18. Juni 2018, 21:16 Uhr

Vom alten Nieder-Wöllstadt

18. Juni 2018, 21:16 Uhr

Die »neue« evangelische Pfarrkirche in Nieder-Wöllstadt feiert in diesem Jahr ihr 300-jähriges Bestehen. Das Dorf selbst ist eines der ältesten in der südlichen Wetterau. Erstmals erwähnt wurde es am 24. Mai 790 in einer Schenkungsurkunde des Klosters Lorsch.

In einer Retrospektive führte am Freitagabend der in Nieder-Wöllstadt geborene Historiker und Butzbacher Museumsleiter Dr. Dieter Wolf durch die Jahrhunderte. Sein Lichtbildervortrag mit zahlreichen Fotografien, Postkarten und Urkundentexten zeichnete die wechselvolle Geschichte des Ortes und seiner Kirche nach. Kaum ein Stuhl im Gemeindehaus blieb unbesetzt, kein historischer Aspekt unbeleuchtet.

Eines wurde deutlich: Von der ersten Besiedelung des Landstrichs vor über 8000 Jahren bis in die Neuzeit hinein wussten die Menschen, dass es kaum einen besseren Grund und Boden gab, um sich niederzulassen. »Die Qualität des Ackerlandes sucht weit und breit ihresgleichen«, erklärte Wolf den rund 50 Zuhörern. »Ringsum in der Wetterau gibt es nichts Vergleichbares. Die Lehm- und Lößböden sind sehr fruchtbar.«

Verlockend für Pfarrer

Das habe Nieder-Wöllstadt schon unter solms-rödelheimischer Herrschaft den Beinamen »Schmalztopf von Oberhessen« eingebracht. Nicht nur für Bauersleute und Handwerker sei es verlockend gewesen, sich in dem Flecken anzusiedeln, sondern auch für Pfarrer. Sie bekamen mit dem Pfarrgut ein Stück Land, das sie bewirtschaften konnten, zogen für die Patronatsherren die Abgaben ein und hatten im Pfarrhof selbst auch Viehhaltung. 20 evangelische Geistliche wirkten seit der Reformation in Nieder-Wöllstadt. Sie mussten zum Teil schlimmste Not und Armut mitansehen.

»O Gott Waer Ich Bei Dir, Wahr Offt Mein Seufzen Hier« – diese Inschrift steht hoch oben im Glockenstuhl der Pfarrkirche. Eine Erinnerung für die Nachwelt, wie mühselig die Errichtung des tragenden Dachgebälks gewesen sein muss. Ins Holz eingeschnitzt hat diese Worte der Dorheimer Zimmermeister Johann Henrich Klein im Jahr 1718. Zu der Zeit wurde mit der dreigeschossigen Welschen Haube das letzte Teilstück der neuen Kirche vollendet.

In zwei Jahren Bauzeit war ein imposantes Bauwerk entstanden: Das Langhaus der Kirche hat eine Gesamtlänge von fast 26 Metern und ist ca. 13 Meter breit. Der Kirchturm hat eine Höhe von insgesamt 36 Metern. Genau 3383 Gulden, 14 Albus und 6 Heller hatte die Gemeinde in einer Kollektensammlung für den Neubau aufbringen können.

Doch egal wie hoch, wie lang oder wie breit – die Kirche war zu allen Zeiten Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Aus seinem schier unerschöpflichen Wissensfundus kramte Dr. Wolf interessante Episoden hervor. Er berichtete unter anderem von reichen Großbauern, revolutionären Umtrieben 1848, dem Bau der Eisenbahn 1850, Grabmalen auf dem Friedhof, Geistergeschichten, Hinrichtungen und, passend dazu, vom Galgen an der Gänsmühle. Zwei Mythen konnte er aufklären: Die vermutete Burg habe es tatsächlich gegeben und das Hufeisen am Kirchturm sei nicht von einem vorbeigaloppierenden Pferd abgesprungen, sondern gehöre zum Wappenstein von 1718.

»Bei der Masse an Vorträgen, die ich halten darf, ist es immer etwas ganz Besonderes, über meine Heimatgemeinde zu sprechen«, sagte Wolf, der jetzt in Offenbach wohnt. »Vor allem hier an diesem Ort, wo ich im Vorgängersaal zur Schule gegangen bin.«

Er verwies dabei auf einen Text, den er 1965 in sein Heimatkundeheft geschrieben habe: »Heimat ist meistens der Ort, in dem man seine Jugendzeit verlebt hat. Da ist das Heim, das Elternhaus, die Wohnung, da geht man zur Schule. Hier hat man seine ersten Freunde, da kennt man die Nachbarschaft, da nimmt man Anteil an Freud und Leid. Meine Heimat ist Nieder-Wöllstadt!«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Evangelische Kirche
  • Klöster
  • Nieder-Wöllstadt
  • Pfarrkirchen
  • Wöllstadt
  • Jürgen Schenk
  • Lädt

    Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 24 - 4: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.