23. Mai 2018, 19:52 Uhr

JVA Rockenberg

Prozess gegen Seelsorger: »Schilderung schien glaubhaft«

Einem Mann der Kirche wird vorgeworfen, sich an seinen Schützlingen vergangen zu haben. Allerdings steht auch ein Erpressungsversuch seitens der Häftlinge gegen den Geistlichen im Raum.
23. Mai 2018, 19:52 Uhr
Im Rockenberger Jugendgefängnis soll ein Geistlicher drei Häftlinge sexuell missbraucht haben. (Symbolfoto: Nici Merz)

Der Prozess gegen den früheren katholischen Seelsorger des Rockenberger Jugendgefängnisses, der Häftlinge sexuell missbraucht haben soll, gestaltet sich zäh: Bereits zum Prozessauftakt und zum Fortsetzungstermin in der vergangenen Woche waren Zeugen nicht erschienen, darunter der Hauptbelastungszeuge. Auch am dritten Prozesstag am Friedberger Amtsgericht glänzte ein Zeuge, ein früherer JVA-Insasse, durch Abwesenheit. Für diese konnte der junge Mann letztlich nichts: Er wurde just am Tag der Verhandlung vom Gefängnis in Wiesbaden nach Butzbach gebracht.

Der Angeklagte indes hielt an seiner Strategie fest, äußerte sich nicht zu den Vorwürfen der Anklageschrift. Laut dieser soll der Geistliche 2015 und 2016 Einzelmeditationsstunden dazu genutzt haben, um sich drei Schützlingen zu nähern. Bei allen Männern handelt es sich um Muslime. Im Gegenzug sollen sie vom 54-jährigen Angeklagten Tabak oder Leihgeräte wie Fernseher und CD-Player bekommen haben. Auch soll ein Häftling aus dem Büro des Seelsorgers heraus mit seiner Familie telefoniert haben dürfen.

Richter muss in den Zeugenstand

Am dritten Verhandlungstag sagte nun ein Richter aus, der zwei frühere Häftlinge des Rockenberger Gefängnisses vernommen hatte, nachdem die Ermittlungen gegen den Seelsorger ins Rollen gekommen waren. Der 65-Jährige, der inzwischen im Ruhestand ist, hatte auch den Hauptbelastungszeugen gehört. Bei ihm handelt es sich um einen Flüchtling, der für die Justiz nicht greifbar und inzwischen über alle Berge zu sein scheint.

Laut Anklageschrift war jener Häftling vom Seelsorger bei einem Treffen im Intimbereich massiert worden. Bei einem weiteren Treffen soll es zum Oralverkehr gekommen sein, bei einem dritten habe der Angeklagte den Versuch unternommen, den jungen Mann zum Sex zu überreden, heißt es in der Anklage weiter. Der Inhaftierte hatte dem Richter gegenüber allerdings nur vom ersten Treffen berichtet. Er sei zur Einzelmeditation ins Büro des Seelsorgers gekommen. Dort sei Decken auf dem Boden ausgebreitet gewesen, Musik sei gelaufen, Kerzen hätten geleuchtet. Der Richter schilderte, der junge Mann habe ihm erzählt, bei einer anschließenden Massage habe der Angeklagte ihn dann überall, auch im Intimbereich, berührt. »Das hat er aber als sexuell neutral angesehen«, sagte der Richter. Die Schilderung des Mannes sei ihm glaubhaft erschienen.

Über weitere Treffen habe der Zeuge nicht sprechen wollen. »Er berief sich auf sein Schweigerecht. Aber es sei viel schlimmer gewesen als beim ersten Mal.« Entsprechende Nachfragen habe der Zeuge abgeblockt, der junge Mann habe sich zudem darauf berufen, über die Vorfälle mit einer Psychologin geredet zu haben, die er von ihrer Schweigepflicht entbinde.

Zudem berichtete der Richter von der Vernehmung eines weiteren früheren Häftlings des Rockenberger Gefängnisses, der mit eben jenem Hauptbelastungszeugen gesprochen haben will. Besagter Zeuge habe seinem Mithäftling ein Aufnahmegerät gegeben und geraten, heimlich eine Aufnahme eines sexuellen Übergriffs zu machen, was dieser auch getan habe.

Bereits zum Auftakt des Prozesses war klar geworden, dass von einigen Insassen des Gefängnisses wohl der Plan verfolgt wurde, den Angeklagten mit einem Mitschnitt zu erpressen. Ob der Seelsorger also letztlich Opfer einer Verschwörung schwerer Jungs geworden ist oder selbst Probleme mit dem Gesetz hat, ist derzeit weiterhin völlig unklar.

Der Prozess wird kommende Woche fortgesetzt, gleich mehrere Zeugen sollen dann vorgeführt werden.

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