11. Januar 2019, 20:17 Uhr

Von der Freude am Essen

11. Januar 2019, 20:17 Uhr
Noch loben sie das vorzügliche Essen, bis der Kellner offenbart, er haben nur noch einen Kosakenzipfel. Beim Teilen entbrennt der Streit zwischen (v. l.): Hermann Römer, Evelyn Fay, Ron Faust, Constanze Cymmek und Ulrich Becke. (Foto: hms)

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Das dachten sich auch die Akteure von »Jazz und Texte« und widmeten sich dem Thema Genuss. Constanze Cymmek, Hermann Römer, Dr. Ulrich Becke und Evelyn Fay, begleitet von Shanaka Pereira am Klavier und Ron Faust mit dem Saxofon und Didgeridoo bereiteten ein nachdenkliches bis lustiges Gedankenmahl. 2000 Jahre kochten sie ein von Horaz bis in die verschwenderische Gegenwart. Am Ende gab es für alle ein Plätzchenpräsent.

In leichtem Ton von Hermann Römer vorgetragen hätten die Ratschläge von Horaz über die Mäßigung beim Essen auch moderner Art sein können: Zu viel Genuss drückt auf den Magen und beschwert den Geist. Man soll auch nicht den eitlen Verlockungen des feinen Essens nachgeben. Besser sei es, sich durch »Schwitzen leckere Schüsseln zu erschaffen«.

Kritik an Überflussgesellschaft

In seiner ausgedehnten Geschichte vom Ostertisch widmet sich Siegfried Lenz humorvoll dem hinterlistigen Erschleichen von Köstlichkeiten, wobei die Geschädigten als Gäste erst zu spät erkennen, dass sie ihre eigenen Fische und Schinken essen. Nichts für Vegetarier war Wilhelm Buschs Gedicht vom Braten. Darin verknüpft er geschickt die perfekte Zubereitung durch ein gutes Mädchen mit den Zutaten Ruhe, Innigkeit, Herzensgüte und Liebe. Sein Fazit: Ein böses Mädchen kann das nicht. Welcher Mann im Publikum hat wohl dabei in Gedanken die Kochkünste seiner Angetrauten überflogen?

Doch auch Hungersnot kam zur Sprache. In den letzten 200 Jahren raffte sie Hunderttausende in Deutschland dahin. Wirtschaftskrisen und Missernten, Spekulationen und Kriege waren die Ursachen.

Die Weberaufstände in Schlesien Mitte des 19. Jahrhunderts sorgten für Hunger und Tod. Das von Evelyn Fay ergreifend gesungene Weberlied knüpfte daran an. Nach den beiden Weltkriegen explodierten die Preise. Viele konnten sich nicht mehr das Nötigste leisten. »Wer das erlebt hat, ist heute noch entsetzt, wie in unserer Überflussgesellschaft mit Nahrungsmitteln umgegangen wird«, resümierte Becke.

Volksweisheiten und Volkslieder leiteten über zum gereimten Tischknigge des Hans Sachs. Das kam nun jedem bekannt vor: Nicht schmatzen und den Teller nicht zu voll nehmen, den Mund beim Kauen geschlossen halten, sich vorher die Hände waschen und vieles mehr. Passend zur extravaganten Tischkultur mit Austern und Edelfischen gab es Songs wie »Du steigst mir zu Kopf wie sprudelnder Champagner«. Und auch das mag so mancher schon erlebt haben: Das freundschaftlich-höflich begonnene Tischgespräch einer Campingplatzbekanntschaft gerät aus den Fugen, weil ein Dessert nicht richtig geteilt wird.

Die Freude am Essen und Trinken kann einem also auch vergehen. Im köstlich zweisprachigen Mischmasch geht es dann um Weihnachtsvorbereitungen und die verbrannte Weihnachtsgans. »Zwischen Eierpunsch und Geschenken gibt es aber noch mehr«, sagte Becke und schloss in sein Gebet die Bitte um Hoffnung und eine menschliche Zukunft ein.

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