12. Januar 2019, 06:00 Uhr

Geburtstrauma

Wenn das Wunder zum Albtraum wird

Bei der Geburt ihres Sohnes hat sich Yola Garbers hilflos und ausgeliefert gefühlt. Die Folge: ein Trauma. Für Frauen, die Ähnliches erleben, hat Garbers in Bad Nauheim eine Gruppe gegründet.
12. Januar 2019, 06:00 Uhr
Ob ein blöder Kommentar im Kreissaal, eine schmerzhafte Untersuchung oder ein ungeplanter Kaiserschnitt: Negative Erlebnisse während der Geburt können bei werdenden Müttern ein Geburtstrauma auslösen. (Foto: dpa)

Frau Garbers, vor sechs Jahren waren Sie schwanger. Sie haben sich sehr auf die Geburt ihres Sohnes gefreut. Was ist dann passiert?

Yola Garbers: Ich hatte eine Hausgeburt geplant. Heute weiß ich, dass sich eine Geburt nicht planen lässt, denn als meine Fruchtblase geplatzt ist, haben die Wehen nicht richtig eingesetzt. Deshalb konnte ich das Kind nicht zu Hause bekommen, und ich musste ins Krankenhaus nach Bad Nauheim. Dort bin ich dann natürlich zu einer Hebamme gekommen, die ich noch nicht kannte. Sie hatte neben mir noch zwei weitere Schwangere zu versorgen, die auch kurz vor der Entbindung standen. Aber irgendwie hat die Chemie zwischen uns nicht gestimmt. Ich habe mich von ihr nicht verstanden und nicht unterstützt gefühlt. Während einer Untersuchung, die sie gemacht hat, hat sie mir wehgetan. Ich wollte, dass sie aufhört. Das habe ich ihr auch mehrmals gesagt, doch sie hat immer weiter gemacht, ohne mir zu erklären was sie da macht und warum. In diesem Moment hatte ich plötzlich das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und nicht mehr selbst bestimmen zu können, was mit mir und meinem Körper passiert. Ich habe mich hilflos und ausgeliefert gefühlt. Das hat mir Angst gemacht. Irgendwann hat die Hebamme schließlich auf mich gehört und die Untersuchung beendet. Auch danach sind noch einige Sachen passiert, bei denen ich mich nicht respektiert gefühlt habe. Ich habe mich in meiner Würde zutiefst verletzt gefühlt. Trotzdem habe ich meinen Sohn bekommen, auf natürlichem Weg und aus eigener Kraft. Ich war danach völlig überwältigt und habe mich gefreut. Dann hat die Hebamme an der Nabelschnur gerissen. Ohne Vorwarnung. Die Plazenta saß aber noch fest in meinem Bauch. Das waren unbeschreibliche Schmerzen. Bei der Geburt ist nichts schief gegangen, aber diese ganzen Erlebnisse haben mich innerlich und die ersten Momente mit meinem Sohn zerstört.

 

Yola Garbers. (Foto: alh)
Yola Garbers. (Foto: alh)

 

Wie haben Sie sich in der Zeit nach der Geburt gefühlt?

Garbers: Es war echt schlimm. Alle haben sich gefreut, dass das Baby da ist. Ich natürlich auch. Trotzdem war ich verzweifelt und am Ende. Ich wusste nicht, was mit mir los ist, und warum ich mich so schlecht gefühlt habe. Es gab im Alltag viele Momente, die mich an die Geburt erinnert haben. Dann habe ich mich plötzlich bedroht gefühlt, obwohl es dazu eigentlich keinen Grund gab. Habe Panik bekommen. Wenn ich unter Zeitdruck stand und zu einem Termin musste, war es ganz schlimm. Ich konnte mein Kind nicht gut aus den Händen geben. Ich hatte Alpträume, von denen ich aufgewacht bin. Auch tagsüber haben sich die Szenen immer wieder in meinem Kopf abgespielt. Ich konnte niemandem sagen, wie es mir geht. Irgendwann hat mir meine Mutter einen Zeitungsartikel gezeigt, in dem es um Posttraumatische Belastungsstörungen ging. Da wusste ich dann, was los war. Später hat sich daraus eine Depression entwickelt.

Heute können Sie ruhig und sachlich über die Geburt sprechen. Wie haben Sie es geschafft, das Trauma zu verarbeiten?

Garbers: Irgendwann ging es mir so schlecht, dass sich etwas ändern musste. Ehrliche Gespräche mit einer Freundin haben mir zunächst geholfen. Nach vielen Telefonaten habe ich außerdem eine Therapeutin gefunden und eine Traumatherapie gemacht. Ich bin zum Beispiel den Geburtsbericht noch einmal mit einer anderen Hebamme durchgegangen und habe mir alle Schritte erklären lassen. Ich habe die Hebamme von damals um ein Gespräch gebeten, das aber nicht zustande kam. Später habe ich ihr einen Brief geschrieben. Ich bin in den Kreissaal zurückgegangen und habe die Geburt noch einmal durchlebt, aber diesmal mit viel Unterstützung und Halt durch die Therapeutin. Insgesamt hat es viereinhalb Jahre gedauert, bis es mir besser ging.

Die Szenen haben sich immer wieder in meinem Kopf abgespielt

 

Obwohl ein Geburtstrauma keine Seltenheit ist, sprechen junge Mütter oft nicht darüber. Warum?

Garbers: Wenn das Kind gesund ist, freuen sich alle darüber und sind glücklich. Aber es ist auch total wichtig, wie es der Mutter geht. Als Mama hat man das Gefühl, man darf gar nicht sagen, dass es einem nicht gut geht, weil man sich ja eigentlich freuen müsste. Und es braucht auch einfach Zeit, bis man merkt, wie es einem geht. Die Situation ist neu, man ist überfordert und schnell wieder auf sich alleine gestellt. Andere Mütter erzählen dann, wie toll alles ist und dass ein Lächeln des Babys doch alles wieder gut macht. Und man denkt sich: »Nein, in mir drin ist trotzdem alles scheiße.« Mit der Selbsthilfegruppe möchte ich einen Raum schaffen, in dem Frauen sich öffnen und solche Gefühle äußern können.

Wie wirkt sich das negative Geburtserlebnis auf Ihre Familienplanung aus?

Garbers: Eigentlich wollten wir zwei Kinder. Doch bis jetzt habe ich mich nicht getraut, noch einmal schwanger zu werden. Ich weiß, dass die zweite Geburt wahrscheinlich anders verlaufen würde. Doch die Angst hält uns noch immer davon ab.

Info

Gruppe trifft sich im Müfaz

Die Selbsthilfegruppe für Frauen nach einem negativen Geburtserlebnis trifft sich alle 14 Tage dienstags, beginnend mit dem 15. Januar, von 18.30 bis 20.30 Uhr im Sprachraum des Müfaz (1. OG). Zwei Hebammen unterstützen die Teilnehmer. Yola Garbers bittet alle Interessierten, sich vorab unter Tel. 0 60 81/5 85 85 96 bei ihr zu melden. (alh)

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