05. September 2018, 19:19 Uhr

Vorfall am Bahnhof gibt Rätsel auf

In einer kalten Novembernacht ging es am Bahnhof in Bad Nauheim heiß her. Ein klärendes Gespräch endete mit Schüssen und einer Verfolgungsjagd. Vor Gericht trafen sich nun die Beteiligten und erzählten viele Versionen der Geschichte.
05. September 2018, 19:19 Uhr
In einer Nacht im November soll es auf dem Vorplatz des Bad Nauheimer Bahnhofs filmreif zugegangen sein. Dass es zu später Stunde dort oft menschenleer ist, erschwert die Ermittlungen. (Foto: Nici Merz)

Die Szenerie muss gewirkt haben wie im Film: Am 15. November 2017 kurz nach 23 Uhr soll es auf dem Vorplatz des Bad Nauheimer Bahnhofs zu einem »Gespräch unter Männern« gekommen sein – inklusive Einsatz einer Pistole und einer Verfolgungsjagd. Vor dem Friedberger Schöffengericht saß am vergangenen Dienstag der 33-jährige Erkan S. (Name geändert) aus Ober-Mörlen auf der Anklagebank. Versuchte Nötigung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr lauteten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Eine Randnotiz ist, dass der Mann bereits wegen mehrerer Delikte im Straßenverkehr vorbestraft ist.

Erst umarmt, dann gerammt

Die Vorgeschichte spielte sich wenige Wochen zuvor ab. Der Angeklagte begleitete einen polizeibekannten Freund, der »Stress« mit dem 30-jährigen Friedberger Selim K. (Name geändert) hatte. An der Friedberger Burg kam es zum Streit, den K. mit dem Einsatz von Pfefferspray beendete. Im Zeugenstand sagte der Friedberger, dass er kein Problem mit S. gehabt habe, er wäre nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Deswegen trafen sie sich im zweiten Akt zur Aussprache. »Komm alleine«, verabredeten sie.

Nun drifteten die Erzählungen auseinander. Der Angeklagte berichtete, K. sei mit mehreren Leuten gekommen. Als er das bemerkt habe, wollte er mit seinem Auto, das an der Bushaltestelle stand, wegfahren. Dann habe ihn K. von hinten geschlagen. Der Angeklagte habe Panik bekommen und sei in das Auto von K. gefahren, das rund 50 Meter entfernt in einer Seitenstraße gestanden habe. Den ungewöhnlichen Vorgang erklärte S. mit seiner »Todesangst«.

Die Version von K. klingt anders. Dieser habe sich bei S. für den Pfefferspray-Einsatz entschuldigt, nach einem halbstündigen Gespräch »haben wir uns sogar umarmt«. Dennoch habe er das Gefühl gehabt, dass S. auf jemanden gewartet habe, er habe die ganze Zeit telefoniert und den Friedberger hingehalten. Plötzlich sei der Angeklagte zu seinem Auto und mit diesem auf K. losgerast. Dann sei ein Mann aufgetaucht, auf das Auto von K. gesprungen und habe zweimal mit der Luftpistole auf die Windschutzscheibe geschossen. Währenddessen habe S. mit dessen Auto K. so zugestellt, dass dieser nicht habe fliehen können.

Tatsächlich war K. nicht – wie verabredet – alleine gekommen. Sein Kumpel, der in einer Seitenstraße im Auto gewartet haben soll, bestätigte aber als Zeuge K.s Version.

Auch der dritte Akt hat zwei Varianten. Der Angeklagte versicherte, dass er direkt zur Polizei nach Butzbach gefahren sei, um Anzeige zu erstatten, nachdem er K. gerammt habe. Sein Kontrahent erzählte aber von einer Flucht auf die Frankfurter Straße, nachdem sich eine Lücke in der Sperre von S. aufgetan habe. »Wir sind Vollgas nebeneinander her gefahren«, sagte K. Nach wenigen Metern soll es dann einen von S. beabsichtigten Unfall gegeben haben.

Der unbekannte Mann, der nun im Auto von S. mitgefahren sein soll, soll hier wieder auf das Auto von K. geschossen haben. Dann sei K. mit seinem Kumpel zum Parkplatz des Usa-Wellenbads geflüchtet und habe dort bei einer gerufenen Streife die Anzeige aufgegeben. Zwei Polizeibeamte sicherten am Wagen von K. Schmauchspuren, wie sie im Zeugenstand berichteten.

Angeklagter sucht Blickkontakt

Die Hoffnung von K., die Taxifahrer, die am Bahnhof gestanden hätten, würden seine Version bestätigen, erfüllte sich nicht. Die zweite Streife, die dort nachgehört habe, habe keine Hinweise bekommen, hieß es.

Die Staatsanwaltschaft sah dennoch die Schuld von S. als bewiesen an und beantragte drei Jahre Haft und ein eineinhalbjähriges Fahrverbot. Der Verteidiger forderte »wegen fehlender objektiver Beweise« für seinen Mandanten, derzeit auf Bewährung, einen Freispruch. »Schon merkwürdig, dass von diesem Spektakel keiner etwas mitbekommen hat«, sagte der Anwalt.

Das Ergebnis: Entscheidung vertagt. Man wolle noch die zwei Beamten befragen, die sich nach dem Vorfall am Bahnhof umhörten. Warum diese nicht schon am Dienstag im Zeugenstand waren, blieb zunächst ungeklärt. Während der Plädoyers suchte der Angeklagte immer wieder den Blickkontakt mit K., der aber eisern wegschaute. Es bleibt zu hoffen, dass die Männer nicht erneut versuchen, sich nach einem klärenden Gespräch unter Männern zu umarmen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bahnhöfe
  • Bergarbeiter
  • Polizei
  • Rätsel
  • Straßenverkehr
  • Erik Scharf
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 5 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.