11. September 2018, 17:00 Uhr

Filmdreh in Friedberg

Von Mundart zu Regiolekt: Was vom Hessischen bleibt

Was ist von der oberhessischen Mundart noch erhalten? Das wollte ein Kamerateam des HR in Friedberg wissen. Im Mittelpunkt des Filmbeitrags steht der Filmemacher Wolf Schmidt.
11. September 2018, 17:00 Uhr
Lia Wöhr und der aus Friedberg stammende Wolf Schmidt erinnern in der Lutheranlage an die Fernsehfamilie Hesselbach. Auch hier hat das HR-Team gedreht. (Foto: Nici Merz)

Als der Mundartdichter Karl Weigand im 19. Jahrhundert die Friedberger Kaiserstraße und das dortige Angebot an Weinen und Speisen besang, reimte er : »Joa schuhnd die Ahle hunn gesaht / Sealt von dr goure Schnoawwilwahd«. Für ihn wie für seine Zeitgenossen war die Flaniermeile eine regelrechte »Schnabelweide«. Heutzutage versteht das kaum noch einer. Ein gutes Jahrhundert später liest man bei Erich Stümpfig vom »Siggaanlädsche« (Zigarrenlädchen) am Bahnhof und den »Hausuffgoawe« der Schüler. So spricht heute keiner mehr, aber man kann’s noch verstehen.

Weigand und Stümpfig dichteten für ihre Leser in Friedberg und der Wetterau. Sie konnten sich darauf verlassen, dass ihre Texte verstanden wurden. Wolf Schmidt wollte mit seinen Hörspielen und Fernsehserien in ganz Deutschland verstanden werden. Ein urtümliches Hessisch konnte er sich nicht erlauben. Er erfand sein »Kompromiss-Hessisch« und erklärte sich bei der Sprachwissenschaft »in allen Dialektpunkten mangelnder Genauigkeit schuldig«. »Weiwer könne nur mit Weiwer bekämpft werden« – das versteht man auch in Bayern oder im Ruhrpott.

Passanten in Friedberg befragt

Wie steht es heute um den Dialekt? Das wollte ein Filmteam des HR für die Sendung »Hauptsache Kultur« (Donnerstag, 22.45 Uhr im HR) von Friedbergern wissen.

Auf dem Elvis-Presley-Platz und der Kaiserstraße wurden dazu 20 Passanten befragt. »Nur zwei beherrschten noch alte Dialektwörter und Formulierungen«, berichtet HR-Redakteur Dr. Arne Kapitza. Sein Gesprächspartner ist der Marburger Sprachwissenschaftler Prof. Heinrich Dingeldein, die Koryphäe in Sachen hessischer Mundart schlechthin. Dingeldein hatte Friedberg als Ort der »kleinen Mundart-Studie« ausgewählt, da sich hier ein neues Phänomen namens »Regiolekt« beobachten lasse.

Eine mundartliche Färbung bleibt

Kapitza: »Die alten Dialekte schwächen sich bei der Mehrzahl der Sprecher ab, und insbesondere die mittlere und jüngere Generation – in den Städten stärker als in den Dörfern – spricht und versteht Dialekt kaum noch. Es bleibt aber eine mundartliche Färbung bestehen, und im Falle des Regiolekts der Rhein-Main-Region zeigt sich, dass sich diese Sprechweise immer weiter ausdehnt, in nördlicher Richtung fast bis Gießen.«

Schmidt habe als Autor und Darsteller mit seinen »Hesselbach«-Figuren wesentlich zur Verbreitung des neuhessischen Regiolekts und seiner bundesweiten Bekanntheit beigetragen, sagt Kapitza. Er habe sich bewusst dafür entschieden, als »Babba Hesselbach« weder Hochdeutsch noch Frankfurterisch, sondern eine gemäßigte süd- bis mittelhessische Färbung in seine Figuren zu legen. Dingeldein wird in einer Szene auch hörbar machen, wie die Wetterauer Mundart früher geklungen hat. Was dem Filmteam am Wolf-Schmidt-Platz auffiel: Auf der Gedenktafel wird das Datum 19. Oktober 1966 als Start der »Hesselbachs« genannt. Das ist nicht falsch. Aber Schmidts Hesselbach-Schaffen begann bekanntlich schon viel früher mit den ersten »Hesselbach«-Hörfunkfolgen 1949, setzte sich über den Kinofilm von 1954 fort und mündete dann in die Fernsehserie »Die Firma Hesselbach«, deren erste Folge am 22. Januar 1960 bundesweit zu sehen war, mit sensationellem Erfolg.

 

Infobox

"Hauptsache Kultur"

Die HR-Sendung »Hauptsache Kultur« berichtet über Kulturhighlights in Hessen, über Trends und Tendenzen, Skandale und Flops. Das von Cécile Schortmann moderierte Kulturmagazin stellt aufregende Macher der hessischen Kulturszene vor, blickt hinter die Kulissen und mischt sich in Debatten ein. Sendetermin ist der späte Donnerstagabend. Die nächste Sendung läuft am 13. September um 22.45 Uhr. Ältere Sendungen sind in der Mediathek des HR abrufbar. (jw)

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