27. Juni 2018, 11:00 Uhr

Siedlungsdruck

Vögel brüten mitten im Teufel- und Pfaffensee

Der Siedlungsdruck aus Frankfurt ist schon lange in der Wetterau spürbar. Neu ist, dass er nicht nur Menschen betrifft. In diesem Jahr brüten erstmals Vögel im Naturschutzgebiet Teufel- und Pfaffensee, die bislang in Frankfurt ein Zuhause hatten.
27. Juni 2018, 11:00 Uhr
Mittelmeermöwen im Teufel- und Pfaffensee: Erstmals brüten diese Tiere in der Wetterau. (Fotos: Hanns-Jürgen Roland/pv)

Den Mittelmeermöwen geht es gut. So gut, dass sie seit den 80er Jahren nicht mehr genügend Brutplätze im Süden finden. Sie ziehen gen Norden. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre brüten sie am Oberrhein, 1993 erstmals in Hessen, 2004 in Frankfurt. 2018 ist das Jahr, »in dem diese Art das erste Mal überhaupt in Hessen nördlich von Frankfurt brütet«, berichtet Stefan Stübing.

Stübing ist Gebietsbetreuer des Naturschutzgebiets Teufel- und Pfaffensee. Hier, südwestlich von Echzell, zieht ein Mittelmeermöwenpaar gerade drei Junge auf. Dafür hat es sich die Schwimminsel in der Mitte des Sees ausgesucht. Das war eine wohl überlegte Entscheidung der Tiere. »Sie waren schon letztes Jahr da, haben aber noch nicht gebrütet, sondern nur das Gelände sondiert«, erzählt der Biologie. Offenbar kamen sie zu dem Schluss: Hier lässt es sich gut Nachwuchs bekommen.

Sie waren schon letztes Jahr da, haben aber nicht gebrütet, sondern das Gelände sondiert

Stefan Stübing

 

In dem Naturschutzgebiet gibt es nämlich nicht nur viel zu fressen. Die Insel eignet sich auch hervorragend, weil sie weit genug vom Ufer entfernt ist. »Die Tiere würden sich nie am Ufer ansiedeln, das wäre wegen der Füchse zu unsicher«, erklärt Stübing. Auch die Inseln im Bingenheimer Ried fallen aus, weil der Fressfeind dorthin schwimmen könnte. Nicht aber zur Insel im Teufel- und Pfaffensee, die genau deshalb angelegt wurde: »Da traut sich kein Fuchs hin.«

Andere Arten brauchen diese Hilfe nicht. Ihnen genügen etwa Seerosenblätter zum Brüten. Der Mittelmeermöwe nicht: Sie zählt zu den Großmöwen, ist etwa bussardgroß und würde schlicht untergehen, wenn sie sich auf einer Seerose niederlassen würde.

Dass ihre Verbreitung seit den 80er Jahren nicht mehr aufs Mittelmeer beschränkt ist, liegt laut Stübing am menschlichen Wirtschaften. Das übermäßige Fangen von Thunfischen führte dazu, dass sich deren Beutetiere stark vermehrten, was wiederum zur Zunahme der Mittelmeermöwen führte, die sich von diesen Fischen ernährten. Die Fangpraxis, nicht benötigte Fische über Bord zu werfen, hatte denselben Effekt: Die Möwen mussten nur noch den Booten hinterherfliegen. Ein weiterer Grund seien die großen Mülldeponien in Südfrankreich: »Tausende von Möwen fanden dort etwas zu fressen.« Nur die Brutplätze reichten nun nicht mehr aus. Jungvögel wanderten nach Norden.

 

Die gefährlichste Zeit

 

Lange fühlten sich die Möwen in Frankfurt wohl. Auf einem Dach am Südbahnhof gründeten sie eine Kolonie. 80 Paare lebten dort. Nicht nur Mittelmeermöwen, auch Herings- und Steppenmöwen, berichtet Stübing. Bis das Gebäude abgerissen wurde. Einer der Altvögel am Teufel- und Pfaffensee ist ein Ableger dieser Kolonie. Das beweist der Ring an seinem Fuß. Inzwischen sind auch die Jungen beringt worden: von Ingo Rösler, zuständig für die Frankfurter Kolonie.

Mittelmeermöwen, die über 20 Jahre alt werden können, sind Allesfresser. Für die Aufzucht ihrer Jungen bevorzugen sie Fleisch, das sie in Form von Regenwürmern und Käfern auf Äckern sammeln. Im Naturschutzgebiet können sie sich auch an Fröschen oder Vogelgelegen gütlich tun. »Das Nahrungsangebot ist besser als in Frankfurt«, sagt Stübing.

 

Geschlechtsreife mit vier Jahren

 

Sorge um die heimische Tierwelt hat er nicht. »Der Bestand von Mittelmeermöwen kann nicht deutlich anwachsen«, betont er. In der Wetterau seien sie auf störungsarme Brutinseln angewiesen, von denen es nur wenige gebe. Zumal die Tiere zehn Meter Abstand zwischen ihren Nestern einhielten. »Auf eine Insel passt nur ein Nest.« All dies habe man beim Anlegen der Inseln berücksichtigt, um nicht einseitig eine Art zu fördern, der es ohnehin gut gehe. Kurzum: »Ein bis drei Paare sind unproblematisch.«

Und der Nachwuchs? Bis zur Geschlechtsreife mit vier Jahren werden die Tiere große Teile von Mitteleuropa bereisen, erklärt Stübing. »Dabei legen sie sich gedanklich einen Karte an, wo es am besten Futter gibt, wo Kolonien sind. Vielleicht landen sie in Ostdeutschland oder Südengland.« Das ist aber auch die gefährlichste Zeit: Auf sich allein gestellt, legen sie Hunderte Kilometer zurück. »Da sind Verluste wahrscheinlich«, sagt Stübing, auch wenn die Möwen wehrhaft und gute Flieger sind. »Ich halte es für wahrscheinlich, dass einer geschlechtsreif wird.«

Info

Eine eigene Möwenart

Bis in die 50er, 60er Jahre sei die Mittelmeermöwe als »Silbermöwe vom Mittelmeer« bekannt gewesen, sagt Biologe Stefan Stübing. Wegen des vermeintlich einzigen Unterscheidungsmerkmals wurde sie auch »Gelbfußsilbermöwe« genannt. Erst in den 80er Jahren seien mehr Unterschiede erkennbar geworden, etwa was die Balz und Brut, die Ernährung und weitere Farbmerkmale angeht. Inzwischen gilt die Mittelmeermöwe als eigene Art. (dab)

 

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