Poetry-Slam im Cockpit

Poetry-Slam: Die Suche nach dem kleinen Glück

Wenn’s für das Erraten von Zitaten Umarmungen gibt, der Moderator seine Kochbücher verscherbelt und der Sieger durch Applaus ermittelt wird, ist wieder Poetry-Slam im Cockpit Reichelsheim.
12. Dezember 2017, 16:00 Uhr
Wortkünstler unter sich (v. l.): Sieger Martin Hönl erhält Applaus vom Zweitplatzierten Juston Buße und Moderator Andreas Arnold. (Foto: Wagner)

Die Teilnahmebedingungen sind denkbar einfach: Nur eigene Texte, sieben Minuten Zeit, keine Kostüme und Requisiten. Poetry-Slams wurden zwar 1986 in den USA erfunden, die deutsch-sprachige Szene des literarischen Vortragswettbewerbs gilt aber als die größte der Welt. Dabei ist viel Enthusiasmus im Spiel. Die Akteure bekommen meist nur die Fahrtkosten bezahlt; von ihrer Kunst können sie nicht leben.

Andreas Arnold veranstaltet und moderiert seit sechs Jahren Poetry-Slams in der Wetterau. Er hat eine »schleichende Kommerzialisierung« bei größeren Veranstaltungen festgestellt. Poetry-Slams werden gesponsert, die Gewinner erhalten Geldpreise. Arnold findet das gut. »Kunst braucht einen Gegenwert.« Meistens treten die Akteure kostenlos auf. In Reichelsheim bekamen die Gewinner Sachpreise; Arnold löst seine nicht vegane Kochbuchsammlung auf, verteilte Bücher über Eintopfgerichte und süße Desserts.

 

 

»Un? Wäi?« »Wäi’s halt so is!«

 

Singer-Songwriterin Pauli aus Bad Nauheim singt vom Weg zum Regenbogen. (Foto: Wagner)
Singer-Songwriterin Pauli aus Bad Nauheim singt vom Weg zum Regenbogen. (Foto: Wagner)

Sechs Teilnehmer waren am Start, in drei Runden wurden zuerst vier Halbfinalisten und dann der Sieger ermittelt. Die Bandbreite der poetischen Ausdrucksformen war groß. Mary Grebner aus Bad Nauheim las ein Durchhaltegedicht, das dazu aufrief, sich nicht verbiegen zu lassen. Mick Eisentraudt aus Gelnhausen trug einen witzigen Dialog aus dem Wartezimmer des Hausarztes vor und analysierte die dort typischen Kommunikationsmuster: »Un? Wäi?« »Wäi’s halt so is!« Unterhaltsam, aber nach der Vorrunde war für beide Schluss.

Wenn das Anti-Gespenster-Salz nicht mehr hilft und die Kinder nachts ins Ehebett fliehen, kommt der Gespentilator ins Spiel. Von »individuellen Vertriebsstrategien« für Gespenster berichtete Holger Rohlfs aus Griesheim mit viel Witz und Fantasie. Er hatte es ins Halbfinale geschafft, genauso wie Andrea Luther aus Franken, die in rhythmisierter Prosa von Gewalt, Rassendiskriminierung und Krieg erzählte. Es waren kaleidoskopartig vorgetragene Miniaturen, Bilder des Schreckens und der Wut.

 

 

Streitgespräch: Weihnachten vs. Silvester

 

Juston Buße hatte den weitesten Weg, er kommt aus Berlin, ist seit Jahren in der Szene erfolgreich, tritt bei Landes- und Bundesmeisterschaften an. In einem Streitgespräch ließ er Weihnachten auf Silvester treffen und verriet, dass das debile Grinsen der Menschen auf Weihnachtsmärkten nicht von der Vorfreude kommt, sondern vom Glühwein. Er habe das große Glück gesucht und das kleine Glück nicht mehr wahrgenommen, hieß es in einem ergreifenden Monolog über einen Mann am Abgrund. Das war große Vortragskunst, die Höchstwerte auf dem »Applausometer« erreichte: Die 40 Zuschauer klatschten sich die Hände heiß.

Noch bessere »Werte« bekam Martin Hönl aus Franken, ein Bär von Mann, der frei und »fränggisch« sprach und mit seiner offenen Art wie auch mit seiner beachtlichen Fähigkeit, selbst lange und schwierige Texte auswendig und ausdrucksstark vorzutragen, schnell Pluspunkte beim Publikum sammelte. Sein selbstironischer Umgang mit der eigenen Leibesfülle sicherte ihm den knappen Sieg, aber verloren hatte an diesem Abend sowie niemand.

 

 

Der Weg zum Regenbogen

 

Und es gab noch eine Gewinnerin. Die Singer-Songwriterin Pauli präsentierte wütende, traurige und Glück verheißende Lieder über den Weg zum Regenbogen, auf dem man so manches Mal orientierungslos hin und her läuft, immerhin aber in Bewegung bleibt. Pauli begeisterte mit ihrer starken und verletzlichen Stimme, mit Musik, die Punk mit Folk mixt und Texten, die in der Seele brennen. Zuletzt gewann die Bad Nauheimerin den Singer-Songwriter-Wettbewerb beim Freiraum-Festival im Sprudelhof. Ihr Begleiter Jörg Karl sorgte am sechssaitigen Bass für einen satten Groove und filigrane Riffs. Das war mindestens so großartig wie das virtuose Bluesharp-Solo von Gaststar Rick »Black Snurf« Walter.

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