19. August 2018, 18:00 Uhr

Prozessauftakt

Prozess am Landgericht: Ist 34-jähriger Brandstifter oder Brandopfer?

Die Zeit hat wichtige Erinnerungen verblassen lassen. Das wurde zum Auftakt des Berufungsverfahrens im Florstädter Brandstifungsprozess deutlich. Der Angeklagte streitet die Taten ab.
19. August 2018, 18:00 Uhr
Vom Kinderwagen ist nur noch das Gerippe übrig. Bevor es am 2. September 2013 im Haus in der Altenstädter Straße 10 in Nieder-Florstadt gebrannt hat, hatten im Hof des Anwesens mehrfach die Flammen gelodert, brannte Müll oder ein Unterstand. (Archivfoto: Nolte)

Der Prozess gegen einen mutmaßlichen Brandstifter aus Florstadt geht in die nächste Runde: Erst im März war Michael F. (Name geändert) vom Friedberger Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Dr. Markus Bange zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Drei Jahre sollte er hinter Gitter, befand das Gericht. Der 34-jährige Familienvater legte Berufung ein.

Am Gießener Landgericht beginnt das Verfahren nun von vorne. Nochmals werden Zeugen gehört und potenzielle Beweise gesichtet. Zu Beginn des Verfahrens verlas Richter Heiko Söhnel das Urteil des Schöffengerichts. Das war davon ausgegangen, dass der langzeitarbeitslose F. verantwortlich für eine Brandserie ist, die im Spätsommer 2013 die Florstädter Wehr in Atem hielt. Immer wieder hatte es damals vor und einmal auch im Wohnhaus der Familie des Angeklagten in der Altenstädter Straße 10 gebrannt. Blieb es zunächst bei Sachschäden, wurden beim Wohnhausbrand am 2. September die Ehefrau von F., fünf ihrer Kinder sowie ein Nachbar verletzt.

 

Angeklagter bestreitet Tat

 

Bei diesem Brand soll F. laut Schöffengericht einen Kinderwagen angezündet haben, der im Erdgeschoss des von der Familie angemieteten Fachwerkhauses abgestellt war. Das Feuer hatte sich in den Flur ausgebreitet. Der Familie des Angeklagten, die sich im Dachgeschoss aufhielt, war der Fluchtweg versperrt. Sie musste über Leitern gerettet werden. Der Angeklagte befand sich derweil mit einem seiner Kinder im Supermarkt. F. habe gehofft, die Familie bekomme eine andere, eine bessere Wohnung zugewiesen, hatte das Friedberger Gericht als Motiv angenommen.

Zwischen F. und dem Vermieter soll es Differenzen gegeben haben. Die Großfamilie war erst wenige Monate zuvor in das Haus eingezogen, habe an den Wänden dann aber Schimmel entdeckt, außerdem sei bei einem Sanierungsversuch der Putz von der Decke gekommen. Die Frau des Angeklagten sei unzufrieden mit dem Haus gewesen, hieß es in der Urteilsbegründung.

»Ich war es auf keinen Fall«, sagte F. jetzt zum Auftakt des Berufungsverfahrens. Richter Söhnel wollte wissen, warum er dann gegenüber der Polizei 2013 ein anderslautendes Geständnis abgegeben habe. »Ich weiß, das hätte ich nicht machen dürfen«, antwortete der großgewachsene Angeklagte. Er schilderte, zwei Monate nach dem Wohnhausbrand sei er von der Polizei daheim abgeholt und zur Dienststelle nach Friedberg gebracht worden. Er habe seine Anwältin nicht anrufen dürfen, sei von den Ermittlern nicht über seine Rechte informiert worden. Ein Polizist habe ihm während einer Zigarettenpause mitgeteilt, er müsse in Untersuchungshaft. Außer er gestehe, dann dürfe er wieder nach Hause. Also habe er gestanden und sich am Tag darauf einen Anwalt genommen.

 

Geständnis nach Zigarettenpause

 

Besagter Polizist, Leiter der Brandabteilung der Friedberger Kriminalpolizei, war jetzt wieder als Zeuge geladen worden. Der 52-Jährige beteuerte, der Angeklagte sei vor und während der Vernehmung immer wieder über seine Rechte informiert worden. F. sei keine Untersuchungshaft angedroht worden.

Richter Söhnel hakte nach. »Was genau wurde während der Zigarettenpause beredet?«, wollte er wissen. Schließlich spreche das Vernehmungsprotokoll eine deutliche Sprache: Vor der Zigarettenpause streite F. die Taten ab, danach gestehe er sie. »Ich bin fünf Jahre später nicht mehr in der Lage, das genau zu sagen«, antwortete der Ermittler. Aber: »Ich habe nicht gedroht und auch keine Versprechungen gemacht. Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, dass ich damit das gesamte Verfahren kippen würde.«

 

Noch kein Urteil gesprochen

 

Der Kripobeamte berichtete, nach den Bränden sei umfangreich ermittelt, seien zahlreiche Nachbarn vernommen worden. Einer von ihnen habe mitgeteilt, dass es Probleme mit dem Vermieter gebe und die Familie des Angeklagten habe ausziehen wollen. Der Polizist sagte: F. sei der einzige, der bei allen Bränden daheim gewesen sei. Es sei auszuschließen, dass ein technischer Defekt das Feuer verursacht habe. »Ich war und bin davon überzeugt, dass er alle Brände gelegt hat.« Der Prozess wird fortgesetzt.

Zwischen dem 11. August und dem 2. September 2013 hatte die Florstädter Wehr viel zu tun. Immer wieder brannte es vor, einmal sogar in einem Wohnhaus in der Altenstädter Straße 10 in Nieder-Florstadt. In dem Gebäudekomplex, in dem sich auch eine Buchhandlung befand, lebten drei Mietparteien, darunter der Angeklagte mit seiner Frau und sechs Kindern. Zunächst brannte ein Unterstand im Innenhof, dann im Hof gelagerte Gelbe Säcke, kurz darauf Mülltonnen, dann ein Kinderwagen. Am 2. September brannte es in dem Haus des Angeklagten, starker Rauch machte der Ehefrau und den Kindern die Flucht unmöglich. Nachbarn eilten mit Leitern zur Hilfe, holten die Frau und die von Ruß bedeckten Kinder aus dem Dachgeschoss. Sie alle kamen mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus. Bei der dramatischen Rettungsaktion wurde auch ein Nachbar verletzt. (lk)

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Immer wieder Feuer

Zwischen dem 11. August und dem 2. September 2013 hatte die Florstädter Wehr viel zu tun. Immer wieder brannte es vor, einmal sogar in einem Wohnhaus in der Altenstädter Straße 10 in Nieder-Florstadt. In dem Gebäudekomplex, in dem sich auch eine Buchhandlung befand, lebten drei Mietparteien, darunter der Angeklagte mit seiner Frau und sechs Kindern. Zunächst brannte ein Unterstand im Innenhof, dann im Hof gelagerte Gelbe Säcke, kurz darauf Mülltonnen, dann ein Kinderwagen. Am 2. September brannte es in dem Haus des Angeklagten, starker Rauch machte der Ehefrau und den Kindern die Flucht unmöglich. Nachbarn eilten mit Leitern zur Hilfe, holten die Frau und die von Ruß bedeckten Kinder aus dem Dachgeschoss. Sie alle kamen mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus. Bei der dramatischen Rettungsaktion wurde auch ein Nachbar verletzt. (lk)

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