07. Juli 2018, 12:00 Uhr

Feldpost-Serie

Welke Blumen der Erinnerung

»Die ganze Nacht möchte ich schreiben, möchte mein Herz leichter machen.« Diese Zeilen verfasste Walter Blöcher 1940 in Frankreich. Nachzulesen sind sie im Kriegstagebuch des Bad Nauheimers.
07. Juli 2018, 12:00 Uhr
Im Kriegstagebuch von Walter Blöcher sind Blumen mit Streifen von Wundpflaster festgeklebt. Die Einträge erzählen vom Seelenleben eines Wehrmachtssoldaten fern der Heimat, sind aber auch eine Liebeserklärung an seine Frau Hildegard. (Fotos: Schenk)

Feldpost

In unserer Feldpost-Serie veröffentlichen wir wöchentlich Auszüge aus Feldpostbriefen, erzählen die Geschichten dazu und welche Schicksale sich dahinter verbergen.

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Die Einträge im Kriegstagebuch von Walter Blöcher erzählen vom Seelenleben eines Wehrmachtssoldaten fern der Heimat. Hoffnung, Wut, Verzweiflung, Heimweh, eingebettet in Gedichte und mitunter schmerzvolle Worte – über zwei Jahre berichtet der Bad Nauheimer über seine Gefühle in der Fremde. Auf manchen Seiten finden sich Pflanzen, festgeklebt mit Streifen von Wundpflastern. Es sind fast acht Jahrzehnte alte Relikte aus der Vergangenheit. Über allem aber stehen die schier unendlichen Liebeserklärungen an seine »kleine Frau« Hildegard, die große Liebe seines Lebens.

»Über seine Kriegserlebnisse hat mein Vater so gut wie nichts erzählt«, erinnert sich Ingrid Peter, die 1948 geborene Tochter von Walter und Hildegard Blöcher. Fast gedankenverloren sitzt sie auf ihrem Balkon in der Bad Nauheimer Küchlerstraße und versucht, die Erinnerungsfetzen in ihrem Kopf zusammenzufügen. »Auch meine Mutter schwieg, wenn es um dieses Thema ging. Wahrscheinlich schwieg sie sogar noch mehr als mein Vater. Aber sie wusste vermutlich das Allermeiste von dem, was er in Frankreich, Polen und Russland erlebt hat.«

 

Fragen bleiben offen

 

Das Tagebuch widmete Blöcher seiner Ehefrau, die zu Hause auf ihn wartete. Ingrid Peter nimmt an, dass außer ihren Eltern niemand etwas von der Existenz des Buchs wusste. Erst 1993, kurz vor seinem Tod, habe er es in ihre Hände gelegt. Ihre Mutter sei bereits fünf Jahre vor ihm gestorben.

»Ich wollte es so gern durchlesen, wollte erfahren, was mein Vater alles niedergeschrieben hat, doch ich konnte seine Handschrift nicht lesen«, sagt sie, während sie die aufgeschlagenen Seiten anschaut. Wieder blieben Fragen. Wieder musste sie sich mit dem zufrieden geben, was sie schon wusste.

 

Erst Konditorlehre, dann Wehrmacht

 

Kennengelernt hätten sich ihre Eltern wohl in Brüssel, wo ihre Mutter als Köchin tätig war. Hildegard Blöcher, die mit Mädchennamen Uffmann hieß, stammte aus dem Heide-Dorf Großdornberg bei Bielefeld. Seine Eltern besaßen in Bad Nauheim die »Pension Blöcher« in der Lutherstraße. Nach seiner Konditorlehre im Friedberger Café Kissler zog es ihn zur Wehrmacht, denn in einem Tagebucheintrag vom 1. Oktober 1940 schreibt er: »Heute gehe ich in mein 5. Dienstjahr«. Hochzeit wurde am 13. Januar 1940 gefeiert. Blöcher wurde während des Krieges mehrfach verwundet, mindestens einmal auch schwer, nachdem ein Wagen über seinen Kopf gerollt war.

 

Pionier in höchster Gefahr

 

Es scheint sicher, dass er noch viel mehr schlimme Dinge erlebt hat. Als Pionier im 116. Infanterie-Regiment hatte er dafür zu sorgen, dass der Weg für Panzer und Infanterie frei war. Das bedeutete: höchste Lebensgefahr im Kampf an vorderster Front. Im Blitzkrieg gegen Frankreich und bei der Einnahme der Benelux-Staaten 1940 waren Pioniere fürs schnelle Vorankommen besonders gefragt. Ein Jahr später, beim Überfall auf die Sowjetunion, ebenso. Auf beiden Kriegsschauplätzen kam Blöcher zum Einsatz.

 

Walter Blöcher mit seiner großen Liebe Hildegard.
Walter Blöcher mit seiner großen Liebe Hildegard.

Vom Töten oder von der Angst, getötet zu werden, schreibt er fast gar nichts in seinem Tagebuch. Einblick in sein Gefühlsleben gibt allerdings ein Eintrag vom 21. Juni 1941, den er kurz vor dem Einsatz in Russland festhält: »Meine liebste Hildegard, ich hoffe, daß ich gesund bleibe. Ich weiß, Deine Liebe, Deine Gebete und die meiner und unsrer Eltern begleiten mich. Deine Liebe wird mich beschützen. Und sollte es sein müssen, so bitte ich, stark das Leid zu tragen, tapfer zu sein, so wie ich es bin für Dich.«

 

»Eine schöne Zeit« im Lazarett

 

Blöcher hatte Glück im Unglück: Am 5. August 1941 wurde er bei Kämpfen am Dnjepr verwundet, kam daraufhin zurück in die Heimat. Im Lazarett in Köln verlebte er »eine schöne Zeit«, fast immer mit Hildegard an seiner Seite.

Aus Polen brachte er eine »Quetschkommode« mit, auf der sich selbst das Spielen beibrachte, vom Schwarzen Meer eine riesige Muschel. In seinem Kopf aber trug er wohl Erinnerungen mit sich herum, die er noch nicht einmal seinem Tagebuch anvertraute.

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