Bankgebühren

Verärgerte Geschäftsleute initiieren Münzgeld-Börse

Wenn Geschäftsleute aus der Wetterau bei Banken Scheine gegen Münzgeld tauschen oder umgekehrt, werden Gebühren fällig. Manche empfinden dies als Abzocke und suchen nach Auswegen.
07. Juli 2018, 06:00 Uhr

Von Harald Schuchardt , 1 Kommentar
Auch Apotheker Bernd Ulrich beteiligt sich an der Aktion, weil er immer viel Münzgeld benötigt und sich über die Bankgebühren ärgert. (Fotos: Loni Schuchardt)

Geschäftsinhaber benötigen in ihrer Kasse viel Wechselgeld. Fehlen Münzen, gehen sie zu ihrer Bank oder Sparkasse und tauschen Scheine gegen Münzrollen. Umgekehrt ist es genauso: Wer zu viel Kleingeld in der Kasse hat, der zahlt es bei seinem Geldinstitut ein. Doch inzwischen nehmen Banken und Sparkassen für diesen Service Gebühren, die aus Sicht der Geschäftsinhaber recht happig sind. Das brachte Philipp Hahn, der seit 2012 mit seinen »Star Waffles« auf vielen Märkten und Festen zu finden ist, im Frühjahr auf die Idee, eine Art »private Münzbörse« zu initiieren.

Hier können Geschäftsleute, die Kleingeld benötigen, Münzen von denjenigen erhalten, die zu viel haben. Der Bad Nauheimer Hahn hat meist zu viel, brachte sein Münzgeld zur Sparkasse Oberhessen. »Auf die Idee für die Münzbörse kam ich, als mir klar wurde, dass ich seit diesem Jahr 1,9 Prozent des eingezahlten Betrags oder mindestens 4,90 Euro pro Einzahlung von Münzgeld als Gebühr zahlen muss. Ab 2019 sind es sogar 3 Prozent oder mindestens 7,50 Euro.«

Echter Kostenfaktor

Wie sich im Gespräch mit einigen Bad Nauheimer Einzelhändlern herausstellte, holen sich viele regelmäßig Münzgeldrollen und ärgern sich ebenfalls über die Gebühren. Hahn: »Das ist ein echter Kostenfaktor geworden.« So reifte die Idee, ein »Börse« einrichten, zu der Hahn sein überschüssiges Münzgeld bringt. Händler, die Bedarf an Kleingeld haben, holen sich die Münzen ab.

Beim Waffelverkauf fällt viel Kleingeld an, deshalb hat Philipp Hahn (vorne) die Münzgeldbörse initiiert.
Beim Waffelverkauf fällt viel Kleingeld an, deshalb hat Philipp Hahn (vorne) die Münzgeldb...

Auf einen entsprechenden Facebook-Post bekam der »Waffelmann« viel positive Resonanz. Hahn: »Etliche Händler sind, genauso wie ich, erzürnt über die neue Belastung. Sogar ein Mitarbeiter der Sparkasse hat mir geschrieben, dass er und seine Kollegen die Idee, einen selbstverwalteten Umschlagplatz zu organisieren, sehr gut finden.«

Facebook-Gruppe

Auch in Friedberg gibt’s Interesse an dieser »Börse«, unter anderem von »Friedberg-hat’s«-Vorstandsmitglied Claudia Claussen und Apotheker Bernd Ulrich. Schnell waren zwei Freiwillige gefunden: Ulrichs Engel-Apotheke und ein Einzelhändler aus Bad Nauheim fungieren seitdem als Sammelstelle. In der Facebook-Gruppe postet Hahn immer die Zeiten, zu denen man Geld abgeben kann und welche Rollen in welchen Mengen vorrätig sind. Da die Nachfrage nach Münzgeld jedoch höher ist, als Hahn mit seinem Waffelstand einnimmt, stellte sich die Frage, wie man an mehr Münzgeld kommt.

Eine Anfrage an die Stadt Friedberg, ihre Einnahmen aus Parkscheinautomaten einzubringen, wurde abgelehnt. Wie Hahn erzählt, habe er von einem Mitarbeiter eines Geldinstituts erfahren, dass die Stadt Bad Nauheim zum Beispiel keine Gebühren für Bargeldeinzahlungen zahlen muss. »Das hat mich wirklich aufgeregt.« Nach Ansicht des 23-Jährigen steckt viel Politik hinter Entscheidungen, den Bargeldverkehr teurer zu machen.

»Ich bin ja ein großer Fan vom Bezahlen mit Karte, aber es würde bei mir am Stand bei den Kleinbeträgen keinen Sinn machen und noch mehr Gebühren verursachen«, sagt der Jungunternehmer. »Aber warum muss das alles auf unserem Rücken ausgetragen werden. Das ist für mich völlig unverständlich. Wir Händler müssten diese Kosten ja irgendwie an die Endkunden weitergeben.«

Auch Privatleute können mitmachen

Bernd Ulrich sieht das genauso, hat aber so gut wie keine Möglichkeit, die Preise entsprechend zu erhöhen. »Ich kann ja auf die Rezepte keinen Aufschlag erheben, weil ich höhere Kosten habe.« Der Apotheker hatte bei der Sparkasse angefragt, ob er eine größere Summe Kleingeld, die er für ein halbes Jahr benötigt, auf einmal kostenlos erhalten kann. Das sei aber nicht möglich gewesen.

Deshalb informierte er seine Kunden über die Möglichkeit, bei ihm Kleingeld abzugeben. »Das funktioniert sehr gut. Auch Uli Lang vom Alten Hallenbad bringt nach Veranstaltungen das nicht mehr benötigte Kleingeld«, freut sich Ulrich. Er und Hahn hoffen, dass sich mehr Geschäftsleute, aber auch Privatpersonen an der Börse beteiligen.

 

Info

Banken: Service verursacht hohe Kosten

Für die Sparkasse Oberhessen und die Volksbank Mittelhessen sind die Münzgeld- Gebühren unverzichtbar. Wie Dennis Vollmer, PR-Manager und Referent Vorstandsstab bei der Volksbank, erklärt, sei sein Arbeitgeber eine der wenigen Banken in der Region, die noch Hartgeld in großem Umfang annimmt oder ausgibt und damit eine flächendeckende Versorgung sicherstellt. Modernste Anlagen prüften das Münzgeld auf Echtheit, so wie es die Europäische Zentralbank fordert. Die Gebühren für die Einzahlung von Münzgeld machten für Geschäftskunden 5 Euro pro Safebag (versiegelter Plastikbeutel) aus. Privatkunden zahlten 1 Euro, die Einzahlung auf Sparkonten sei kostenfrei. Für jede Münzgeldrolle berechnet die Voba 50 Cent. Vollmer: »Wie jeder Kaufmann müssen wir ein Auge auf die Kostenseite haben. Insofern haben wir uns dafür entschieden, diese Dienstleistung angemessen zu bepreisen.« Mit dem erheblichen Aufwand für Annahme und Ausgabe von Münzgeld begründet auch Dominik Kuhn, Bereichsdirektor Kommunikation der Sparkasse Oberhessen, die Gebühren: »Wir sind gesetzlich verpflichtet, alle eingezahlten Münzen auf Echtheit zu prüfen. Nicht mehr benutzbare Münzen müssen aussortiert werden. Das Geld muss gezählt, gerollt und verpackt werden. Das ist mit viel Handarbeit verbunden. Wir bieten Münzeinzahlungen und Rollengeld zum Selbstkostenpreis an.« Nur so könne die Sparkasse den Münzservice weiterhin flächendeckend anbieten. Kuhn weist auf eine Reihe von Sonderregelungen hin. So sind Münzeinzahlungen auf Konten von Kindern und Jugendlichen ebenso kostenfrei wie Einzahlungen am Weltspartag (30. Oktober). Die Annahme von bis zu 50 Münzen kostet nichts, Vereine, gemeinnützige Organisationen und kirchliche Gruppen müssen generell keine Gebühr zahlen, sofern sie ein Konto bei der Sparkasse haben. Ansonsten gilt: Münzeinzahlungen kosten 1,9 Prozent vom Wert (mindestens 4,90 Euro), für Rollengeld werden 35 Cent pro Rolle fällig, Rollen mit 1-Cent-Münzen sind kostenfrei. (har)

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