06. August 2018, 21:07 Uhr

Unerträgliche viereinhalb Stunden

06. August 2018, 21:07 Uhr
Kommt dieser Mann nach seiner Haftstrafe auf freien Fuß? Das Gießener Landgericht muss über die Sicherungsverwahrung für einen 53-Jährigen neu entscheiden. (Foto: jwn)

Wegen eines Formfehlers muss der Fall eines Sexualstraftäters aus Ober-Mörlen noch einmal vor der Jugendkammer des Gießener Landgerichts neu aufgerollt werden. Das ordnete der Bundesgerichtshof an, nachdem der Angeklagte Revision eingelegt hatte (die WZ berichtet).

Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil (acht Jahre Haft) gegen einen heute 53-Jährigen wegen 21-fachen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie des Besitzes von kinderpornografischen Videos in fünf Fällen zwar bestätigt, in einem Punkt aber eine erneute Prüfung angeordnet: die anschließende Sicherungsverwahrung. Das Gießener Gericht habe diese nicht ausreichend begründet, als es den Angeklagten für dauerhaft allgemein gefährlich einstufte. Es fehle die Verhältnismäßigkeitsprüfung durch das Gericht; sprich: Warum es von einer konkreten Rückfallgefahr ausgeht.

Der heute 53-Jährige war 2002 bereits zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe wegen Unzucht mit Kindern in acht Fällen verurteilt worden. Seiner Ehefrau habe er damals gesagt, es handle sich um einen Justizirrtum. Er habe die Taten auf Anraten seines Rechtsanwaltes nur zugegeben, um ein milderes Urteil zu erlangen, so ein Vorwurf. Vor Verwandten hätten sie »Steuerschulden« als Haftgrund vorgeschoben.

Er ist nie im Bild zu sehen

Doch kaum aus dem Gefängnis, sah sich der Angeklagte offenbar direkt nach dem nächsten Opfer um. Mit einer 18-Jährigen drehte er pornografische SM-Filme. Ab 2010 wandte er sich den Halbgeschwistern seiner Ehefrau zu. Die waren zu dem Zeitpunkt sechs (das Mädchen) und acht (der Junge) Jahre alt.

Viereinhalb Stunden dauerte die Verlesung der Schandtaten mit den Kindern – die nach Angaben des Angeklagten beide freiwillig mitgemacht haben. Daran aber hat das Gericht seine Zweifel. Als Beweis führte es die vielen Fotodateien und Videoclips an, in denen der Mann den Kindern klare Befehle zum Ausziehen und zu obszönen Taten gibt. Der Angeklagte hat von alldem Fotos und Videos angefertigt – wobei er stets sorgsam darauf achtete, nicht selbst im Bild zu erscheinen.

Auf die Spur ist ihm das Bundeskriminalamt aufgrund sorgfältiger Recherche gekommen – und auch mit ein wenig Glück: In Berlin war ihm ein Mann ins Netz gegangen, der auf einer schwedischen Internetplattform Geschäfte mit kinderpornografischen Fotos gemacht hatte. Unter anderem auch mit einem Unbekannten in Ober-Mörlen. Nach einigen Abhöraktionen und polizeilichen Vernehmungen stellte sich heraus, dass nicht er der Gesuchte war, sondern sein Nachbar.

Der hatte ihm das WLAN installiert und so die Zugangsdaten erhalten. Als das BKA an der Haustür des 53-Jährigen klingelte, war der über seinen Chatroom im Internet vorgewarnt worden und hatte alle Dateien auf seinen Computer mit einem speziellen Programm gelöscht. Fehler hat er trotzdem gemacht: Das BKA konnte ihm nachweisen, dass er zwei Tage vor der Durchsuchung fünf USB-Sticks an seinen Computer gesteckt hatte. Wenig später entdeckten die Beamten die Speichermedien; versteckt im Bettpfosten im Schlafzimmer.

Als die Ehefrau von den neuerlichen Vorfällen hörte, ließ sie sich sofort scheiden. Ihre beiden Halbgeschwister hatten schon beim ersten Prozess nicht ausgesagt und stehen auch im laufenden Prozess nicht zur Verfügung. Sie hätten sich aber seither spürbar verändert, berichtet ihre Mutter, jetzt wo sie den Grund kennt.

Der Prozess wird am Mittwoch am Landgericht fortgesetzt.

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