21. Juni 2018, 14:00 Uhr

Kindesmisshandlung

Richterin: Justin hätte sterben können

Sein Körper war übersät mit blauen Flecken, zwei Rippen des Jungen waren gebrochen. Seine Mutter, eine 23-jährige Rockenbergerin, wurde nun verurteilt. Sie hatte die Vorwürfe abgestritten.
21. Juni 2018, 14:00 Uhr
Hat eine junge Rockenbergerin ihr wenige Monate altes Kind misshandelt? Ja, sagt das Friedberger Jugendschöffengericht, das die 23-Jährige zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Frau streitet die Tat ab. Ihr Sohn lebt heute in einer Pflegefamilie. (Symbolfoto: dpa) (Foto: Jörg Lange (dpa-Zentralbild))

Tränenüberströmt sitzt Fabienne F. (Name geändert) auf der Anklagebank. Richterin Franzke, Vorsitzende des Friedberger Jugendschöffengerichts, erklärt ihr am Mittwoch, warum sie davon überzeugt ist, dass F. und niemand anders für die Verletzungen ihres Sohnes verantwortlich ist. F. bleibt auf freiem Fuß, die Freiheitsstrafe von 18 Monaten wird zur Bewährung ausgesetzt.

Im Laufe des mehrmonatigen Gerichtsprozesses war deutlich geworden, dass F. die Schwangerschaft 2016 unter prekären Verhältnissen durchlebt hatte. Die damals 20 Jahre alte Schulabbrecherin war obdachlos, der Kindsvater saß im Gefängnis. Im August kam Justin (Name geändert) sechs Wochen zu früh zur Welt. In seinem Urin wurden Drogen nachgewiesen, F. gab vor Gericht zu, kurz vor der Geburt gekifft zu haben.

 

Im Alter von 16 Jahren ausgezogen

 

Nach der Entbindung hatte die mittellose zierliche Blondine die Wahl: Bei ihrer Mutter und den Halbgeschwistern in Rockenberg einziehen und beim Kind bleiben oder obdachlos sein und riskieren, dass Justin in Obhut genommen wird. Sie ging zurück ins Elternhaus.Von dort war sie im Alter von 16 Jahren ausgezogen. Dem Gericht schilderte sie, dass sie dort auch mit Justin nicht habe bleiben wollen.

 

Kind lebt in Pflegefamilie

 

Eine Mitarbeiterin des Jugendamts schaute vorbei, kurz nachdem F. mit ihrem Sohn eingezogen war. Sie berichtete, sie habe das Gespräch mit F. gesucht. Auch F.s Mutter sei dabeigewesen. Sie habe Justin auf dem Arm gehalten, habe sich erkundigt, was sie unternehmen müsse, um die Vormundschaft für das Kind zu bekommen. Man verblieb so, dass F. sich meldet, sollte es Probleme geben. Schon Jahre zuvor hatte die Mitarbeiterin Kontakt zur Familie. Nachbarn hatten den Verdacht geäußert, F. werde geschlagen. F.s Mutter habe das allerdings entkräftet. Auch später, als F. auszog, war das Jugendamt informiert.

Die Mutter der Angeklagten sagte aus, ihre Tochter habe ihr Justin vorenthalten. Sie habe den Jungen nur selten auf den Arm nehmen dürfen. Ratschläge bezüglich der Pflege des Kindes habe F. abgelehnt. F.s leibliche Schwester, die selbst früh von daheim wegging, sagte ebenfalls aus. Sie ließ kaum ein gutes Haar an F. Die jüngere Halbschwester berichtete, F. habe den weinenden Justin einmal angeschrien, er solle »die Fresse halten«.

 

Alarmglocken des Kinderarztes schrillen

 

Auch Justins Kinderarzt war im Prozess zu Wort gekommen. Ihm fiel bei einer Untersuchung im Dezember 2016 auf, dass der vier Monate alte Junge übersät war mit blauen Flecken. Seine Alarmglocken schrillten: Der Säugling wurde noch am selben Tag in der Gießener Uniklinik untersucht. Das Ergebnis: Justin hatte zwei gebrochene Rippen, eine Schädelblutung und ein Schütteltrauma. Er musste mehrere Tage in der Klinik bleiben, wurde danach in Obhut genommen. Er lebt bis heute in einer Pflegefamilie, entwickelt sich laut dieser altersgerecht.

Ein Mediziner berichtete im Zeugenstand, Justins Verletzungen müssten dem Kind zu mindestens zwei verschiedenen Zeitpunkten zugefügt worden sein. Die Verletzungen zeigten: Justin wurde geschüttelt.

Meinung

Nicht genau hingesehen

Das Friedberger Jugendamt hat sich im Fall von Fabienne F. und ihrem kleinen Sohn nicht mit Ruhm bekleckert. Den Mitarbeitern war seit Jahren bekannt, dass es Probleme innerhalb der Familie gibt, dass F. nicht mit ihrer Mutter klarkommt, weshalb sie früh auszog. Das Verhältnis war so zerrüttet, dass F. selbst die Obdachlosigkeit einer Rückkehr ins Elternhaus vorzog. Nach der Geburt ihres Sohnes stand sie vor der Entscheidung: das Kind abgeben oder mit dem Neugeborenen wieder bei der Mutter einziehen. F. entschied sich für Letzteres. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts schaute nur ein Mal bei ihr in Rockenberg vorbei. Folgebesuche? Fehlanzeige. Es wurde auch keine weitere Hilfe, etwa eine Hebamme, vermittelt. Erst, als der Säugling Wochen später mit Knochenbrüchen und Schütteltrauma in der Klinik lag, sah F. die Mitarbeiterin des Jugendamts wieder. Zu spät. Dass der Junge noch lebt, ist reine Glückssache. (lk)

 

Angeklagte lenkt Verdacht auf Mutter

 

F. stritt während des Prozesses ab, ihr Kind verletzt zu haben. Sie lenkte den Verdacht auf ihre eigene Mutter, schließlich habe auch die sich ab und zu um Justin gekümmert.

Oberstaatsanwältin Yvonne Vockert schloss das aus. »Warum hätte sie das tun sollen?« Vockert sprach sich für eine Haftstrafe von zwei Jahren und vier Monaten aus.

Verteidigerin Ulrike Ristau plädierte auf Freispruch, es gebe zu viele Zweifel. Tatzeit und Tathergang seien auch nach der umfangreichen Beweisaufnahme unklar. Außerdem habe F.s Mutter Justin wenige Tage vor der Untersuchung gebadet. »Es gibt also eine Alternative-Möglichkeit, wie das hätte passieren können«, sagte sie. Richterin Franzke und Schöffen bewerteten das anders, verurteilten F. nach Jugendstrafrecht. »Es kommt für uns kein anderer Täter als Sie infrage«, sagte Franzke zu F.

Die Richterin zeigte Verständnis für die schwierige Lebenssituation, in der sich F. nach Justins Geburt befand. Dennoch: »Justin hätte sterben können. Es ist ein großes Glück, dass er sich normal entwickelt.«

Info

Baby niemals schütteln

Säuglinge schreien in den ersten Monaten teilweise mehrere Stunden pro Tag. Für frischgebackene Eltern ist das oft nur schwer zu ertragen. Wer die Kontrolle verliert und sein Kind schüttelt, kann ihm massive Verletzungen zufügen. Der Kopf schleudert hin und her, Nervenbahnen können reißen, Blutgefäße platzen. Zwischen 10 und 30 Prozent der Kinder sterben. Jährlich werden in Deutschland schätzungsweise zwischen 100 und 200 Babys und Kleinkinder mit Schütteltraumata in Kliniken gebracht. Hilfe bekommen Eltern bei Ärzten, Hebammen, in Schreiambulanzen, wie sie die Gießener Uniklinik hat, bei Familienberatungsstellen und am Elterntelefon (Tel. 08 00/1 11 05 50). (bf)

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