01. Juni 2018, 13:00 Uhr

Überraschung

Prozess gegen JVA-Seelsorger: Zeuge flieht durch offenes Fenster

Weiterhin schwierig zeigt sich die Wahrheitsfindung im Prozess gegen einen ehemaligen Seelsorger der JVA Rockenberg. Auch weil ein Belastungszeuge durch ein offenes Fenster abhaute.
01. Juni 2018, 13:00 Uhr
Was hat sich hinter den Mauern der JVA zugetragen? Diese Frage wird derzeit vor Gericht zu klären versucht. (Foto: nic)

Die Jugendlichen, die in ersten Vernehmungen angaben, von ihm missbraucht worden zu sein, machen vor Gericht zum Teil widersprüchliche Aussagen. Ein Belastungszeuge, der von der Polizei zur Vernehmung vorgeführt wurde, floh durch ein offenes Fenster.

Es war ein Zeuge, dessen Aussage sich das Gericht zunächst sicher glaubte. Schließlich hatte er, als er das erste Mal geladen war, noch telefonisch nachgefragt, ob er noch pünktlich zu einem Anschlusstermin kommen könne. Als er zweimal schriftliche Ladungen nicht befolgt hatte, ließ Richterin de Nève ihn am vierten Verhandlungstag von der Polizei vorführen. Dagegen und dass er bis zu seiner Vernehmung in einer Zelle warten sollte, protestierte er heftig. »Ich bin ein freier Mann, ich gehöre nicht in den Bunker.« Als ein Wachtmeister ihn wieder in die Zelle zurückbringen wollte, waren vom Flur laute Stimmen zu hören. »Er ist flitzen gegangen«, berichtete der Beamte kurz darauf. Das angebliche Opfer sexueller Übergriffe hatte ein wegen der Sommerhitze geöffnetes Flurfenster zur Flucht genutzt.

Ich bin ein freier Mann, ich gehöre nicht in den Bunker

Der Zeuge

Dafür konnten zwei Zeugen, die immer noch in Haft sitzen, gehört werden. Der erste, ein 22-Jähriger, der, angeblich um den Seelsorger zu erpressen, dem Hauptbelastungszeugen und Nebenkläger ein Diktiergerät gegeben hatte, zog dessen Glaubwürdigkeit in Zweifel. »Er hat viel rumerzählt, es war nicht wirklich etwas, was man glauben konnte«, erklärt er, dass er an den Berichten über den sexuellen Missbrauch zunächst gezweifelt habe.

Deshalb hätte der Hauptbelastungszeuge die Gespräche mit dem Angeklagten bei einer der Einzelmeditationen aufnehmen sollen. Die Bandaufnahme habe jedoch keine eindeutigen Rückschlüsse zugelassen. Dass der Seelsorger mit Vergünstigungen wie Telefongesprächen mit Angehörigen, ausgeliehenen Fernsehern und Zigaretten besonders großzügig war, sei nicht ungewöhnlich gewesen, erläutert der Zeuge. »Das kenne ich von allen Anstalten, wo ich war, dass die katholische Gemeinde mehr zur Verfügung hatte.«

 

Missbrauch während der Einzelmeditation?

 

Der zweite jugendliche Häftling, ein 20-jähriger Algerier betont, dass er nicht nur Zeuge, sondern auch Geschädigter sei. Bei der polizeilichen Vernehmung hatte er angegeben, dass der Angeklagte ihm einmal während einer Einzelmeditation den Penis aus der Hose gezogen und geküsst habe. In der Vernehmung vor Gericht berichtet er von vier solchen Vorfällen. Dass er die Vorfälle nicht bei der Anstaltsleitung gemeldet und stattdessen weiter geduldet habe, versuchte er mit Ängsten zu erklären. Er habe »gedacht, wenn ich etwas von dieser Meditation erzähle, wird er mir Schaden zufügen«, gab ein Dolmetscher die Worte des Zeugen wieder. Auf dem Weg zurück in die Zelle von einer Einzelmeditation habe der Seelsorger ihm gesagt, wenn er Schwierigkeiten mache, werde er abgeschoben.

Im weiteren Verlauf der Vernehmung erklärte der 20-Jährige, der Seelsorger habe ihm gesagt, dass er in seinem Heimatland besser lebe als in Deutschland in Haft.

 

Übergriffe aus Angst geduldet?

 

Er habe die Einzelmeditationen während seiner beiden Inhaftierungen in Rockenberg regelmäßig besucht, weil der Seelsorger ihm ermöglicht habe, mit seinem schwer kranken Großvater zu telefonieren. »Wenn ich das nicht zugelassen hätte, hätte ich nicht telefonieren dürfen«, begründete der Zeuge, warum er die Übergriffe geduldet habe.

Der Zeuge schilderte, dass die Übergriffe schwere Folgen für ihn gehabt hätten. Nach dem Tod seines Großvaters habe er vorsätzlich Probleme in Rockenberg gemacht, um von dort verlegt zu werden. Er sei psychisch erkrankt und habe mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen. Er habe Psychopharmaka bekommen.

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