04. Oktober 2018, 19:53 Uhr

Sorge um wertvolle Sekunden

04. Oktober 2018, 19:53 Uhr
Prof. Tibo Gerriets ist Chefarzt der Stroke Unit am Friedberger Bürgerhospital. Er betont, dass es bei der Behandlung von Schlaganfallpatienten auch um Schnelligkeit geht.

Ein Urteil des Bundessozialgerichts sorgt für Unruhe bei Medizinern, Fachgesellschaften und Krankenhausbetreibern. Dabei geht es um das Zeitfenster für die Verlegung von Schlaganfallpatienten aus einem regionalen Schlaganfallversorgungszentrum (Stroke Unit) in eine Spezialklinik mit neurochirurgischer Abteilung. Bislang durfte die reine Transportzeit des Patienten im Rettungswagen oder Hubschrauber 30 Minuten dauern. Seit dem Richterspruch vom 19. Juni soll die Halbstundenfrist bereits mit der Entscheidung für die Verlegung beginnen und mit der Übergabe des Patienten an den Neurochirurgen enden. Ist dieses Kriterium nicht gewährleistet, können Krankenkassen die Zusatzvergütung für alle Schlaganfallpatienten – nicht nur für die von der Verlegung betroffenen – dieses Krankenhauses um bis zu 30 Prozent kürzen.

750 000 Euro könnten jährlich fehlen

Das habe das Gesundheitszentrum Wetterau (GZW) bereits zu spüren bekommen, wie Geschäftsführer Dr. Dirk M. Fellermann in einem Expertengespräch am Hochwaldkrankenhaus in Bad Nauheim erläuterte. Eine Verlegung von Patienten aus der Stroke Unit am Friedberger Bürgerhospital zum Kooperationspartner, der Neurochirurgie der Uniklinik Gießen, sei nach diesen Zeitvorgaben nicht zu schaffen. Prompt habe eine Versicherung die Zusatzvergütung für Schlaganfallpatienten des GZW gekürzt und auch Zahlungsrückforderungen gestellt. Andere Kassen würden den vollen Betrag nur unter Vorbehalt zahlen. Im Ernstfall könnten rund 750 000 Euro jährlich weniger in die Kasse des GZW fließen, was das Aus für die ortsnahe Schlaganfallversorgung bedeuten würde. Für die Ärzte ein Grund, um Alarm zu schlagen und für den Wetteraukreis zuständige Bundestagsabgeordnete bei dem Gespräch am Dienstag um Unterstützung zu bitten.

Der richterliche Spruch könne für die Schlaganfallversorgung im ländlichen Raum einen Kahlschlag anrichten, kritisierte Fellermann. Von den derzeit 320 zertifizierten Stroke Units in Deutschland könnten nur etwa 50 in den Ballungszentren den neuen Kriterien genügen. Dass diese dann die Patienten der anderen Einheiten mitversorgen könnten, sei mehr als fraglich.

Prof. Tibo Gerriets, Chefarzt der Stroke Unit in Friedberg, sieht den Grundsatz der Schlaganfallversorgung »Time is Brain!« (Zeit ist Gehirn) konterkariert. »Bei Schlaganfallpatienten entscheiden eine schnelle Diagnose und komplexe Behandlung über Leben und Tod sowie über eine mögliche Behinderung.« Deshalb habe man in den beiden zurückliegenden Jahrzehnten flächendeckend Stroke Units für die Behandlung der Patienten aufgebaut. Seitdem sei das Risiko der rund 270 000 Schlaganfallpatienten in Deutschland, zu sterben oder schwerbehindert zu werden, statistisch um 31 Prozent gesunken. Das Verhalten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und einiger Krankenkassen könne nun das erfolgreiche Modell miteinander kooperierender regionaler und überregionaler Stroke Units zerschlagen. »Mit der Folge, dass Schlaganfallpatienten künftig wieder lange Wege durch die Republik fahren müssen, bevor sie behandelt werden können.«

Dr. Reinhold Merbs, Leiter des Rettungsdienstes im Wetteraukreis, erläuterte, wie die Patienten in einem eingespielten Prozess zwischen den Ärzten der Stroke Units und des Rettungsdienstes schnellst- und bestmöglich während der Verlegung versorgt werden. Eine direkte Zuordnung dieser Patienten in die Neurochirurgie sei grundsätzlich nicht möglich, weil eine Diagnose nur mittels CT gestellt werden könne.

Die Ärzte des GZW appellierten an die Bundestagsabgeordneten Bettina Müller von der SPD und Kordula Schulz-Asche (Grüne), auf das Bundesgesundheitsministerium einzuwirken und die bisherige Auslegung der Transportzeit als verbindlich zu erklären – und zwar vor dem abrechnungsrelevanten Datum 1. Januar 2019. Ein Brief an die Landesregierung wird ebenfalls bald abgeschickt. Zumindest bei den beiden Bundestagsabgeordneten rannten sie offene Türen ein. Eine Anfrage der Grünen wird derzeit vom Ministerium geprüft. (Foto: GZW)

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