Hofmann. »Jeder hat hier seine Nische.« Alle ergänzen und bereichern sich, arbeiten zusammen. Zum Beispiel der Zimmermann, der Restaurator wurde. Als Marianne Hofmann das Anwesen vor 15 Jahren kaufte, war das meiste verfallen. Also machte sie sich an die Arbeit. Ein Haus war bewohnbar. Das Gebäude daneben, das alte Schäferhaus, nicht. Glücklicherweise gab es einen Zimmermann im Freundeskreis, der anpackte. Nur sei er schnell an seine Grenzen gekommen. »Deswegen hat er eine einjährige Restauratoren-Ausbildung gemacht.« Und sich danach selbst ein Fachwerkhaus gekauft. »Ja«, sagt Marianne Hofmann, »Denkmäler sind toll.« Sie machen Arbeit. Aber es lohnt sich: »Ich kenne jeden Stein hier.« Und die Stellen, an die noch welche müssen. »Wir werden nie fertig, aber das macht nichts.«

Info

Vertrauensvoll und miteinander

Für das Wohnprojekt in der Tenne haben die Bewohner den Verein »denk-mal-mit« gegründet. In der Vereinsbeschreibung heißt es: »Wir sind eine bunt gemischte Gruppe mit unterschiedlichen Wünschen, Herkünften und Erfahrungen. Gemeinsam gestalten wir unseren Alltag vertrauensvoll und miteinander. Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet des gemeinschaftlichen Wohnens betreiben wir gern mit allen Menschen, die uns mit Interesse und offen begegnen.« Zum Gestalten des Alltags gehört zum Beispiel der Selbstversorgergedanke. Im Garten wächst Obst und Gemüse, die Bewohner machen selbst Käse und backen ihr eigenes Brot. Wer sich selbst umschauen will, hat am Sonntag (9. September, Tag des offenen Denkmals) Gelegenheit dazu – von 11 bis 16 Uhr.

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